Der russische Mann kann töten, und niemand hält ihn auf

Eigentlich, ich mag Russland. Ich wollte sogar mal dort für einige Jahre leben, aber sie lehnten es ab. Wenn ich Russen kennengelernt habe, sie waren immer sehr nett. Aber ich gebe zu, es blieb immer ein wenig oberflächlich, sehr viel über die Verhältnisse in Russland habe ich so nicht erfahren.

Nun, das hat sich geändert. Ich habe eine Russin getroffen, die im freiwilligen Exil lebt, weil sie Russland nicht mehr erträgt. Irina hat mich schockiert. Sie ist davongelaufen vor der brutalen Gewalt gegen sie, gegen viele Frauen, die in Russland straffrei ist. Ihr sogenannter Ehemann hat sie immer wieder geprügelt und beinahe erwürgt. Er genoss die Todesangst in ihren Augen. Ein Land, in dem so etwas nicht bestraft wird, ist kein Land, in dem sie leben will. Absolut richtig.

Human Rights Watch hat letztes Jahr einen Report veröffentlicht „I could kill you and no one would stop me“, ein wirklich schockierender Report. Im Februar 2017 wurde sogenannte „häusliche Gewalt“ weitgehend entkriminalisiert, es wurde zu einer „Ordnungswidrigkeit“ herabgestuft. So etwas ähnliches wie falsch parken. Gewalt in der Familie ist in Russland weit verbreitet, offizielle Statistiken sind nur sehr lückenhaft, weil der Staat es gar nicht wirklich für ein Problem hält. Der Report berichtet ausführlich, welche brutalen und oft genug tödlichen Konsequenzen diese Politik für viele Frauen hat.

„The report documents how police often treat victims of domestic violence with open hostility and refuse to register or investigate their complaints of domestic violence, instead funneling victims who wish to prosecute into the patently unfair and extremely burdensome process of private prosecution, for which the victim must gather all necessary evidence and bear all costs. In the cases we documented, survivors of domestic violence found the process of private prosecution overwhelming and ineffective, and for this reason decided to forego it altogether. The report also shows how state services fail to ensure crucial support for survivors of domestic violence, demanding from them a laundry list of documentation to obtain emergency shelter, making them await a decision for weeks, and then in some cases denying them access to shelter, all while they face the ongoing risk of abuse.”

Um die 14000 Frauen werden gemäss Schätzungen in Russland jedes Jahr von Familienangehörigen ermordet, in den meisten Fällen vom Ehemann. Das sind fast 40 Tote pro Tag. Auf der ganzen Welt gebe es Gewalt gegen Frauen, sagen russische Menschenrechtler, doch kaum ein Land weigert sich dermassen konsequent, etwas dagegen zu tun, wie Russland, sagt Human Rights Watch.

In so einem Klima kommen Dinge ans Tageslicht, die woanders nur gedacht werden, aber nicht gesagt oder veröffentlicht werden. Sogenannte „Männermagazine“ waren schon immer ein Ort, an dem übler Sexismus präsentiert wurde. Aber in zivilisierten Ländern, es bleibt wenigstens gewaltfrei. Die russische Ausgabe von „Mens Health“ hat jetzt einen Text veröffentlicht, der tief blicken lässt, welche widerwärtige Gedankenwelt in den Köpfen russischer Männer herumspukt – natürlich, nicht nur russischer Männer, aber dort wohl mehr als woanders. „Can you learn to beat a woman? According to Men’s Health Russia, yes you can.” Dort wird offen herumphantasiert, dass es viele Gründe gibt, Frauen zu schlagen, zu verprügeln, zu „neutralisieren“. “This text is not about how to learn to beat defenseless girls, but about how to neutralize a woman (or is it no longer a woman?) who represents a real threat to your life.” Man müsse das “kulturelle Tabu”, Frauen zu schlagen, überdenken und überwinden. Dieses Tabu existiert in der Realität sowieso nicht: sehr viele Männer sind gewalttätig gegen Frauen.

Nein, ein Land, eine Gesellschaft, die so etwas toleriert, sind abstoßend. Disgusting. Ich bin froh, dass sie damals meinen Antrag auf Arbeitserlaubnis abgelehnt haben.

Apparently, many Russian men are still boys.

 

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Der russische Mann kann töten, und niemand hält ihn auf

  1. gkazakou schreibt:

    Mir missfällt der antirussische Bias, den human rights watch in vielen Fragen hat und den du unbefragt übernimmst. Die weitgehende Nicht-Strafverfolgung von Brutalität gegen Frauen und Kinder und die Rechtlosigkeit der Opfer ist ein weltweites Thema. Dass es auch in Russland ein Thema ist, ist sehr traurig, da stimme ich dir zu.

    • sunflower22a schreibt:

      bisher habe ich hier 895 posts veröffentlicht, und dieser hier ist der erste mit „antirussischem bias“. du wirst hier viel mehr posts mit anti-US bias finden als mit anti-russischem bias. aber: wenn etwas in Russland schlimmer ist als anderswo, dann ich sage das so. das ist für mich ein prinzip. 🙂

  2. HairyComment schreibt:

    Gibt es eigentlich in Russland vergleichbare Notwehrgesetze zu Deutschland? Oder sind da Frauen ausgenommen?
    Die Beschreibung mit „Todesangst in den Augen“ klingt mir jedenfalls danach, dass die deutsche Notwehr greifen würde, falls der Angreifer tödlich verletzt wird.
    Nachdem in den Medien keine Fälle herumgehen, in denen Russische gewalttäter in Notwehr getötet wurden nehme ich mal an, dass eine Frau die sich in dieser Situation wehrt ins Gefängnis gehen würde.

  3. Pjotr Panini schreibt:

    14 000 ermordete Frauen lt Human sowieso bei einer Gesamtzahl von ca. 15 000 lt Wikipedia. Recherchieren Sie eigentlich was man ihnen so erzählt oder plappern Sie alles nach?

    Daß Sie in Russland (fast) jeden Richter kaufen können kann ihnen bestätigen. Hab da gearbeitet, Das „dem Westen“ selbst die absurdeste Behauptungen gegen dieses Land nicht zu blöd sind wissen Sie selbst.

    Die Städte da drüben sind nicht groß anders als hier, ländlich ist das sagen wir mal „eher nativ“. Gleichberechtigung ist da, wo immer ich war, selbstverständlich, Frauen hab ich in allen Positionen getroffen. Die lassen sich übrigens nicht die Butter vom Brot nehmen, aber es ist auch eine Männergesellschaft. Jedes Land ist nun mal groß, Russland ist größer (und faszinierend widersprüchlich). Da von etwas auf alles zu schließen lässt leider auf etwas ganz anderes schließen.

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