Dieudonné

Dieudonné. Gottgegeben. So nennt er sich, der Provokateur, der Frankreichs politische Klasse zur Verzweiflung treibt. Seine Geste, die „Quenelle“, ein kombinierter Stinkefinger mit stilisiertem Hitlergruß, ist eine Geste der Verachtung für Staat und System. Dieudonné hat den verkappten Nazi-Gruß vor Jahren erfunden. Mittlerweile gehört es zum Ritual, zur „Quenelle“ lauthals die „Chant des Partisans“, ausgerechnet die Hymne der französischen Résistance gegen die deutschen Besatzer, zu singen.

Die kalkulierte Provokation funktioniert. Staat und Gerichte verbieten Auftritte mit seiner ätzenden sogenannten Comedy Show reihenweise – und machen damit nur Werbung für ihn, machen ihn erst recht zum verfolgten Helden gegen das System. Lassen sie ihn gewähren, wächst sein Zulauf auch.

 Es ist nicht schön, was Dieudonné treibt. Die Emotionen, die er anspricht und anheizt, sind auch nicht schön. Wer wütend ist, achtet nicht auf Ästhetik (abgesehen von mir…). Es ist nie schön, wenn sich Leute äußern, die im politischen System keinen Platz (mehr) haben und ihre Unzufriedenheit, ihren Frust, ihre Wut  rauslassen. Sie müssen geradezu provozieren, denn sonst werden sie ignoriert. Das tagtägliche Verhalten der politischen Klasse ist aus ihrer Sicht seinerseits eine einzige Provokation, eine frivole Provokation der Reichen gegen den Rest. In Frankreich sind es die ständigen Steuer- und Abgabenerhöhungen für die „normalen Menschen“, der ungenierte Selbstbedienungsladen für das Establishment, Strauss-Kahn, die Affären des Präsidenten…in Deutschland verkörpert es die Causa Pofalla, oder gerade auch die Causa Wulff, die in ihrer kleinkarierten Klinker-Reihenhaus-Banalität nur um so abstoßender und wirkt als die vielleicht glamouröseren Eskapaden der herrschenden Klassen anderer Länder.

Wenn sich das untere Drittel der wirklich abgehängten und die von Abstiegsängsten getriebenen unteren Teile der Mittelschicht tatsächlich zusammenrotten, dann wird es brenzlig. Rechtspopulismus, Linkspopulismus, richtungsloser Protest – alles das liegt nahe beisammen und kann schnell vom einen ins andere umschwappen. Deshalb hat ausgerechnet die Linkspartei am meisten von der AFD zu befürchten – ihre Wähler sind dafür am anfälligsten. Sie sind eben keine ideologisch gefestigten Linken, sondern Leute die sich entrechtet und ausgegrenzt fühlen. Und die wollen, dass ihre politischen Vertreter auch mal auf die Pauke hauen und grob werden.

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Frankreich erlebt einen phänomenalen Aufstieg des Front National, fast schon zur stärksten Partei, und die „etablierten Parteien“ agieren zunehmend panisch und konzeptlos. Gegen den FN haben sie genausowenig eine Strategie wie gegen Dieudonné. Man kann davon ausgehen, dass Dieudonnés Anhängerschaft zu weiten Teilen ähnliche Sympathien hat für den FN. Ausländerfeindlicher FN und systemfeindliche Unterschicht mit Migrationshintergrund, das ist kein Trennungsgrund mehr – und wenn es nur Hass auf „die da oben“ und die Judenfeindlichkeit ist, die sie verbindet. Dieudonné ist rechtsradikal, obwohl er Halbafrikaner ist – auch kein Problem mehr.

Diese Judenfeindlichkeit ist hässlich, bedrohlich – es sind keine Uraltnazis mehr, es sind ausgegrenzte (oder sich ausgegrenzt fühlende) junge Menschen die damit überwiegend das Establishment und seine politische Korrektheit erfolgreich provozieren. Aber es hilft überhaupt nichts, als Reaktion darauf die Antisemitismuskeule zu schwingen. Das ist sogar kontraproduktiv – am Ende sind diejenigen, die gemeint sind, sogar noch stolz darauf, Antisemiten zu sein. Man muss fragen, woher es kommt – warum werden Frankreichs Juden von dieser ausgegrenzten Unterschicht und abstiegsbedrohten unteren Mittelschicht (mit und ohne Migrationshintergrund) so sehr als Teil des verhassten Establishments wahrgenommen? Wer diese Frage nicht stellt, sondern tabuisiert, erreicht gar nichts.

Es ist das epochale Versagen der politischen Linken, der Sozialdemokraten und Sozialisten, dass sie in einer solchen Situation einer fortschreitenden sozialen Spaltung, einer fortschreitenden Polarisierung der Gesellschaft von den Unterprivilegierten, von den Ausgeschlossenen und den Losern als Teil des Systems und des Establishments wahrgenommen wird und nicht als ihre politischen Interessenvertreter. Jetzt wäre die Chance, den neoliberalen Rollback der letzten 30 Jahre seinerseits wieder rückgängig zu machen. Aber die politische Linke denkt noch nicht einmal an diese Möglichkeit – nicht nur weil der wesentliche Teile des neoliberalen Mists von Leuten wie Blair und Schröder verantwortet werden, die aus mir unerfindlichen Gründen als „links“ gelten. Sozialpolitisch standen diese Typen weit rechts von Leuten wie Helmut Kohl oder Norbert Blüm.

Die sogenannte politische Linke, von Sozialdemokraten über Sozialisten bis zur deutschen Linkspartei, ist abgehoben, intellektuell, akademisch, politisch korrekt – und hat vor den real existierenden Unterschichten in Wirklichkeit vor allem eines: Angst. Die sind unkultiviert, politisch unkorrekt, derb, ungebildet, mit anderen Worten: Fremdkörper im Raumschiff des politischen Systems. Das gestelzte Geschwafel eines Akademikers, der nach der Uni direkt Parteifunktionär wurde und seitdem Berufspolitiker ist, und geschliffen für den Mindestlohn argumentiert – es drückt eine Lebenswirklichkeit aus, die im Grunde dieselbe quer durch alle Parteien ist. Sie hat mit dem unteren Drittel der Gesellschaft rein gar nichts zu tun. Deswegen machen sie alle irgendwelche Symbolpolitik, reden endlos über Mindestlöhne, Betreuungsgelder, Strompreise, über Absurditäten wie dem Verbot der Prostitution, über Pkw-Maut, über Veggie Days, über tausend andere Randprobleme. Aber eines ist tabu: die Verteilungsungerechtigkeit wieder zurückzudrängen. Davon soll das ganze Geschwätz über irrelevante Scheinprobleme ablenken.

Deutschland hat noch keinen Dieudonné, keinen Front National. Deutschlands untere Mittelschichten orientieren sich nach oben, das hat Merkel bisher perfekt hinbekommen. Solidarisierung mit den Unterschichten kommt nicht in Frage, das wäre das Eingeständnis dass man abgehängt wurde. Das geht nicht. Noch nicht. Deutschlands Unterschichten sind apathisch und politisch desinteressiert. Deutschlands Geschichte ist zu gruselig, um mit antijüdischen Ressentiments zu spielen. Einem Dieudonné applaudiert hier niemand, selbst wenn er nicht nur halber sondern ganzer Afrikaner wäre. So etwas geht hier nicht.

Das sind die Unterschiede zu Frankreich. Aber das was in Frankreich heute abläuft, wäre vor nicht allzuferner Zukunft auch dort kaum denkbar gewesen. Ja, auch mir gruselt es vor dem aufbegehrenden ungebildeten Pöbel, und davor dass daraus eine rechte oder antidemokratische Massenbewegung wird. Es muss nicht soweit kommen. Wenn sich aber an der Inkompetenz des politischen Personals vor allem auf der linken Seite des Parteienspektrums nichts ändert, würde es mich wundern, wenn die deutsche Friedhofsruhe noch sehr lange andauert. Denn ein derart großes Segment der Gesellschaft dauerhaft auszugrenzen und selber zu glauben, man könne ungestört weiter Geld machen, das klappt nicht. Das schafft auch eine Merkel nicht auf Dauer, auch nicht mit der SPD in der Regierung.

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Ach übrigens: Auch Dieudonné lebt im Kapitalismus. Und zwar mittlerweile recht gut. 230 000 Euro Reingewinn erwirtschaftete seine Produktionsgesellschaft schon 2012. Zugleich schuldet Dieudonné 887 000 Euro Steuern, plus 65 000 Euro Strafgeld wegen Verunglimpfungen. Die Zahlen für 2013 fallen bestimmt deutlich höher aus….

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6 Antworten zu Dieudonné

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  4. rotewelt schreibt:

    Tja, und nun ist es auch in Deutschland so weit, wenn auch ohne einen Dieudonné…

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