Blöde Briten

Eigentlich wollte ich nichts zur Briten-Wahl schreiben. Dann wollte ich etwas schreiben mit der Aussage: Die blöden Briten konnte ich noch nie ausstehen. Schaut sie euch an, wenn sie in Spanien Urlaub machen, furchtbare Leute.

Aber das mache ich doch nicht.

Ja, ich gebe es zu, die Briten-Wahl ärgert mich. Dass dieser ekelhafte Schnösel Cameron diese Wahl gewinnt, liegt ja nicht nur am mittelalterlichen Wahlsystem. Hätten sie das proportionale Wahlsystem, hätten Tories und UKIP zusammen 50% geholt. Das wäre nicht besser.

Nein, es ärgert mich, wie eine ganze Gesellschaft derart erfolgreich einer Gehirnwäsche unterzogen  werden kann. Eigentlich macht es mich fassunglos. Nirgendwo hat der Neoliberalismus, genannt Thatcherismus, derart gründlich gewütet wie dort. Nirgendwo in Europa hat er die Gesellschaft gründlicher in Gewinner und Verlierer geteilt, das Land in boomende Gewinnerregionen und abgehängte Verliererregionen geteilt. London wird für immer mehr seiner Bewohner unbezahlbar. Nirgendwo bereichert sich das Finanzkapital hemmungsloser am gesellschaftlichen Reichtum, den andere erwirtschaften, und nirgendwo wird es weniger reguliert als in London. Fünf Jahre in Folge sind die Reallöhne gesunken – trotz aller bedeutungsloser Wachstumszahlen, trotz allem angeblichem „Aufschwung“.

Rational und objektiv hat anscheinend das Wahlvolk bis zur Wahl alle mit Verachtung gestraft, die in den letzten Jahrzehnten das Land regiert haben. Labour und Konservative, ein und dasselbe Pack, ein und dieselbe Politik. Aber was hätten die Engländer in der Wahlkabine eigentlich tun sollen? Überzeugende Alternativen gab es nur in Schottland, und die wurden gewählt. Schottlands Nationalisten stehen nicht nur für ein unabhängiges Schottland, sondern auch für eine wirkliche politische Alternative, sozial und progressiv. Diese Wahl hatten die Engländer nicht.

So wählten sie das, was auch die Deutschen, Amerikaner oder viele andere tun: ohne eine überzeugende Alternative verweigern sie sich nicht, sondern wählen die regierende Scheiße. Wie das geht, habe ich hier schon mal analysiert. Man kann froh sein, wenn diese Regierenden sich noch halbwegs zivil benehmen, weil sie es gar nicht nötig haben, zum Machterhalt autoritär zu werden. Man kann auch froh sein, wenn dieses politische Vakuum nicht von rechts gefüllt wird wie in Frankreich.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung: ein politischer Wandel ist möglich. Aber nur, wenn diejenigen, die ihn wollen, eine überzeugende alternative politische Kraft zusammenbringen, so wie die Scottish Nationalists. Oder Griechenlands Syriza. Meist sind sie dazu nicht in der Lage, man sieht es nicht nur in England, sondern noch mehr in Deutschland, USA, und vielen anderen Ländern. Entweder ist die Opposition gar keine Opposition, weil sie eigentlich für dieselbe Politik steht. Oder sie verzettelt sich mit sich selbst und bleibt im eigenen Ghetto.

Das Problem sind nicht die Konservativen, die Kapitalisten, die Neoliberalen. Das sind politische Gegner, mit denen es progressive Bewegungen vor einigen Jahrzehnten durchaus aufnehmen konnten. Das Problem ist die geistige Leere und politische Unfähigkeit auf dem progressiven Spektrum. There is nobody like Scotland’s formidable Nicola Sturgeon or Greece’s Alexis Tsipras anywhere. Not in England, not in America, not in Germany, not in France. No ideas, no alternatives, no charismatic leaders. Unless we change that we’ll keep crying. But how? I don’t know.

E0081

Es ist zum Haare raufen. Aber das ändert auch nichts.

Über sunflower22a

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4 Antworten zu Blöde Briten

  1. gunny schreibt:

    It`s the politics and the constitution which is stupid

    Nicht nur die Auseinandersetzungen während des Wahlkampfes haben falschen Signale gesendet – keine Umfrage vor den Wahlen war auch nur in der Nähe dessen was als Wahlergebnis schlußendlich herausgekommen ist. Was ist eigentlich in GB passiert ? – erkenntnisgewinnende Antworten sind rar.

    In England hat sich kaum was geändert – Libs und Labour haben Ihre Schlappe in Schottland eingefahren – und diese haben Sie ausschließlich Nicola Sturgeon und der SNP zu verdanken.
    Die Schotten hatten noch im September mit 55% für den Verbleib in Großbritannien gestimmt – was ist seither in Schottland passiert das Sturgeon am 7. Mai so haushoch in Schottland abräumen konnte?

    The winner takes it all – wenn der Zweite beim Mehrheitswahlrecht völlig unter den Tisch fällt sorgt das eben für Verwirrung – weil niemand weiß mehr so genau welche Haltung wo — gegen welche Meinung — und in welcher Qualität — gewonnen hat.

    Beispiel: Die Angstattacken vor UKIP waren völlig überzogen – verglichen mit dem Wahlausgang von 12% – was ja zunächst mal für Erleichterung sorgen könnte. Tut es aber nicht – weil das Mehrheitswahlrecht verhindert zu erkennen wo überall diese verantwortungslosen Flachköpfe mit mehr oder weniger Erfolg am Start sind.

    Und Europa? Hat das eine Rolle gespielt? Klar ist nur eines : Sollte Cameron mit seinem Referendum Großbritannien aus der EU bugsieren (was schon mal richtig schwachsinnig aus der Sicht der Torries wäre angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen europäischer Länder mit England) kann Cameron sein Großbritannien auch vergessen.

    Dann bleibt der SNP nichts anderes mehr übrig als endgültig das Tischtuch mit England zu zerschneiden – was genauso schwachsinnig ist weil Schottland die Hälte seines BIPS mit Dienstleistungen und Warenverkehr nach England verdient. Nur – die Schotten wollen in der EU bleiben – das ist sicher – und dafür haben die Schotten auch gute Gründe.

    Lichtet also Cameron gegenüber der EU die Anker setzt er todsicher die Grundlage dafür das Schottland nichts anderes übrig bleibt als die englische Union zu verlassen. Vielleicht vereinfacht das Erkennen dieser Zwickmühle ja die Lage.

    Gestern hat Cameron übrigens erklärt das er ein erneutes schottisches Referendum für ausgeschlossen hält.

    zu Syriza: Schwierig. Warum Tsipras sich weigert bei griechischen Großverdienern steuerlich die Hand aufzuhalten macht skeptisch. Darüber hinaus – ohne eine Verwaltung mit Fachwissen geht es nicht – noch nicht einmal ein Zeitungsladen funktioniert ohne eine adäquate Abrechnung – geschweige denn eine griechische Finanzverwaltung – die immer noch nicht funktioniert.

    Podemos in Spanien hat das übrigens schon erkannt. Deren Stimmenanteil in Spanien ist von 26% um 10% auf 16% seit Januar gefallen. Und seitdem vermeidet Podemos offiziell jeglichen Kontakt mit Syriza…….

  2. MT schreibt:

    Ich finde es immer sehr schwierig die politische Situation eines fremden Landes zu kommentieren, wenn man selber im warmen Nest sitzt (überspitzt gesagt).

    Ich persönlich finde die Briten gar nicht blöde. Ich war schon immer ein Fan der englischen und britischen Kultur und empfinde die Menschen auf der Insel als herzlich und offen. Die Urlauber in Spanien oder anderswo sind eine andere Sache, aber da gibts auch genug andere Exemplare aus anderen Ländern, die auch nicht viel besser sind.

    Was ich aber genauso wenig wie Du verstehe, wieso gerade der Cameron wieder gewählt worden ist. Man könnte das vielleicht mit der Situation in Deutschland vergleichen und sich fragen, wieso hier die Merkel immer noch oben sitzt und von der Presse als Heilsbringerin verehrt wird.

    Es stimmt auch, dass der Neoliberalsmus in GB sehr stark ausgeprägt ist und das viele Regionen vom wirtschaftlichen Wachstum (ich nenn das jetzt so) abgehängt sind. Die Armut ist größer ausgeprägt als in Deutschland und die Unterschiede zwischen reichen und armen Regionen sind noch immenser. Das sind wahrscheinlich immer noch die Folgen der schlimmen Kürzungen in den 80er Jahren. Auf der anderen Seite ist es aber womöglich auch eine Folge der Zentralisierung in GB. Alles wird von London aus gesteuert und regiert. Dort befindet sich auch das kulturelle Zentrum der Insel, was London auch aus diesem Grund zur Weltstadt macht.

    Neben Paris ist London für mich die einzige Weltstadt in Europa. Berlin ist keine Weltstadt, war es nie und wird wahrscheinlich nie eine sein. Dafür ist Berlin viel zu provinziell. London war hingegen schon immer ein Anziehungspunkt für viele Kulturen, so dass man es mit New York vergleichen könnte, was wiederum erklärt, wieso die Stadt so teuer ist. Die heutigen Auswüchse auf dem Wohnungsmarkt sind natürlich trotzdem nicht hinnehmbar.

    Hinzu kommt, dass GB schon immer ein stark ausgeprägtes Klassensystem hatte, was hier in Deutschland auch nie so stark der Fall war. Es sind also viele Kriterien, die zusammen kommen und die wirtschaftlichen Unterschiede in GB erklären.

    Zu den Alternativen möchte ich noch schreiben, dass die natürlich vorhanden sein müssen, um sie wählen zu können, sie aber auch so strukturiert sein müssen, dass sie eine wirkliche Alternative darstellen können. Ne zeitlang habe ich gedacht, dass beispielsweise „Die Piraten“ eine Alternative darstellen könnten. Nun ja, was soll ich sagen? Vielleicht auch ein Grund dafür, wieso Merkel immer noch fest im Sattel sitzt.

  3. Mein Beileid schreibt:

    Wer nichts zu sagen hat, der (m/w) zieht sich aus. Qed.

    Im übrigen bilden Wahlergebnisse den Willen „des Volkes“ mehr oder weniger korrekt ab. Es mag ja vielen nicht passen aber der Durchschnittsbürger interessiert sich einen Dreck für Gewissen und Moral, Sitte und Anstand seiner Politiker. So wenig wie er sich für abstrakte Begriffe wie Freiheit (eine für die Bohemé allerdings wichtige) einsetzen würde. So wie der das schlachten der Schwein und das Wurstmachen an die da unten delegiert so das Betrügen und ggf. Morden anderer Volker an die zuständigen Stellen.

    Ob er nun in einer Diktatur oder einem Rechtsstaat zur arbeit dackelt ist ihm nur insofern nicht egal weil er in einer sog. Demokratie mehr herausholen kann. Korrupt wie er ist macht er bei dem sein Kreuz der ihm mehr bietet. Überfälle auf andere Länder wird er immer mit Hurrahpatriotismus begrüßen. Entweder wird das Öl billiger oder der Urlaub in den „befreiten Gebieten“.

    So sieht es, da nützt es auch nichts seine sekundären Geschlechtsmerkmale ins Bild zu rücken. .

  4. Piotnik schreibt:

    Ich glaube, da sind zwei kleine Tippfehler im Titel: ‚Plöde Priten‘😉

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