Feminism’s ultimate triumph

Was ist Feminismus? Eine schwierige Frage. Für viele Mittelschichten-Feministinnen bedeutet Feminismus vor allem, dass Frauen Karriere machen. Für diese Ladies steht möglicherweise der ultimative Triumph des Feminismus bald vor der Tür. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA könnte von zwei Frauen bestritten werden. Dass Hillary Clinton die demokratische Nominierung holen wird, steht mehr oder weniger fest. Jahrzehnte politischer Erfahrung, ein unendlich weit gespanntes Netzwerk und eine unerschöpfliche Wahlkampfkasse, dagegen wird niemand anders in ihrer Partei bestehen können. Aber gegen wen tritt sie an? Bei den Republikanern gibt es bisher nur junge Wahnsinnige, ultrareiche Durchgeknallte, rechte Ideologen und Bush-Sprösslinge. Es lohnt sich nicht, ihre unbedeutenden Namen zu erwähnen. Sie haben vieles gemeinsam: sie können nichts außer rechte und rechtsradikale Sprüche klopfen, und selbst das politisch apathische amerikanische Volk findet sie allesamt – langweilig. Uninteressant. Geht erstmal was arbeiten. Hillary spielt diejenige, die weiß was Joe Sixpack will, welche Probleme ordinary Americans haben – rechtsradikale Millionäre sehen dagegen einfach dumm aus. Die rechtsradikalen Milliardäre wiederum setzen auf verschiedene Pferde, die sie sponsoren können, daher werden sie alle verlieren.

Es gibt nur eine, die Hillary gefährlich werden kann. Carly Fiorina hat ihren Hut in den republikanischen Ring geworfen. Sie war nie Politikerin. Dumme Sprüche klopfen  ist nicht ihre Spezialität. Carly war CEO von Hewlett-Packard, eine der ersten Frauen die ein derart großes Unternehmen geleitet haben. Ich habe sie damals bewundert. Sie kam sympathisch rüber und musste sich gegen ein durch und durch macho Umfeld behaupten. Natürlich war sie eigentlich eine ganz gewöhnliche Spitzenmanagerin, die nichts anderes machte als Männer auch. Kosten senken, Leute rauswerfen, Gewinne erhöhen, und so weiter. Aber das war es nicht. Sie tat es als Frau, und das war neu. Chapeau, das finde ich heute noch. Gescheitert ist sie nicht an ihren unternehmerischen Leistungen, sondern an ihrem letztlich zu großen Ego. HP feuerte sie, weil sie zu kompromisslos ihre Linie durchsetzen wollte. Irgendwie auch gut, finde ich. Chapeau, noch einmal. Man kann auch vor seinen Gegnerinnen Respekt haben.

Im Gegensatz zu den jungen, dummen Männern die bisher um die republikanische Kandidatur antraten, muss man Carly ernstnehmen. Wir werden sehen, wieviel Vernunft die Republikaner noch haben – oder ob sie endgültig durchgeknallt sind und irgendeinen dieser verrückten Berufspolitiker nominieren und damit Hillary das Weiße Haus auf dem Silbertablett servieren. Oder sie entscheiden sich für Carly.

Natürlich ist Carly genau das, was wir nicht wählen können. Wie Hillary auch. Die Millionärin Carly hat noch nicht einmal alle Löhne für ihre Mitarbeiter aus der gescheiterten Wahlkampagne für den Senat von vor vier Jahren bezahlt, wie kürzlich bekannt wurde. Eine halbe Million Dollar schuldet sie ihnen noch. So sind sie, die Reichen. Wie die Millionärin Hillary auch.

Über zweihundert Jahre traten weiße, männliche Millionäre gegeneinander an, um ins Weiße Haus zu kommen. Zweimal hat es jetzt ein schwarzer Mann geschafft. Geändert hat sich dadurch gar nichts. Es sieht so aus, als würden beim nächsten Mal zwei weiße Frauen, auch Millionärinnen, gegeneinander antreten. Ändern wird sich dadurch auch nichts. Aber: Es ist der ultimative Triumph des weißen bürgerlichen Mittelschichten-Feminismus. Auch ich habe davon lange geträumt, und ich gebe zu: ich finde es eigentlich wirklich toll. Die deutsche Kanzlerin wird dann der US-Präsidentin zum Wahlsieg gratulieren. Super.

Aber noch ultimativer ist dieser Triumph, wenn ich mir mein absehbares Wahlverhalten ansehe. I will vote for neither of these reactionary, neoliberal rich ladies. Not for Hillary, not for Carly. Maybe I won’t vote. Maybe I will vote for some outsider, some Socialist, some crazy weirdo, a Native American or whatever. EVEN IF THAT PERSON IS A MAN. The ultimate irony: two rich ladies run for the White House, and I vote for a man that will never make it. For me, this is my personal ultimate triumph of feminism. The male underdog getting my vote. I am actually looking forward to it, the more I think about it.

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Yeah, I think this  is a good idea.

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Fremde Federn: Nakba Day

Nakba, die Katastrophe. Das ist für Palästinenser der Tag, an dem auf ihrem Land, in ihrer Heimat der Kolonialstaat Israel gegründet wurde, und sie ihre Heimat verloren und als Flüchtlinge leben mussten. Jedes Jahr begehen sie den Nakba Day, am 15.Mai.

Palestine Square, der Blog des Institute for Palestine Studies bringt dazu eine wirklich sehr berührende Seite. „On this Nakba Day, Palestine Square presents a before-and-after look at the dispossession of the Palestinians and the colonization of Palestine in the three major Palestinian cities prior to 1948: Jaffa, Jerusalem, and Haifa.”

Bilder eines Landes, einer multikulturellen Gesellschaft vor 1948. Untergegangen, zerstreut in alle Welt.

Das Manshieh-Viertel in Jaffa vor 1948, nach 1948 und heute.

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Katholisch-palästinensische Hochzeit, Haifa 1930

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Das Institute for Palestine Studies hat einen wunderschönen Bildband herausgebracht, Before Their Diaspora: A Photographic History of the Palestinians 1876-1948 von Walid Khalidi. Die zionistische Lüge vom Land ohne Volk für ein Volk ohne Land, man muss nur diese Bilder sehen um alles zu durchschauen.

Die Palästinenser mussten bezahlen für die Verbrechen anderer, der Deutschen. Hätten die Zionisten  ihren jüdischen Staat in Oberschlesien, Hinterpreußen oder Niederpommern errichtet, alle Welt hätte es verstanden. Es wäre nur folgerichtig gewesen. Die Palästinenser hatten nichts damit zu tun. Sie zahlten für die Deutschen den Preis für die Verbrechen der Nazis. Wenn die Deutschen das wenigstens mal anerkennen würden.

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Let’s talk about sex

Für Sexualität sollten wir uns nicht schämen oder sie verstecken, wir sollten endlich normal mit ihr umgehen.  Das bedeutet, offen darüber zu reden, so wie über das Wetter oder über das Essen. Make sex normal – das meint Debby Herbenick, und sie hat recht.

 

Das könnten wir ja mal ausprobieren, dachten meine liebe Freundin C. und ich. Ein Experiment mit wildfremden Menschen in der Bahn. Es ergab sich eigentlich einfach so. Wir sitzen uns gegenüber, plaudern über dies und das, und landen dann bei 50 Shades of Grey. Blöder Film, blödes Buch. – Überhaupt, dieser ganze submissive Mist, wer das haben muss, also nee. – Warum sich ausgerechnet Frauen an sowas aufgeilen. Weißt du, ich fahre ja immer mehr auf diese ganzen innovativen Sexspielzeuge ab. Ich habe eine superinteressante Seite entdeckt, Cara Sutra. BDSM Mistress, Daddy’s girl, sex toy reviewer, professional copywriter, Eroticon 2014 speaker and Creative Director of TheCaraSutraCollection.co.uk.

Cara Sutra, die Lady hat den irrsten Job der Welt, die testet sextoys. Professionell! Davon lebt sie, sie bekommt Geld dafür dass sie jeden Tag ein paarmal einen Orgasmus kriegt. Die bekommt so ziemlich alle Neuentwicklungen zugeschickt, damit sie sie testet und reviews darüber postet. – Wahnsinn, das wäre geil, wenn die noch eine sucht, ich mache mit. Lass mal sehen, ich hol mal mein ipad raus. – Kicher, kicher, oh schau mal hier, Infinit, Infinite Possibilities, das Ding sieht ja scharf aus.

This is such a fun vibrator to use! More than that, I was astounded at how many different ways it can be used. There are 7 vibrating functions to each probe or arm, and you can choose whichever one on each, for the perfect mixture of stimulation wherever you want it. The functions range from constant vibrations through different pulsing styles.

Irgendwann fällt uns auf, dass die Gespräche der anderen Passagiere entweder leiser geworden sind oder ganz aufgehört haben. Es scheint, dass uns alle zuhören. Die junge Lady in der Sitzgruppe gegenüber tut lange ganz teilnahmslos und als wir dann mal wieder richtig kichern, kann sie nicht mehr anders und kichert mit. – www.carasutra.co.uk, schauen Sie ruhig auch mal rein. – Neeein, das ist nichts für mich… , meint sie, kichernd.

Wir glauben ihr natürlich kein Wort. Hinter mir keift jetzt eine andere Lady, wir sollen damit aufhören, das sei sexuelle Belästigung, sie werde sich beschweren.

Ach? Haben wir Sie belästigt? Wir haben doch gar nicht über Sie gesprochen, sondern über Sextoys. Wissen Sie, was das ist? Kennen Sie das nicht? – Hören Sie auf, es reicht!

Natürlich holt sie keinen Zugbegleiter, sondern verschwindet einfach. Bald kommt eine Zugbegleiterin, sieht die Cara Sutra website und grinst breit, als C. mir sagt, dieses Toy werde sie mal bestellen.

So amüsieren wir uns weiter, die Zeit vergeht wie im Flug. Oh, wir müssen raus. Die Lady von gegenüber steigt mit aus, grinst uns an und sagt, wir hätten eine tolle Show geboten. – Aber das war doch keine Show, reden Sie nie über Sex? – Nicht in aller Öffentlichkeit, aber ich finde es gut dass Sie das tun. – Machen Sie es einfach, es ist gar nicht so schwer, and it’s a lot of fun.

Kichernd verabschieden wir uns. Es ist so leicht, einen neuen Tag schön zu starten.

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People that make you crazy

Eigentlich wollte ich keine traveller saga mehr schreiben. All der Irrsinn rund um das heutige Reisen, oder transportiert werden. Ausgefallene Züge, liegengebliebene Flugzeuge, verschwundenes Gepäck und so weiter. Ihr kennt das alles selbst und wollt das nicht mehr lesen oder hören.

Aber heute ist das so surrealistisch, ich kann nicht anders. Diese rollende Sardinenbüchse namens ICE ist auch eine rollende Komödie. Wie glücklich, ich habe einen reservierten Platz. Wie dumm von mir, die zweite Klasse zu buchen. Leider waren alle Tische in der 1. ausgebucht. Da sitze ich nun, eingezwängt am Fenster. Unmengen Menschen mit schwerem Gepäck schieben sich in diesen Zug. Habe ich einen Fluchtgrund nicht mitbekommen? Neben mich setzt sich ein unangenehmer Zeitgenosse, der so stark nach Nikotin riecht, dass mir schlecht zu werden droht. Er gehört zu den nervigen Menschen, die nichts zu lesen oder zu tun in den Zug mitnehmen und dann ständig ihre Nachbarn beobachten oder anquatschen. Die Mails die ich lese, liest er interessehalber gleich mit.

Ich fange an, diesen Text zu schreiben.  Nein, ich sage ihm nicht die Meinung, aber er liest bestimmt neugierig mit während ich das schreibe. Warum habe ich nur keine Kopfhörer dabei? Drei Reihen weiter toben Kleinkinder lachend, weinend, kreischend. Irgendwann riecht es nach voller Windel, und die Mutter kämpft sich Richtung Toilette durch die im Gang stehenden Menschenmassen, während die zurückbleibenden beiden anderen Gören protestierend kreischen.

Hinter mir zwei Leute, die in ihre Handys brüllen „Was hast du gesagt?“ – „Ich höre dich nicht“ – „Da war gerade ein Tunnel“ und so weiter. Döner-Geruch macht sich breit, wo kommt denn das jetzt her? Ich falle bald in Ohnmacht, ich ertrage diese Gerüche nicht.

Da hilft nur eins: Parfüm. Ich neble mich ein. Protestierend geifert mich die Nikotinbombe an, was das solle. Freundlich biete ich ihm an, ob er auch was abhaben wolle? Er bekommt einen Lachkrampf, sehr lautstark, und ignoriert mich ab sofort demonstrativ. Super.

Die Mutti mit dem Kleinkind kommt aus der Toilette zurück, kämpft sich zwischen Riesen-Koffern und murrenden Menschen zu ihren Platz zurück. Eine Zugbegleiterin kämpft sich durch und versucht lautstark und erfolglos die Stehenden davon zu überzeugen, es gebe weiter hinten im Zug noch viel mehr Platz. Niemanden interessiert es, stoisch bleiben alle stehen.

Durchsage in Deutsch und Englisch: die Passagiere die aus dem Wagen mit der ausgefallenen Klimaanlage geflohen sind mögen doch bitte nicht nur in den benachbarten Waggon umziehen sondern in den gesamten Zug. Erfolglos.

Hinter mir ein Passagier der der Zugbegleiterin mit drohendem Unterton erklärt, das WLAN sei kaputt. Sie könne nichts dafür, sagt sie. Sie solle sich darum kümmern, sagt er. Sie habe jetzt wirklich wichtigere Probleme, antwortet sie. Die jetzt folgenden Schimpfworte gebe ich jetzt besser nicht wieder. Die Nikotinbombe hat ein Smartphoneticket, aber ein Smartphone mit zertrümmerter Scheibe. Das Lesegerät versagt. Der nächste lautstarke Disput, es fallen Worte wie Schadenersatz, Bundespolizei, leck mich doch am Arsch.

Ich wollte hier was arbeiten. Sinnlos. Ein rollendes Irrenhaus. Alles ganz normale Menschen, aber gemeinsam sind sie unausstehlich. It takes so little to make everybody crazy.

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I guess I’d rather stay at home

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Mode ohne Kapitalismus?

Heute mal ein Buchtipp. Vielen Dank an die Mädchenmannschaft  für den Hinweis auf Stitched Up – The Anti-Capitalist Book of Fashion von Tansy E.Hoskins. Eine bekennende Marxistin und dennoch modebegeistert. Wahnsinn, kaum zu glauben dass es so jemanden gibt. Genau so etwas habe ich schon lange gesucht, sogar darüber nachgedacht ob ich sowas mal selber schreibe. Fashion. Ein magisches Wort für (fast) alle Ladies. Fashion fasziniert uns, und stößt uns ab, und vor allem hat Fashion eine unwiderstehliche Sogkraft auf unsere Konten. Mit Fashion kann man viel Geld verdienen, und um die Fashion-Industrie in all ihren Facetten geht es in diesem Buch. Vor allem um die weniger glamourösen Seiten, von den ausgebeuteten Arbeiterinnen in Bangla Desh bis zu den ausgehungerten Catwalk models in Paris. Die Fashion-Industrie setzt mehr Geld um als fast jede andere Wirtschaftsbranche, sie verursacht auch schlimmere Ausbeutung und Umweltzerstörung als die meisten anderen Branchen, und dennoch hat man den Eindruck, dass sie in Politik und Gesellschaft – aber auch für Gewerkschaften – eine weitaus geringere Rolle spielt als „richtige Industrien“ wie Automobile oder Computer. Das liegt vermutlich daran, dass ihre Produkte vorwiegend Frauen interessieren und in ihr vorwiegend Frauen arbeiten. Die meisten Männer interessiert so etwas nicht.

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Tansy geht reihum alles durch, was zur Fashion-Industrie gehört. Wer besitzt sie? Eine inzwischen hochkonzentrierte Branche, deren Markenvielfalt über die hochkonzentrierte Struktur dieses Sektors täuschen soll. Die Fashion media – auch ich lese sie gerne…und wem sie dienen. „the job of a fashion journalist is arguably to deliver readers so that advertisers will buy space.“ Sie leben nicht nur in enger Symbiose mit den Produkten der Fashion industrie, sie transportieren auch ein Weltbild nach dem Geschmack der Industrie, oft genug zutiefst US-EU-zentrisch und rassistisch.

Die „Buyology“ ist das nächste Thema, ich shoppe also bin ich. Shopping als Lebensinhalt. Wegwerfklamotten, kaum gekauft sind sie kaputt oder out of style, so you need more. „Making you feel what you’ve currently got is not quite right already. It’s ultimately about trying to make people feel insecure.” Tansy kommt zu den erbärmlichen Produktionsbedingungen, globalisierte Wertschöpfungsketten unter Bedingungen eines Manchesterkapitalismus. Würde man die Löhne der Arbeiterinnen verdoppeln, der Endverkaufspreis würde um unmerkliche 2% steigen – aber das ist das Letzte, was die Fashion-Kapitalisten freiwillig tun werden. Sie setzt sich mit dem „ethischen Einkaufen“ der Lohas auseinander. Wenig verwunderlich, dass sie es für bestenfalls irrelevant, schlechtenfalls für eine Selbsttäuschung hält.

Die Fashion industrie ist eine der schlimmsten Umweltzerstörerbranchen der Welt, verbraucht irre Mengen Wasser für den Baumwollanbau, produziert irre Mengen vergiftetes Abwasser. Kaum eine Branche ist so auf wegwerfen programmiert wie fashion – früher gab es eine Frühjahrs- und eine Herbstkollektion, heute bis zu 50 Kollektionen. Die Plastikabfälle in den Meeren bestehen nicht nur aus Plastiktüten, sondern zu erheblichen Teilen aus Kunstfasern. Eine Industrie der verbrannten Erde, beschreibt Tansy.

Tansy wendet sich den erschreckenden Arbeitsbedingungen des angeblichen Traumberufs Model zu, den Terror des „size zero“. Models, die vor Unterernährung zusammenbrechen und weniger wiegen als ein Kind, und sich dagegen kaum wehren können. Die gleiche Menschenverachtung wie schon im Baumwollanbau, wie in der Textilproduktion. Verlogene Schönheitsideale, reproduziert von abhängigen Medien. Sehr treffend das Zitat von Lagerfeld: „Unreachable beauty is a reminder to make an effort. But if you see something and can reach what you see, then you do not have to make an effort anymore.” Schöne Grüße von Sisyphus.

Schönheitsideale, die genau dieselbe Entfremdung von der Natur spiegeln wie schon die Produktion. „Whilst it might be problematic to argue there is a natural state of being, women’s bodies today are augmented with silicon injections into breasts and buttocks, botox injections, skin bleach, hair dye, enamel teeth, hair extensions, fake nails, vajazzles, surgically modified noses and chins, and leg bone grafts. They are also starved. The results are then photo-shopped to within an inch of their life – this is the epitome of the flight from nature.”

Wunderbar bringt Tansy auf den Punkt, um was es bei den verlogenen Schönheitsideale der fashion industry geht: „They exist to keep women spending their time and money on altering their appearance, to create a climate of self-doubt and to control a large section oft he fashion industry’s workforce. To counteract this, the very idea that there is just one version of beauty must be discarded, along with the system that propagates it. Beauty must be recognized as an intrinsically individual trait, rather than a measure of how well someone is able to conform to the same old accepted aesthetic.”  100% true.

Die Schönheitsnorm der fashion industry ist weiß, glasklar, keine Afrikanerinnen, keine Asiatinnen können da mithalten. Tansy legt faktenreich die Ausgrenzung anderer Kulturen als der westlichen offen, und wie die fashion industry unverblümt sich kultureller Elemente der „Wilden“ bedient um sie zu Geld zu machen. Cultural appropriation, geistiger Diebstahl durch eine Branche die doch wie kaum eine andere ihre Marken schützen lässt gegen „Produktpiraten“, die es doch nur genau so machen wie sie selbst.

Tansy kommt zu einer umfassenden Anklageschrift über die Fashion Industrie: Sie ist mitverantwortlich für Ausbeutung, Umweltzerstörung, Rassismus, Sexismus, kulturelle Entfremdung, wachsende Ungleichheit – aber sie ist eben auch für viele Menschen Quelle großer Freude und kreativer Selbstverwirklichung. Daher brauchen wir eine andere fashion industry, another fashion system!

Dies ist natürlich der schwierigste Teil – die letzten 3 Kapitel heißen Resisting fashion, Reforming fashion, Revolutionizing fashion. Viel mehr will ich nicht verraten – ein absolut super Buch, go and get it!

Tansy E.Hoskins, Stitched up, The Anti-Capitalist  Book of Fashion, Pluto Press, ISBN 978-0-7453-3456-1

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Und übrigens: es macht Spaß, mal wieder ein Papier-Buch zu lesen statt immer nur in Bildschirme zu starren. Zum Beispiel in der prallen Sonne…

 

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Blöde Briten

Eigentlich wollte ich nichts zur Briten-Wahl schreiben. Dann wollte ich etwas schreiben mit der Aussage: Die blöden Briten konnte ich noch nie ausstehen. Schaut sie euch an, wenn sie in Spanien Urlaub machen, furchtbare Leute.

Aber das mache ich doch nicht.

Ja, ich gebe es zu, die Briten-Wahl ärgert mich. Dass dieser ekelhafte Schnösel Cameron diese Wahl gewinnt, liegt ja nicht nur am mittelalterlichen Wahlsystem. Hätten sie das proportionale Wahlsystem, hätten Tories und UKIP zusammen 50% geholt. Das wäre nicht besser.

Nein, es ärgert mich, wie eine ganze Gesellschaft derart erfolgreich einer Gehirnwäsche unterzogen  werden kann. Eigentlich macht es mich fassunglos. Nirgendwo hat der Neoliberalismus, genannt Thatcherismus, derart gründlich gewütet wie dort. Nirgendwo in Europa hat er die Gesellschaft gründlicher in Gewinner und Verlierer geteilt, das Land in boomende Gewinnerregionen und abgehängte Verliererregionen geteilt. London wird für immer mehr seiner Bewohner unbezahlbar. Nirgendwo bereichert sich das Finanzkapital hemmungsloser am gesellschaftlichen Reichtum, den andere erwirtschaften, und nirgendwo wird es weniger reguliert als in London. Fünf Jahre in Folge sind die Reallöhne gesunken – trotz aller bedeutungsloser Wachstumszahlen, trotz allem angeblichem „Aufschwung“.

Rational und objektiv hat anscheinend das Wahlvolk bis zur Wahl alle mit Verachtung gestraft, die in den letzten Jahrzehnten das Land regiert haben. Labour und Konservative, ein und dasselbe Pack, ein und dieselbe Politik. Aber was hätten die Engländer in der Wahlkabine eigentlich tun sollen? Überzeugende Alternativen gab es nur in Schottland, und die wurden gewählt. Schottlands Nationalisten stehen nicht nur für ein unabhängiges Schottland, sondern auch für eine wirkliche politische Alternative, sozial und progressiv. Diese Wahl hatten die Engländer nicht.

So wählten sie das, was auch die Deutschen, Amerikaner oder viele andere tun: ohne eine überzeugende Alternative verweigern sie sich nicht, sondern wählen die regierende Scheiße. Wie das geht, habe ich hier schon mal analysiert. Man kann froh sein, wenn diese Regierenden sich noch halbwegs zivil benehmen, weil sie es gar nicht nötig haben, zum Machterhalt autoritär zu werden. Man kann auch froh sein, wenn dieses politische Vakuum nicht von rechts gefüllt wird wie in Frankreich.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung: ein politischer Wandel ist möglich. Aber nur, wenn diejenigen, die ihn wollen, eine überzeugende alternative politische Kraft zusammenbringen, so wie die Scottish Nationalists. Oder Griechenlands Syriza. Meist sind sie dazu nicht in der Lage, man sieht es nicht nur in England, sondern noch mehr in Deutschland, USA, und vielen anderen Ländern. Entweder ist die Opposition gar keine Opposition, weil sie eigentlich für dieselbe Politik steht. Oder sie verzettelt sich mit sich selbst und bleibt im eigenen Ghetto.

Das Problem sind nicht die Konservativen, die Kapitalisten, die Neoliberalen. Das sind politische Gegner, mit denen es progressive Bewegungen vor einigen Jahrzehnten durchaus aufnehmen konnten. Das Problem ist die geistige Leere und politische Unfähigkeit auf dem progressiven Spektrum. There is nobody like Scotland’s formidable Nicola Sturgeon or Greece’s Alexis Tsipras anywhere. Not in England, not in America, not in Germany, not in France. No ideas, no alternatives, no charismatic leaders. Unless we change that we’ll keep crying. But how? I don’t know.

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Es ist zum Haare raufen. Aber das ändert auch nichts.

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How to fool a Veggie

Kürzlich machte die Industrie-Wurstfabrik Rügenwalder Schlagzeilen, dass sie auch noch „vegetarische Wurst“ (??) in ihr Sortiment aufnehmen wollen. „Firmenpatriarch Christian Rauffus setzt plötzlich auf vegetarischen Aufschnitt und hat Erfolg damit. Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“, meint er. Oh welche Überraschung.

Anfeindungen aus der Branche seien sie ausgesetzt – „Wir werden angefeindet, vom Handel, vom Branchenverband, von Konkurrenten.“ Wie furchtbar. „Es war nicht leicht, die Belegschaft und die Verantwortlichen von den vegetarischen Produkten zu überzeugen. Mehrfach wurde der Veggieplan gestoppt“. Na klar. „Es geht nicht nur um die Wurst. Es geht um die Rettung der Welt. Darunter machen sie es nicht bei der Rügenwalder Mühle“. Mir kommen die Tränen bei dieser, haha, ethisch sauberen Geschäftsidee, bei der es weniger um die Rettung der Welt sondern um die eigenen Bilanzen geht.

Food-Aktivist Wurstsack sagt dazu glasklar, was er davon hält:

Ihr habt jahrelang deutsche Wurstkultur mit Eurer billigen Plastikwurst aus der Masstierhaltung vergewaltigt und tönt jetzt großartig vom Ende der Wurst? Ich hoffe Ihr meint damit das Ende EURER Wurst. Eure Wurst, die Euch zu Millionären und tausende Bauern zu Abhängigen, Kindern in Südamerika krank von Pestiziden und Arbeiter in den Schlachtbetrieben zu Sklaven gemacht hat. Von den Millionen Schweinen ganz zu schweigen, die für Euren Reichtum leiden mussten und für Euer Industriegemisch an Kopf und Schwanz verstümmelt wurden.

Schonungslos zeigt er auf, wie sich Veggie-Lifestyler verarschen lassen:

Was ist draus geworden? Ein Produkt aus 70% Hühnereiweiß unbekannter Herkunft mit allerhand künstlichen Aromen und bunten Zusatzstoffen. Ein runder Eierstich aus Käfigeiern der Massentierhaltung also….”Für vegetarische Mortadella sterben mehr Tiere, als für die Mortadella aus Fleisch.” Derik Meinköhn hat nachgerechnet:

“Mortadella besteht zu 74% aus Fleisch. Also kann man theoretisch aus einem Schwein mit 90 kg Fleisch 121 kg Wurst herstellen. Vegetarische Mortadella besteht zu 70% aus Eiklar. Für die entsprechenden 121 kg Wurst würde man 84,7 kg Eiklar benötigen. 1 Ei wiegt 60 g und besteht aus 60% Eiklar. Also benötige ich für 84,7 kg Eiklar 2353 Eier. Ein Huhn legt 300 Eier pro Jahr, danach wird es geschlachtet, weil die Eierproduktion nachlässt. Also brauche ich theoretisch 7,8 Hühner um die benötigten Eier zu produzieren. Weil aber bei der Züchtung von Legehennen die männlichen Küken geschreddert werden, kommt man insgesamt auf 15 Tiere.”

Mich wundert überhaupt nichts mehr. Nicht die Wurst ist das Problem, sondern die Food Industrie und ihre Kunden, die sich alles aufschwatzen lassen, auch die Veggies.

Gute Wurst hat einen unvergleichlichen Geschmack. Gute Wurst beginnt bei gesunden Böden, glücklichen Tieren und fair bezahlten Bauern. Gute Wurst wird von ehrlichen Handwerkern hergestellt mit Gewürzen und nicht mit dubiosen “Zutaten”. Gute Wurst braucht Zeit. Gute Wurst braucht Hingabe, Pflege, Tradition und nicht zuletzt Kreativität. Alles das, was Eurem Mühlenbrei seit Jahren fehlt.

Meine volle Zustimmung. Und jetzt esse ich eine gute Salami. Aus handwerklicher Produktion.

by artofx.org

Immer nur Austern ist doch langweilig, ich will jetzt eine Wurst

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