CMNF

Meiner wunderbaren Freundin und Lebenspartnerin vertraue ich in allen Lebenslagen. Mit einem Wunsch versetzte sie mich allerdings kurzzeitig in Zweifel, ob das immer so sein muss. Sie hatte einen ausgesprochen eigenartigen Wunsch. Sie hatte für den Silvesterabend eine Einladung zu einer CMNF-Party. Und sie will hin, aber nur mit mir.  Nun, was ist das denn? Grinsend wundert sie sich. Dass du das nicht kennst, also nein, ich bin platt. Clothed Male, Nude Female. CMNF. Eine Silvester-Party, bei der alle Männer absolut „korrekt“ gekleidet sein müssen, sprich: Anzug und Krawatte, und alle Frauen nackt sind.

So ein Blödsinn, was willst du denn da? Das ist doch völlig doof. Sagte ich. Was soll das? Sie wundert sich, ich sei doch sonst nicht so zurückhaltend. Na klar sei das eine erotische Party, aber mit klaren Regeln. Keine Orgie. Es kommen Paare, single gentlemen, und single ladies. Die single gentlemen zahlen richtig viel, die Paare auch, die single ladies nichts. Die single gentlemen stellen etwa die Hälfte, die single ladies sind die kleinste Gruppe und haben deshalb große Auswahl. Sie hätte Lust das mal auszuprobieren….und sie kriegt mich rum.

Eine größere Jugendstil-Villa vor den Toren der Stadt. Das weitläufige Gelände verhindert neugierige Blicke hinein. Wir werden erwartet, das Passwort stimmt. Es ist auch das Codewort für die Garderobe. Schuhe und Schmuck bleiben an, den Rest geben wir ab. Wir bekommen je zwei venezianische Augenmasken und werden gebeten, im Erdgeschoss eine davon immer zu tragen. Beim Essen ist es optional. Weiß steht für „an gepflegter Unterhaltung interessiert“, und im Erdgeschoss finden ausschließlich diese gepflegten Unterhaltungen statt, an der Bar, an Empfangs-Stehtischen, an Sitzecken, bei Buffet und Getränken. Schwarze Maske steht für „es darf auch gerne mehr sein“, und das „gerne mehr“ ist dem Obergeschoss vorbehalten. Du kannst die Masken jederzeit wechseln, die Herren haben das absolut zu respektieren. Ein Herr, der sich danebenbenimmt, fliegt sofort raus, und dazu gehört auch, sich im Erdgeschoss nicht in korrekter Kleidung aufzuhalten.

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Wir spazieren rein, durchaus etwas unsicher. Natürlich mit der weißen Maske auf. Eine unwirkliche Szene bietet sich uns. An der Bar sitzen einige Paare mittleren Alters, Ladies nackt, Gentlemen penibel korrekt gekleidet, und nippen an Cocktails. Soweit ich sehen kann, haben alle Ladies weiße Masken auf. Am Ende des Raumes ein üppiges Buffet, an dem sich einige bedienen. Andere sitzen am Tisch und dinieren.

Niemand nimmt Notiz von uns. Wir gehen an die Bar. Eine Dame mit langem brunettem Haar und einer extravaganten goldenen Halskette voller Korallensteine scheint sich zu langweilen, ihr Gentleman unterhalt sich mit einem anderen über…Autos. Ich tippe sie auf Ende vierzig. Wir kommen ins Gespräch. Sie erkennt sofort, wir sind das erste Mal hier. Sie hat das schon einige Male gemacht und findet es sehr vergnüglich.

Ist das ein Upper Class Swingerclub hier, frage ich sie – kichernd meint sie, das sei keine genaue Bezeichnung. Wenn ich Sex wolle, könne ich ihn haben, aber selbst Männer seien hier, denen es gar nicht darum gehe. Es sei ein prickelndes Spiel, bei dem sowieso nicht jeder Mann zum Zuge kommen könne, sie seien ja klar in der Überzahl. Für die Herren, die darauf scharf seien, werde es sehr anstrengend.

Aha, interessant. Und die Ladies, sind die scharf darauf? – Na dafür gebe es doch die Masken, um das zum Ausdruck zu bringen. Im Laufe des Abends würden die Masken durchaus öfter gewechselt, aber bei den Paaren seien es oft dann doch die beiden Partner selbst, die sich nach oben zurückziehen. Manchmal auch zu dritt. Aber alles sei möglich, wenn es gewollt werde.

Wir gehen miteinander essen. Sie ist wirklich eine sehr niveauvolle und angenehme Gesprächspartnerin. Irgendwann kommt ihr Mann dazu, auch er:  ein vollendeter Kavalier. Vielleicht ein Adliger. Echte Namen verrät hier aber niemand.

Irgendwann teilen wir uns auf. An einem für Empfänge typischen Stehtisch komme ich mit einem Gentleman mit italienischem Akzent ins Gespräch, ein wahrer Romeo. Komplimente ohne Ende. Ich spüre sofort, er macht sich Hoffnungen. Aber die weiße Maske bleibt auf. Meine Freundin hängt immer noch mit dem Paar an der Bar zusammen. Sie scheinen hier einige zu kennen, ab und zu stellen sich andere dazu. Siehe da, die Dame mit der Korallenhalskette trägt jetzt eine schwarze Maske.

Romeo weist mich genüsslich auf diesen Umstand hin. Er ist zum zweiten Mal hier. Ob er beim ersten Mal eine Lady herumgekriegt hat, will er nicht so klar sagen. Als er feststellt, dass ich meine schwarze Maske irgendwo vergessen habe, weiß er sofort wo sie ist. Gut beobachtet, Signor.

Meine Freundin hat jetzt auch die schwarze Maske auf, olàlà, und geht mit unserem Paar vom Anfang zur Treppe nach oben. Mutig. Romeo wird ungeduldig, aber ich bleibe hart. Ich wimmele ihn ab und komme mit einer sympathischen anderen Gruppe ins Gespräch. Eine großgewachsene, ausgesprochen elegante Lady dominiert das Gespräch, sie hat eine große Sonne um ihren Bauchnabel tätowiert und trägt eine schwarze Maske. Sieht echt scharf aus. Einige Herren wollen mit ihr ins Gespräch kommen, alle gleichzeitig, doch sie zieht es vor sich seelenruhig und unbeeindruckt mit einer anderen Lady zu unterhalten.

Einer der Herren steht dabei und spricht so gut wie kein Wort. Er ist blond, vielleicht Ende 30, und hat ein sehr ernstes, schönes Gesicht mit irgendwie traurigen, faszinierenden Augen. Wir gehen an die Bar, schlürfen einen weiteren Cocktail und allmählich taut er auf. Auch er war noch nie auf so einer Veranstaltung. Er habe schon Höhen und Tiefen erlebt, wie gewonnen so zerronnen, deutet er an. Börse, frage ich? Er antwortet mehrdeutig. Vor allem aber habe ihn der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen, jetzt treibe er sich rastlos herum, man könne ihn als vergnügungssüchtig bezeichnen. Alles um sich abzulenken.

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Er fragt mich, ob er mich Claudia nennen dürfe. Warum? Seine Frau hieß so. Ich erinnere ihn an sie, sagt er. Hm. Ich überlege was das bedeuten soll. Ich ziehe es vor, mir keinen Namen für ihn auszudenken. Je mehr er redet, desto mehr strahlen seine Augen eine unendliche Traurigkeit aus. Entweder er ist ein sehr guter Schauspieler, oder das ist real. Irgendwie fasziniert er mich. Ich setze die schwarze Maske auf, zu meinem eigenen Erstaunen. Eigentlich protestiert mein Verstand dagegen, aber erfolglos. Er tut so als merke er es nicht. Sehr geschickt. Während ich dachte, er werde mich jetzt unverzüglich in das Obergeschoss einladen, hat er mir wohl diese Rolle zugedacht.

Meine Freundin kommt vorbei, lächelt mich amüsiert an, küsst mich und zwinkert mir zu. Sie hat trägt immer noch die schwarze Maske. Nicht schlecht, meine Liebste.

Schließlich werde ich neugierig und frage ihn, ob er schon mal oben war. Nein, war er nicht. Wollen wir uns das mal asnehen? – Kunstpause. Warum nicht? , meint er schließlich. Ja, Claudia, lass uns nach oben gehen. Ein eigenartiges Spiel.

Oben gibt es lauschige und dunkle Ecken, Sofas, und einige Separées. Wir huschen bald in eines, es ist im Stile eines Sultansharems eingerichtet. Die Unterhaltung geht liegend in einem wahren Kissen-Meer weiter. Ich nehme ich ihm das Jackett ab, dann die Krawatte, und so weiter. Ein sehr schöner Körper, ich genieße es ihn zu betrachten. Dabei bleibt es nicht. Es wurde eine sehr zärtliche und schöne Stunde mit ihm. Am Ende weint er, ob vor Glück oder vor Schmerz oder vor beides, schwer zu sagen, er sagt nur den Namen Claudia. Ich sage minutenlang nichts mehr und betrachte ich nur, und dann bittet er mich, er wolle jetzt alleine sein. Er sei mir unendlich dankbar.

 Mit eigenartigen Gefühlen gehe ich wieder nach unten. Es war sehr schön, aber auch viel emotionaler als ich mir das vorgestellt hatte. Ich schaue mich nach meiner Freundin um, sie ist nicht zu sehen. Stattdessen kommt eine Art Aufpasser und weist mich darauf hin, ich solle im Erdgeschoss doch bitte eine Maske aufsetzen. Die hatte ich nun beide irgendwo liegenlassen, er gibt mir zwei neue.

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Ich habe jetzt das Bedürfnis, mit Frauen zu sprechen. Den Blonden muss ich erst innerlich verdauen. Die zwei Ladies mit den weißen Masken am Stehtisch nehmen mich dankbar auf, sie kichern pausenlos und haben offenbar schon einigen Sekt getrunken. Den lasse ich jetzt auch kommen, aber wir bleiben nicht unter uns. Immer wieder sprechen mich Gentlemen an, bis mir eine der kichernden Champagnerladies schließlich verrät, das sei ja normal, wenn ich die schwarze Maske aufsetze. Oh, das hatte ich eigentlich gar nicht vor. War wohl ein Versehen. Aber die beiden gehen mir doch ziemlich auf die Nerven, und so tummele ich mich wieder unter die Gentlemen. Ich werde abenteuerlustig. Mal sehen, wie sie versuchen mich anzubaggern.

Ich lasse sie alle lange zappeln. Sie geben sich redliche Mühe. Für ein Lehrbuch des Flirtens und Anbaggerns hätte man hier so manches neue Kapitel schreiben können. Der italienische Romeo von vorhin kommt irgendwann dazu, und läuft allmählich zu Hochform auf. Chapeau. Irgendwann ist er am Ziel, sprich wir spazieren die Treppe rauf. Auf langes Drumrum haben wir beide keine große Lust mehr, es wird ein schönes Viertelstündchen im Separée, körperlich schön, aber emotional kommt wenig rüber. Ist wohl auch besser so.

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Unten an der Bar treffe ich meine Freundin wieder. Diesmal habe ich meine Maske dabei, und ich setze weiß auf. Sie diskutiert mit einer Mittfünfzigerin darüber, wie abgedreht das heutige Modebusiness sei. Die beiden sind auch schon ziemlich beschwipst, und das ist jetzt genau die richtige Unterhaltung für mich.

Nach gefühlten zwei weiteren Stunden beschließen wir, jetzt ist es genug. Eng umschlungen Im Taxi nach Hause kämpfen wir gegen das Einschlafen. Ja, meine Liebste, da hast du dir echt was einfallen lassen. War ne heiße Nummer. So habe ich das Jahr noch nie begonnen. Nächsten Silvester könnten wir ja mal CFNM ausprobieren, clothed female naked male. Ob es das auch gibt?

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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11 Antworten zu CMNF

  1. no one gives a pink schreibt:

    Nicht doch. Nicht der Klischee-Italiener. m(

  2. kiezneurotiker schreibt:

    Danke für den Einblick in eine Welt, die nicht meine ist. Und es auch nie sein wird. Stark geschrieben.

  3. Curima schreibt:

    Mich würde ja jetzt mal interessieren, ob da nur gutaussehende nackte Frauen unterwegs waren. Irgendwie stell ich mir das in meinem Kopf grade so vor (auch wegen der Fotos im Artikel). Kannst du dazu was sagen?

    Klingt an sich natürlich aufregend – aber ich glaub, sowas könnt ich nicht.

    • sunflower22a schreibt:

      Für meine Vorstellungen von Schönheit waren sie fast alle schön (die gentlemen übrigens auch), und ich glaube die Ladies fanden sich wohl auch alle auch schön, sonst wären sie hier gar nicht aufgetaucht. Nach den Vorstellungen der Modeindustrie waren allerdings nur die wenigstens schön. Es gab pummelige, ältere, schmalbrüstige…aber sie hatten eigentlich alle eine tolle Ausstrahlung, und nur darauf kommt es an.

      • Curima schreibt:

        Jap, da haste natürlich recht. Ich hab mich im Nachhinein auch wenig über meine eigene Formulierung geärgert, da „gutaussehend“ ja eigentlich grade nicht auf Modelmaße etc. beschränkt sein sollte und ich das eigentlich auch gar nicht so meinte.
        (Wobei die Damen auf deinen Fotos schon wirklich extrem gutaussehend sind und ich dann deshalb dachte „wow, wenn da nur solche Mädels unterwegs wären, würd ich mich in die nächste Tischdecke wickeln und schreiend wieder rauslaufen“😉 )

  4. Grace schreibt:

    Hi,
    Wo war das ? Wie kann ich so ein Event finden, das nicht 600km entfernt stattfindet ? (Von MittelBRD ausgehend) Liest sich echt sehr reizvoll ! Das Masken „Ja oder Nein“ finde ich gut :))
    Danke.

    • sunflower22a schreibt:

      Das war eine Privatveranstaltung südlich von Berlin, aber da wirst du eingeladen, das kann man nicht buchen. Kommerzielle Anbieter gibt es auch, z.B. eroluna. Über die kann ich aber nichts sagen. Da war ich noch nicht.

      • Grace schreibt:

        Danke.
        Eroluna habe ich auch gefunden und finde, daß sie interessante Angebote haben – aber eben weit weg😦 !!!
        Mal schauen.

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