Die schöne Chefin – leider noch die Ausnahme

Marissa Mayer kann man vieles vorwerfen. Die Chefin von Yahoo hat ein in erhebliche Schwierigkeiten geratenes Unternehmen wieder auf Vorderfrau gebracht.  Seit ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr hat die Yahoo-Aktie um 78 Prozent zugelegt – mit welchen Methoden, weiß ich nicht. Bestimmt war da nicht alles so wunderbar für die Beschäftigten, aber das interessiert ja niemanden. Yahoo hat offen zugegeben, mit der NSA bei der Umsetzung von PRISM zusammengearbeitet zu haben und die entstandenen Kosten sich erstatten zu lassen. Kollaboration mit dem Geheimdienst gegen die eigenen Kunden. Vor Yahoo war sie bei Google, auch so ein NSA-Kollaborateur-Unternehmen. Sie hat sich eine private Kinderkrippe neben dem Büro errichten lassen, aber die Büropräsenzregeln drastisch verschärft und Heimarbeit abgeschafft– betroffen sind am ehesten Frauen mit Kindern. Sehr sozial, die Dame. 37 Millionen hat sie angeblich im ersten Halbjahr 2013 kassiert (ich sage bewusst nicht „verdient“).

Das alles ist den Medien keine weitere Notiz wert. Worüber sie sich aufregen, ist dass Marissa Mayer schön und attraktiv ist und genau das in einem Interview mit Vogue zur Schau stellt. „Auf einer Liege räkelt sich kopfüber eine blonde Frau, enges Kleid, rote Lippen. In ihrem Blick liegt eine unterkühlte Arroganz, sie sieht, man muss das so deutlich sagen, sexy aus. Ein Foto wie jenes, das nun in der September-Ausgabe der Vogue erschienen ist, gehörte eigentlich zum Standard-Programm einer Modezeitschrift, wäre die Frau auf dem Bild ein Model oder eine Schauspielerin. Aber die, die sich hier in Pose wirft, ist Marissa Mayer, 38, Chefin des börsennotierten Internetkonzerns Yahoo.“  So Angelika Slavik in der Süddeutschen, unter der Überschrift „Der Sündenfall: Marissa Mayer von Yahoo posiert in der Vogue“.

Vogue-Marissa-Mayer

„Ist Marissa Mayer zu sexy für den CEO-Job?“ das ist der Tenor vieler Medienmeldungen – sie sollte sich seriöser präsentieren und mehr mit ihren fachlichen Leistungen als ihrem Aussehen hausieren gehen. Auch diesmal: Traditions-Feministinnen und Reaktionäre in einem Boot, wie so oft wenn es darum geht, Frauen Vorschriften zu machen. „Schäme dich, Marissa“, schreibt eine Leserin auf der Internetseite des Senders CNN. Ob sie Feministin oder Reaktionärin ist, wissen wir nicht – spielt auch keine Rolle. Was Mayer in dem Interview sagt, interessiert denn auch niemanden.

Slavik: „Die Frage, wieviel Selbstinszenierung sich ein Vorstandschef zugesteht, ist nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks oder der herrschenden Konventionen. Es ist vor allem eine Fragte der Professionalität….Wer für seine geistige Arbeit geschätzt werden will, kann nicht in Netzstrümpfen ins Büro kommen. Nicht, weil man in Netzstrümpfen nicht denken könnte. Sondern weil kaum jemand auf die Idee kommen wird, dass es zu den Netzstrümpfen auch noch einen brillanten Kopf geben könnte.

Meine Güte, was für Langweiler sind das, die so einen Müll schreiben. Dummes, reaktionäres Geschwätz, triefend vor 50er-Jahre-Chauvinismus: Die Frau darf nicht schön oder gar sexy sein, sonst ist sie dumm. Lauft doch gleich alle rum wie die Merkel. Schönheit à la Deutschland 2013. Bezeichnenderweise hat eine deutsche Managerin sowas noch nicht gebracht, da sind uns die Amis sogar mal voraus. Das ganze Geschreibsel von Leuten wie Slavik hat die gleiche Qualität wie die Spießer, die sich in den 1920er Jahren darüber aufregten, dass ein Foto von Reichspräsident Ebert in der Badehose in einer Zeitung erschien.

Regt euch über die Kooperation mit der NSA auf. Regt euch über unsoziale Arbeitsbedingungen bei Yahoo auf. Aber dass die Chefin schön ist und bei Vogue posiert, das finde ich toll. In unserem aktuellen Biedermeier-Zeitalter muss eine Frau wohl eine graue Maus sein oder wie eine preußische Gouvernante à la Merkel aussehen, um als „seriös“ anerkannt zu werden. Wer gut aussieht und sich chic kleidet, ist anscheinend unseriös. All die schwachsinnigen Büro-Dresscodes laufen genau darauf hinaus. Die größten Wirtschaftskriminellen spazieren allesamt sehr „seriös“ gekleidet durch die Gegend.

Ladies, missachtet die bekloppten Dresscodes und seid schön. Schön, sexy, verführerisch, lasziv. Und, liebe Gentlemen, ihr auch. Unbedingt. Weg mit den grauen Büro-Einheitsuniformen. Her mit den Farben, mit den offenen Hemden, mit den chicen Schuhen. Das Leben würde viel mehr Spaß machen, wenn wir mit der Wahnvorstellung „Seriosität = Langeweile“ aufhören würden und kreative, schöne Kleidung als Zeichen von Kreativität und gutem Geschmack sehen würden, und langweilige Kleidung als Zeichen von Langweiligkeit.

Über sunflower22a

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