Dresscodes aus dem letzten Jahrtausend

Dresscode. Kleiderordnung. Das Thema ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, jedenfalls seit sie angefangen hat sich mit irgendwelchen Fellstücken zu behängen. Und seit die Menschheit sprechen kann, redet sie über wenige Themen so intensiv und gern wie über dieses Thema. Oder zumindest gilt das für die weibliche Hälfte der Menschheit, die männliche findet das glaube ich eher langweilig. Jedenfalls solange es um die Kleidung von Männern geht – über die Kleidung von Frauen lassen sich auch Männer gerne aus. Und sie machen Frauen gerne Vorschriften.

Was ist eigentlich so toll daran, anderen Menschen Vorschriften zu machen, wie sie sich zu kleiden haben? Was sind das für antiquierte Weltbilder, die hier zementiert werden?

Schauen wir mal nach was so manche dieser Dresscode-Ratgeber so von sich geben (ich beschränke mich mal auf diejenigen für Ladies):

Da gibt es die Website mit dem Titel karrierebibel.de – ein Titel, der schon alles sagt. 7 Todsünden für Frauen listen sie auf, und die erste lautet gleich: „Minirock – Mag sein, dass Sie sexy Traumbeine haben, im Job aber sollten diese weitgehend unsichtbar bleiben. Faustregel: Der Rock endet nicht vorher als eine Handbreit über dem Knie.“ Oder: „Nackte Beine Egal, wie heiß es draußen ist: Im Büro gilt die Regel “immer mit Strümpfen”. Das muss ja nicht gleich eine dicke Strumpfhose sein.“

Irgendwie klingen ja alle diese Ratgeber gleich, wahrscheinlich schreibt der eine vom anderen ab. Das erklärt auch, warum die unterschiedlichsten Ratgeber alle dasselbe sagen, von der Computerwoche über Frauenzeitschriften bis zur „Zeit“ und irgendwelchen Karrierebibel. Dann gibt es noch einen Textbaustein, den viele dieser „Ratgeber“ voneinander abschreiben: „Es gibt eine Grundregel für den Dresscode im Büro, der sowohl für Frauen als auch für Männer gilt. Je höher Ihre Position im Unternehmen, desto dunkler Ihre Kleidung. Aber bitte kein Schwarz tragen; Sie wollen schließlich nicht zu einer Beerdigung. Sympathisch, aber trotzdem kompetent sollen Sie wirken, daher zu einem schicken Kostüm oder einem Hosenanzug mit Bluse greifen. Anthrazit, Nadelstreifen, Dunkelblau sind angemessen. Wenn Sie sich für einen Rock entscheiden, sollte dieser knieumspielend sein. Wir wissen ja, wo der sonst hinrutscht, wenn Sie sich setzen. Zum Rock immer eine Nylon-Strumpfhose in Hautfarben. Im Sommer darf es auch ein elegantes Etuikleid sein.“

Grauenhafte Anweisungen wie „Drei bis vier Hosenanzüge beziehungsweise Kostüme sind ein guter Anfang. Deine Outfits kannst du mit verschiedenfarbigen Blusen abwechslungsreich gestalten. In einigen Geschäften gibt es auch Modelle mit der Dreierkombination Blazer-Kostümhose-Rock zu kaufen. So bringst du ebenfalls Abwechslung in dein Business-Outfit, auch wenn du keinen begehbaren Kleiderschrank zuhause hast.“ gibt es da zuhauf in diesen Ratgebern.

Alle sagen auch: „Denken Sie daran, dass Sie mit Ihrer Kleidung Ihre Verlässlichkeit und Seriosität ausdrücken.“, so die „akademie.de“ unter dem Titel „Business-Etikette: Gute Umgangsformen als Schlüssel zum Erfolg“, und führt dann aus „Modische Kleidung, die zu Typ und Figur passt, ist wichtig. Sie sollten aber auf erotische Signale wie transparente Blusen oder tiefe Ausschnitte völlig verzichten, dies wirkt unsouverän…Im Sommer gilt: Schultern bedeckt halten. Also keine Spaghetti-Träger oder extrem figurbetonte Tops, keine bauchfreien T-Shirts und tiefe Dekolletés im Büro.“ Nun wissen wir es – hätten Sie einer Bankberaterin in Spaghettiträgern  und Minirock ein sogenanntes „Finanzprodukt“ abgekauft? Nie im Leben, die ist doch unseriös, wahrscheinlich sogar eine „Schlampe“. Aber von den uniformiert-langweilig gekleideten Betrügern haben wir uns jahrelang alles aufschwatzen lassen, und keiner sagt, Vorsicht, dieser Kleidungsstil drückt Unseriosität aus. Oder wie es „amenita.de – reine Frauensache“ ausdrückt: Wie Frau sich kleidet so wirkt sie auch.

In einem Interview mit dem Manager-Magazin stellt die Stilberaterin Katharina Starlay immerhin zurecht fest: „Frauen sollten sich der etwas eintönigen Formalität der Männer nicht zu sehr anpassen. Leider aber tun sie das in der Praxis: Fast alle tragen schwarze Anzüge. Dabei sollten Frauen gerade jetzt, wo sie noch vereinzelt in den Top-Etagen vertreten sind, ihren Exotenstatus nutzen und eine modisch-weibliche, gleichzeitig seriöse Erscheinung wagen.“ – und gibt dann prompt dieselben abgedroschenen Tips wie alle anderen auch. Muss sie wohl auch.

Völlig bekloppt, aber leider verhalten sich fast alle mehr oder weniger widerstrebend so. Ist das nicht ein furchtbar konservatives Weltbild? Kann es sein, dass wir bei aller politischer Liberalisierung kulturell noch genauso verklemmt sind wie vor Jahrzehnten? Warum können wir das nicht mal überwinden? Na da wirke ich doch eher wie eine die sich um solche tristen Konventionen nicht kümmert als langweilig. Auch wenn ich damit ab und zu Ärger habe.

Welche dieser schönen Business Ladies halten Sie für vertrauenswürdig – und warum?

09/01/2005. Fashion Show Roissy airport organised by Agatha Ruiz De la Prada.  aigner-autumn-fall-winter-2013-mfw11  akris-autumn-fall-winter-2013-pfw43  akris-spring-summer-2013-pfw11  akris-spring-summer-2013-pfw133  anthony-vaccarello-spring-summer-2013-pfw53  carlos-miele-look-book-autumn-fall-winter-20139  business lady  edun-autumn-fall-winter-2013-nyfw1  gucci-autumn-fall-winter-2013-mfw40jo-no-fui-autumn-fall-winter-2013-mfw14JulienMacdonald201005versace-autumn-fall-winter-2013-mfw5

um es gleich zu sagen: ich halte sie alle für vertrauenswürdig. Und schön noch dazu. Es wäre schön mehr von ihnen im wirklichen Leben anzutreffen.

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Dresscodes aus dem letzten Jahrtausend

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