I love Spanish tourists

Manchmal tauchen alte Freunde aus der Versenkung auf. Jahrelang hörst du nichts von ihnen, plötzlich sind sie wieder da. M. ist wieder da, ruft an, wir sollten uns mal wieder treffen, wie geht’s denn so und so weiter. Na klar. Wir treffen uns. Ich weiß, er wird sich schick machen für mich, und ich tue das auch.

M., der alte Casanova, ein Charmeur, ein Einzelgänger, ein Nonkonformist. Wir mögen uns, wir haben so manches gemeinsam, aber er nimmt dich so in Anspruch, das geht immer nur einen Abend gut. Er hat ein tolles Restaurant in der Nähe seiner neuen Wohnung entdeckt, dort treffen wir uns zum Dinner. Wir lachen, wir plaudern, es ist schön von den alten Zeiten zu sprechen, ein herrliches Abendessen…und wir trinken wohl etwas zu viel von dem guten Rotwein dort. Ich finde etwas Ablenkung von meiner aktuell geradezu melancholischen Grundstimmung.

Irgendwann merken wir, wir sind die letzten hier, der Laden will langsam zumachen. M., der Charmeur, darauf hat er abgezielt. Ich wohne weit weg, es ist das andere Ende der Stadt. Er bietet mir an, ich kann doch bei ihm übernachten.

Klar, das kann ich. M. hat immer nur ein Bett. Eine Übernachtung bei ihm heißt, im Bett mit ihm, Sex mit ihm. Er ist wunderbar im Bett, immer eine sehr schöne Nacht, ja, eine Versuchung.

Aber diesmal nicht. Ich bin nicht in der Stimmung dazu.

Er versucht sein Bestes. Aber, lieber M., ein anderes mal. Heute nicht. Küsschen, Umarmung, bye bye, lass uns öfter treffen.

Und dann die leere S-Bahn-Station. Eine Handvoll Menschen sind noch da, also fahren wohl noch Züge. Ja, leider noch 16 Minuten.

Nächtliche leere Bahnhöfe können sehr unangenehme Orte sein. Soll ich ein Taxi nehmen?

Ein massiger, großer Typ taucht hinter mir auf. Stellt sich direkt neben mich. Er hätte 50 Meter Platz, aber er parkt direkt neben mir. Er stinkt nach Alkohol. Er qualmt. Ekelhaft. Ich gehe weg. Er folgt.

Er fasst mich an. Ich gifte ihn an, lass mich los. Er sagt kein Wort, greift fest zu, lässt meinen Arm nicht los, sagt kein Wort.

Für das was ich in Selbstverteidigungskursen gelernt habe, habe ich zu  viel Wein getrunken. Er zieht mich Richtung Ausgang. Panik befällt mich. Hilfe. Ich schreie.

Die wenigen Leute auf dem Bahnsteig ignorieren es. Ausnahmslos Männer. Sie tun so als wäre nichts.

Nur ein junges Paar reagiert, eilt herbei.

„Hey, stop it.“ Sagt er. Spanischer Akzent.

Der Unhold ignoriert es, zieht mich weiter. „Stop it“. Der Unhold tritt ihm vors Schienbein.

Der Spanier lässt ihn gezielt mit einem Karatehaken zu Boden gehen. Alle Achtung, das war Präzisionsarbeit.

Wir entfernen uns rasch von dieser Stelle, die Bahn fährt ein, wir steigen ein und lassen den Typ liegen wo er ist. Von mir aus soll er hier erfrieren.

Muchas, muchas gracias. Sie sind aus Valencia, zum ersten Mal in Berlin, der erste Abend. Meine Helden. Sie freuen sich über meinen spanischen Namen. Ich bin so glücklich, sie getroffen zu haben.

Wunderbar, aber auch wieder furchtbar.

Männer können sich überhaupt nicht vorstellen wie sehr Frauen freiwillig ihre Bewegungsfreiheit einschränken, nur aus Angst vor solchen Situationen. Ich weigere mich das zu tun. Aber: So etwas kann auch anders ausgehen. Bisher hatte ich immer Glück, wenn auch manchmal nur knapp. Bisher.

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It’s a dangerous world outside

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu I love Spanish tourists

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Ja, der typische Deutsche gafft eher als daß er eingreift. Trauriges Thema das.

  2. MT schreibt:

    „Männer können sich überhaupt nicht vorstellen wie sehr Frauen freiwillig ihre Bewegungsfreiheit einschränken, nur aus Angst vor solchen Situationen.“
    Ja das stimmt, das können Männer nicht. Männer können sich sowieso nicht wirklich was vorstellen, wenn es um Frauen geht. Für sie ist das alles ein Spielchen. Frauen wollen es doch so. Sie zieren sich immer nur, aber eigentlich finden die sowas geil. Solche Statements werden jedenfalls immer und immer wieder auf irgendwelchen Blogs wiederholt, wo selbsternannte „Männerrechtler“ ihren Frust ins Internet reinschreiben. Was da zu lesen ist, ist an Doofheit und Lächerlichkeit nicht zu überbieten.

    Ich kann die Panik gut nachvollziehen. Wenn man als Frau einmal in einer ähnlichen Situation war, versteht man sowas. Schön, dass Dir geholfen wurde.

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