Mode ohne Kapitalismus?

Heute mal ein Buchtipp. Vielen Dank an die Mädchenmannschaft  für den Hinweis auf Stitched Up – The Anti-Capitalist Book of Fashion von Tansy E.Hoskins. Eine bekennende Marxistin und dennoch modebegeistert. Wahnsinn, kaum zu glauben dass es so jemanden gibt. Genau so etwas habe ich schon lange gesucht, sogar darüber nachgedacht ob ich sowas mal selber schreibe. Fashion. Ein magisches Wort für (fast) alle Ladies. Fashion fasziniert uns, und stößt uns ab, und vor allem hat Fashion eine unwiderstehliche Sogkraft auf unsere Konten. Mit Fashion kann man viel Geld verdienen, und um die Fashion-Industrie in all ihren Facetten geht es in diesem Buch. Vor allem um die weniger glamourösen Seiten, von den ausgebeuteten Arbeiterinnen in Bangla Desh bis zu den ausgehungerten Catwalk models in Paris. Die Fashion-Industrie setzt mehr Geld um als fast jede andere Wirtschaftsbranche, sie verursacht auch schlimmere Ausbeutung und Umweltzerstörung als die meisten anderen Branchen, und dennoch hat man den Eindruck, dass sie in Politik und Gesellschaft – aber auch für Gewerkschaften – eine weitaus geringere Rolle spielt als „richtige Industrien“ wie Automobile oder Computer. Das liegt vermutlich daran, dass ihre Produkte vorwiegend Frauen interessieren und in ihr vorwiegend Frauen arbeiten. Die meisten Männer interessiert so etwas nicht.

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Tansy geht reihum alles durch, was zur Fashion-Industrie gehört. Wer besitzt sie? Eine inzwischen hochkonzentrierte Branche, deren Markenvielfalt über die hochkonzentrierte Struktur dieses Sektors täuschen soll. Die Fashion media – auch ich lese sie gerne…und wem sie dienen. „the job of a fashion journalist is arguably to deliver readers so that advertisers will buy space.“ Sie leben nicht nur in enger Symbiose mit den Produkten der Fashion industrie, sie transportieren auch ein Weltbild nach dem Geschmack der Industrie, oft genug zutiefst US-EU-zentrisch und rassistisch.

Die „Buyology“ ist das nächste Thema, ich shoppe also bin ich. Shopping als Lebensinhalt. Wegwerfklamotten, kaum gekauft sind sie kaputt oder out of style, so you need more. „Making you feel what you’ve currently got is not quite right already. It’s ultimately about trying to make people feel insecure.” Tansy kommt zu den erbärmlichen Produktionsbedingungen, globalisierte Wertschöpfungsketten unter Bedingungen eines Manchesterkapitalismus. Würde man die Löhne der Arbeiterinnen verdoppeln, der Endverkaufspreis würde um unmerkliche 2% steigen – aber das ist das Letzte, was die Fashion-Kapitalisten freiwillig tun werden. Sie setzt sich mit dem „ethischen Einkaufen“ der Lohas auseinander. Wenig verwunderlich, dass sie es für bestenfalls irrelevant, schlechtenfalls für eine Selbsttäuschung hält.

Die Fashion industrie ist eine der schlimmsten Umweltzerstörerbranchen der Welt, verbraucht irre Mengen Wasser für den Baumwollanbau, produziert irre Mengen vergiftetes Abwasser. Kaum eine Branche ist so auf wegwerfen programmiert wie fashion – früher gab es eine Frühjahrs- und eine Herbstkollektion, heute bis zu 50 Kollektionen. Die Plastikabfälle in den Meeren bestehen nicht nur aus Plastiktüten, sondern zu erheblichen Teilen aus Kunstfasern. Eine Industrie der verbrannten Erde, beschreibt Tansy.

Tansy wendet sich den erschreckenden Arbeitsbedingungen des angeblichen Traumberufs Model zu, den Terror des „size zero“. Models, die vor Unterernährung zusammenbrechen und weniger wiegen als ein Kind, und sich dagegen kaum wehren können. Die gleiche Menschenverachtung wie schon im Baumwollanbau, wie in der Textilproduktion. Verlogene Schönheitsideale, reproduziert von abhängigen Medien. Sehr treffend das Zitat von Lagerfeld: „Unreachable beauty is a reminder to make an effort. But if you see something and can reach what you see, then you do not have to make an effort anymore.” Schöne Grüße von Sisyphus.

Schönheitsideale, die genau dieselbe Entfremdung von der Natur spiegeln wie schon die Produktion. „Whilst it might be problematic to argue there is a natural state of being, women’s bodies today are augmented with silicon injections into breasts and buttocks, botox injections, skin bleach, hair dye, enamel teeth, hair extensions, fake nails, vajazzles, surgically modified noses and chins, and leg bone grafts. They are also starved. The results are then photo-shopped to within an inch of their life – this is the epitome of the flight from nature.”

Wunderbar bringt Tansy auf den Punkt, um was es bei den verlogenen Schönheitsideale der fashion industry geht: „They exist to keep women spending their time and money on altering their appearance, to create a climate of self-doubt and to control a large section oft he fashion industry’s workforce. To counteract this, the very idea that there is just one version of beauty must be discarded, along with the system that propagates it. Beauty must be recognized as an intrinsically individual trait, rather than a measure of how well someone is able to conform to the same old accepted aesthetic.”  100% true.

Die Schönheitsnorm der fashion industry ist weiß, glasklar, keine Afrikanerinnen, keine Asiatinnen können da mithalten. Tansy legt faktenreich die Ausgrenzung anderer Kulturen als der westlichen offen, und wie die fashion industry unverblümt sich kultureller Elemente der „Wilden“ bedient um sie zu Geld zu machen. Cultural appropriation, geistiger Diebstahl durch eine Branche die doch wie kaum eine andere ihre Marken schützen lässt gegen „Produktpiraten“, die es doch nur genau so machen wie sie selbst.

Tansy kommt zu einer umfassenden Anklageschrift über die Fashion Industrie: Sie ist mitverantwortlich für Ausbeutung, Umweltzerstörung, Rassismus, Sexismus, kulturelle Entfremdung, wachsende Ungleichheit – aber sie ist eben auch für viele Menschen Quelle großer Freude und kreativer Selbstverwirklichung. Daher brauchen wir eine andere fashion industry, another fashion system!

Dies ist natürlich der schwierigste Teil – die letzten 3 Kapitel heißen Resisting fashion, Reforming fashion, Revolutionizing fashion. Viel mehr will ich nicht verraten – ein absolut super Buch, go and get it!

Tansy E.Hoskins, Stitched up, The Anti-Capitalist  Book of Fashion, Pluto Press, ISBN 978-0-7453-3456-1

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Und übrigens: es macht Spaß, mal wieder ein Papier-Buch zu lesen statt immer nur in Bildschirme zu starren. Zum Beispiel in der prallen Sonne…

 

Über sunflower22a

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