Der Übergang vom Mann zur Frau und zurück, Teil 3

Vor einer Woche, am 11.Januar, brachte die Süddeutsche Zeitung eine interessante Reportage auf der ganzen Seite 3 über Christian Seidel, alias Christiane Seidel. (Leider nicht im kostenlosen Online-Angebot, daher kann ich nicht verlinken, nur zitieren). Titel: „Männer – Mehr als ein Jahr lang war Christian Seidel als Frau unterwegs. Und zwar einfach mal so. Und dann sogar gerne. Interessant ist, was er dabei über die Rituale der Kerle lernte“.

Auf so eine Idee muss man – mann – erstmal kommen. „Fast zwei Jahre lang war Christian Seidel als Christiane Seidel unterwegs. Am Anfang noch nicht so konsequent, es war ein Herantasten, ein Ausprobieren, seine Ehefrau fragte, ober er noch bei Sinnen ist, es gab erzwungene Kompromisse, freiwillige Auszeiten. Aber dann war er zwanzig Monate lang durchgehend Frau. Außer, wenn er nackt war.

Seidel hatte einen burnout. Er war Manager von Claudia Schiffer , von Heidi Klum, „Teil einer männlich dominierten Industrie, ein Zyniker, ein Frauenvermarkter. Dann kam ein Burnout, ein schwerer Unfall, irgendwas zerbrach, er beschloss, sein Leben zu ändern.“ Und beschloss, auszuprobieren, wie es ist, als Frau durch das Leben zu laufen.  „Christian Seidel hat in seiner Zeit als Frau fast seine Ehe zerstört. Er hat seine besten Freunde verloren. Er ist in ein Meer aus Ressentiments gefallen, nein, gestürzt. Eigentlich ist er dabei ein paar Mal fast ertrunken.“

Ich verstehe es, dass er darauf neugierig war, wie es ist, als Frau. Oder auch, als Karikatur einer Frau. „Er fing als Superblondine an, Lederminirock, halterlose Strümpfe, Körbchengröße D, Absätze bis in den Himmel. Eine Karikatur seiner Traumfrau.“

Ich habe mich auch schon als Mann verkleidet und kam mir sehr komisch dabei vor, mehr als einen Tag muss ich das nicht machen. Aber so exzessiv wie Seidel, das ist schon eigenartig. Ich denke, nach einer Woche spätestens dürfte die Neugier doch nachlassen? Nein. Er hat daraus eine Manie entwickelt, weil er nicht mehr zurück wollte in das Dasein als Mann. Alle fragen ihn, warum er das macht. „Herr Seidel, warum? Warum rennen Sie als Frau durch die Stadt? Er sagt: warum nicht? Und gab ihnen tausend Antworten: Weil ich an diesem kargen Männerknastdasein nicht mehr teilnehmen will. Weil ich einfach Lust darauf habe. Weil ich diesen Todesstreifen zwischen Mann und Frau endlich auflösen will. Weil ich wissen will, wie es sich anfühlt, das Leben als Frau. Dann zog er sich die kürzesten Röcke und die höchsten Schuhe an. Schon aus Trotz. Man darf es ja nicht sagen, aber es fühlt sich einfach großartig an.“

Karges Männerknastdasein. Also wenn das eine Hardcore-Feministin sagen würde, aber das sagt ein Mann. „Er fühlte sich wie befreit von den Männerritualen, dem Männerhabitus, dem Auf-die-Schulter-Geklopfe und Bürogehampel, dem Gelächter in stundenlangen Meetings, testosterongeladen, hierarchiebesessen. Das ganze Aufgeplustere.“

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Mann oder Frau?

Naja, Herr Seidel. Entschuldigung, Frau Seidel. Aber Sie müssen als Frau noch einiges lernen. Sicher, testosterongeladen sind wir nicht. Aber machen Sie mal bei einem Zickenkrieg mit, da können sich die Damen auch aufplustern, wenn auch anders. Aber da können Sie nicht mitspielen, wir erkennen Sie nämlich als mitspielberechtigte Zicke nicht an. „Wissen Sie, am meisten hat mich die Aufgeschlossenheit der Frauen überrascht, sagt er….Sie jauchzen über seine langen, dünnen Beine, fahren ihm durch die blonden Haare, sie machen ihm Komplimente. Sie spielen, tänzeln. Wenn Christian Seidel über die Frauen redet, sind sie so wunderbar und unfehlbar.“

Ich glaube, mir würden Sie wohl eher allmählich auf die Nerven gehen. „Er findet das toll, wie Frauen miteinander kommunizieren.“ Danke für die Komplimente, ich weiß ja nicht so recht, wie Männer untereinander kommunizieren. Scheint ja nicht so toll zu sein. Aber das könnten Sie doch ändern?

Vielleicht auch nicht, ich weiß, das schafft man nicht im Alleingang.  Dennoch. Sie würden mir aber nicht unbedingt wegen der Klamotten auf die Nerven gehen. „Warum sollte ein Mann keine Nylonstrümpfe anziehen dürfen? Es ist ja richtiggehend verboten, auch wenn es nicht im Gesetz steht. Ich trage gerne Nylonstrümpfe.“

Ja, richtig. Warum nicht? Angeblich weil ihm an den Beinen kalt war. In der Tat, warum frieren? Jetzt trägt er sie immer – immer! Das wäre mir ein Grauen, ich mag es auch gerne mal ohne, aber bitte, warum nicht. Aber warum muss er sich auch noch einen BH mit Silikon-Brüsten anziehen, das ist doch, naja, eigenartig. Dann braucht er sich nicht zu wundern, warum er nicht als Frau, sondern als Transvestit wahrgenommen wird – was er aber nicht will.

Denn dann wird er Freiwild. „Er kam sich vor wie Billigware. Manche Männer waren vulgär, penetrant, übergriffig, sie kamen ihm ständig zu nahe, beim Bäcker, in der U-Bahn, keine Tabus, keine Manieren. Sie bohrten ihre Finger immer und immer wieder in seine großen Brüste, fassten ihm von hinten in den Schritt, rempelten ihn an, spuckten vor ihm aus, stellten ihm auf der Rolltreppe den Fuß und schauten, ob er stehen blieb. Sehr feige, immer hinterhältig, nie mit offenem Visier. Wenn sie allein waren, raunten sie ihm zu: na, du Transenschlampe. Vor anderen: kein Wort.“

Das kann ich mir allerdings gut vorstellen. Der ganze Hass auf die Schwulen, der in weiten Teilen der Gesellschaft unter einer oberflächlichen Toleranz wabert, hier kann er sich ausleben. Auch das, was Schwarze so erleben, wenn sie in Europa unterwegs sind, sind oft genug Dinge, die können sich weiße Normalbürger gar nicht vorstellen.

Seidel beendet sein sogenanntes „Experiment“ nicht ganz freiwillig. Der Arzt diagnostiziert weitgehende hormonelle Veränderungen, die ihm Angst machen. Der Testosteronspiegel sinkt, seine Fruchtbarkeit ist in Gefahr. „Am liebsten würde er immer so weitermachen, aber die Gesellschaft kann es nicht ertragen. Ach deswegen macht er Schluss…Er hatte genug gesehen: Er ist in diesen Monaten als Frau fast vergewaltigt worden. Er hat die Fratze der Männlichkeit gesehen und den Charme der Weiblichkeit.“

Sein Fazit: „Die großen schweren Vorurteile und Ressentiments kommen nicht vom Rand, sondern voll aus der Mitte.“ Das Schlimmste seien „der Verlust der Freunde. Ihre Intoleranz, ihre stereotypen Fragen, die fehlende Neugier, das blanke Unverständnis: Wann ist der Unsinn endlich vorbei?“

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Mann oder Frau?

Auch wenn ich Seidel für ein bisschen daneben halte, ich verstehe dennoch nicht, warum sich irgendwer darüber so aufregen kann, anscheinend fast nur Männer, wenn man seinen Erzählungen glauben kann. Warum fallen so viele über ihn her? Anscheinend fühlen sich viele Männer in ihrer Identität fundamental angegriffen, nur weil einer von ihnen herumläuft wie eine Frau. Ist die männliche Identität wirklich so ein von vielen Tabus umzäunter „Knast“, aus dem Mann nicht ungestraft entfliehen darf, wie Seidel das konstatiert? Und warum?

Mir ist das ein Rätsel. Frauen haben von ein paar Jahrzehnten angefangen, in der Wahrnehmung der damaligen Zeit „wie Männer“ herumzulaufen. Sie zogen Hosen an. Als zusätzliche Option, nicht als Norm. Das war auch als Befreiung gemeint. Es war vor meiner Zeit, und sicher auch nicht ganz einfach, aber die Ladies haben es erfolgreich durchgekämpft und heute ist es völlig normal. Umgekehrt scheint außer Seidel kaum ein Mann das Bedürfnis zu verspüren, seine Outfit-Optionen um die den Damen vorbehaltenen Möglichkeiten zu erweitern. Okay, mir egal. Sexy fände ich es wohl auch eher nicht, oder nur manchmal. Aber dabei geht es ja nicht um mich. Auf keinen Fall aber würde ich mich darüber aufregen.

Vielleicht können ja einige männliche Leser ein paar Kommentare schreiben, warum das bei Männern so ist wie es ist. Ich bin neugierig.

 ???????????

Nein ich bin kein verkleideter Mann!!!!

Über sunflower22a

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8 Antworten zu Der Übergang vom Mann zur Frau und zurück, Teil 3

  1. Shhhhh schreibt:

    Irritierend ist es allemal, für mich aber kein Grund ausfallend zu werden. Da ich grundsätzlich eher pragmatisch veranlagt bin, ist mir Frauenkleidung häufig schon suspekt genug, Nieren frei, großer Ausschnitt vorn, Rock und Strumpfhose im Winter, hochhackige Schuhe; ganz ehrlich das mag ja schön sein, gesund ist es aber nicht.

  2. Janusz schreibt:

    Ich weiß ja nicht in welchen Kreisen der/die/das😉 Seidel vor seinem Experiment verkehrt hat. Vielleicht war dort ein Männlichkeitsgehabe normal, also mit anzüglichen Witzen, Rumposen und dicker Potenzschleuder/Schwanzverlängerung vor der Tür. Und die eigene Frau gilt auch nur als schmückendes Beiwerk. Vielleicht musste man sich dort ja beweisen, was man hat und kann.
    Ich für meinen Teil muss da nicht mitmachen und habe dementsprechend Freunde, die einen ganz normalen Umgang – egal ob Mann oder Frau – miteinander pflegen.

    Und es ist natürlich auch sehr kurzsichtig gedacht zu glauben, dass man eine Frau ist bloß weil man Frauenkleider trägt (und vice versa). Da steht einem meistens schon die Anatomie und auch die eigene Erziehnung entgegen.
    Na klar war der Umgang der Frauen mit Frau Seidel so freundlich und herzlich, da sie sie/ihn sicherlich eher auch als Transvestit denn als Frau wahrgenommen haben. Genauso wie die Männer. Nur die reagieren eben ganz anders darauf, weil es wohl als offen schwul identifiziert wird und das ja vollkommen abartig ist. Aber da wären wir dann schon bei Herrn Hitzlsperger…

  3. sunflower22a schreibt:

    wenn es um praktische aber dennoch chice Männerkleidung geht, da habe ich gerade was in meiner Inbox gefunden. Das Neueste von der Milano Men’s Fashion week. Da ist einiges wirklich ansehnliches dabei. http://www.thefashionmedley.com/2014/01/17/a-mans-world/

  4. waswegmuss schreibt:

    Für mich erst mal Alles grundsätzlich normal. Ganz einfach weil es existiert. Manche Sachen irritieren erst mal. Das war es dann auch.
    Crossdressing heißt das übrigens und es gibt in Frankfurt ein Fachgeschäft dafür:
    http://www.transnormal.de/index.php/de/ Gut, ja Frankfurt, Ist eh toleranter, Beispielsweise die http://eccentric-bar.de/ Da läßt man sich von einem 2 Meter Crossdresser in High Heels gerne mal einen einschenken und bewundert die tollen Beine und den glamourösen Augenaufschlag – gerade die Frauen werden neidisch. Aber Männer haben sowieso die schöneren Gehstelzen und die tolleren Wimpern. Was schreib ich.
    Was nun Herrn Seidel betrifft: Ich kann seinen Frust nachvollziehen.
    Fünf Jahre war ich mit dem Motorsportzirkus unterwegs. Incentive Catering. Schwanzgesteuerte Männer und Frauen vom Typ blonde gebügelte Haare, Stringtanga, Wonderbra. Alle vierzehn Tage die gleichen Rituale. Die Fans in der Bezahlklasse – meist Männer – waren ab Freitag permanent dicht. Wenn der rote Ferrari vorbeihuschte konnten sie noch kurz Schumi rülpsen. Das war es. Es hat mich nach einem halben Jahr angewidert.
    Jetzt kann ich über diese Zombies nur noch lachen. Herr Seidel sollte das auch.

    Ich schweife ab.

    Mann kann sich wie Frau, Frau sich wie Mann kleiden aber fühlen geht nicht. Dazu sind wir zu unterschiedlich getaktet.

  5. kalypso schreibt:

    und immer wieder das selbe klischee vom weibchen:
    blond, lange beine, dicke titten, high heels…………………

    komisch – ich sehe komplett anders aus. ist aber schön, dass die gesellschaft meint mir vorzuschreiben wie ich zu sein habe – oder zumindest ein kleiner teil davon – was für eine scheiße!!!!

    solche texte langweilen mich langsam an…………………

  6. waswegmuss schreibt:

    Kalypso du bringst auf den Punkt: Wer sich wie ein Klischee verhält muss sich nicht wundern wenn er wie eines behandelt wird.
    Kantscher Imperativ mal wieder.

  7. Pingback: Fremde Federn: A Powerful Photo Collection on Female Masculinity | sunflower22a

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