Die Moralpolizei aus Hollywood

Die neokonservative Tendenz, Sexarbeit und Prostitution zu re-kriminalisieren, habe ich mit diesem Blog schon oft kritisiert. Dafür habe ich auch eine Menge Hassmails bekommen, die mir „am Arsch vorbeigehen“. Die offene Allianz zwischen Graue-Maus-Feministinnen und rechtskonservativen Moralisten, die hinter dieser Politik steckt, lässt leider viel zu viele sonst progressiv denkende Menschen kalt. Mit den Huren will sich einfach niemand solidarisieren: die meisten progressiven Menschen treten lieber für die Bürgerrechte von salafistischen Gewalttätern ein als für die Bürgerinnenrechte von Sexarbeiterinnen. Lieber wollen sie die Bordelle schließen als IS-Rekrutierungszentren wie die Neuköllner Al-Nur-Moschee.

Lassen wir das. Ich will euch nicht wieder damit nerven, auch wenn es mich ehrlich empört.

Heute möchte ich zum Thema Bürgerinnenrechte für Sexarbeiterinnen einfach nur einige Blogs und Texte empfehlen.

Sehr lesenswert ist der Hamburger Blog Frauensichten. Unter der Überschrift „Sexarbeit gehört entstigmatisiert“ schreibt Kersten Artus:

Als die Sozialpolitikerin Magda Langhans im Parlament über die Razzien sprach, mit denen die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten verhindert werden sollten, stellte dies eine ungeheure Provokation dar. Denn die Abgeordnete skandalisierte, dass die Zwangsuntersuchungen nur an Frauen durchgeführt wurden. Drei- bis viermal, so prangerte Langhans in ihrer leidenschaftlichen und zugleich gestrengen Art an, würden Frauen zur Untersuchung müssen, die Männer hingegen unbehelligt bleiben. Magda Langhans war Abgeordnete der KPD in der Hamburgischen Bürgerschaft und hielt diese Rede 1946. 70 Jahre später werden Frauen immer noch für sexuelle Aktivitäten stigmatisiert, drangsaliert und kriminalisiert – insbesondere, wenn sie sie als Dienstleistung verkaufen. Prostitution gilt im Mehrheitsglauben immer noch als Unzucht – auch wenn sie seit 2002 in der Bundesrepublik Deutschland legal betrieben werden darf.

Chapeau, Frau Artus, für Ihren gelungenen Blog!

Amnesty international ist unter Beschuss geraten. Diesmal nicht von Herrn Putin, oder der chinesischen KP. Nein, von Hollywood celebrities, stinkreichen Ladies, die ai attackieren, weil ai die Entkriminalisierung von Sexarbeit fordert. Meryl Streep, Lena Dunham, Kate Winslet and Emma Thompson und andere Hollywood celebrities haben ai aufgefordert, diese Politik zu revidieren.

“Amnesty’s reputation in upholding human rights for every individual would be severely and irreparably tarnished if it adopts a policy that sides with buyers of sex, pimps and other exploiters rather than with the exploited.”

Warum sollen wir auf stinkreiche Millionärinnen hören, wenn es um die Lebensbedingungen von Frauen geht, die gegen alltägliche Diskriminierung kämpfen müssen, wenn diese Millionärinnen sogar noch eine Verschärfung der Diskriminierung fordern? Was würden wir sagen, wenn diese  Millionärinnen eine Senkung des Mindestlohns fordern würden? Wir wären empört. Aber mit Sexarbeiterinnen solidarisieren, nein, das kommt nicht in Frage.

Kay Thi Win, Coordinator Asia Pacific Network of Sex Workers, sagt dazu das Nötige:

The evidence is clear. The criminalization of sex work contributes to violence against sex workers by police and clients and others; it prevents sex workers from being protected by the law; and it feeds the culture of stigma and discrimination that negatively impacts all our human rights, from health to housing and more. Amnesty International is to be congratulated for the quality of the draft policy it has prepared, which in itself is another milestone in the journey of realizing the human rights of sex workers.

Die thailändische Empower Foundation sagt es ebenso klar:

Keeping our work criminalized means we cannot be treated as human beings but must be treated as criminals by society, including health workers, police and media. Our workplaces are not expected to be safe and healthy but must be treated as “dens of vice and crime” which do not need things like OH&S or even fire exits. Our employers are not expected to be responsible and fair employers but must be treated as “mafia figures” “pimps” and “traffickers” who do not need to worry about labor law, wages, health coverage or hours etc. Our customers are not expected to be respectful but must be treated as “abusers” and “exploiters” who do not need to pay properly or behave appropriately. Changing our status to “victim” is not an improvement.

Asiatinnen sind höfliche Menschen, das ist bei Amerikanern und Europäern anders. Daher möchte ich euch noch ans Herz legen den knallharten Kommentar von feministing.com  „Stay in your lane: we don’t need rich white actresses‘ comments on sex work“ :

At this point — one year after the murders of Eric Garner and Mike Brown set off the nation in a dialogue about the ways the police perpetuates violence against the most vulnerable people in our communities (and Black folks in particular), just weeks after Sandra Bland died in police custody — it takes more mental gymnastics than ever to imagine that criminalization and policing could provide any safety to people as marginalized and publicly stigmatized as those who trade sex.

Im Gegensatz zu den Hollywood celebrities hat amnesty jahrelang recherchiert, mit denjenigen gesprochen um die es geht, Argumente abgewogen – und am Ende eine klare faktenbasierte Schlussfolgerung gezogen. Congratulations. Das sollte man eigentlich von allen anderen auch erwarten: wer Sexarbeiterinnen helfen will , muss vor allem mit ihnen reden und ihnen zuhören. Ich habe an amnesty appelliert, bei ihrer progressiven Politik zu bleiben

Was passiert, wenn man Sexarbeit kriminalisiert, ist immer wieder dasselbe, all around the world. Das Leben der Sexarbeiterinnen wird gefährlicher, die Position und die Profitraten der Zuhälter steigen, die Polizei wird mächtiger. Immer. Jüngstes Beispiel die englische Stadt Hull. Dort treibt der Hype gegen die Sexarbeiterinnen schon richtig ekelhafte Auswüchse:  Junge Rumäninnen, aha, das müssen wohl Prostituierte sein. In Hull musste eine 22jährige Rumänin konsterniert feststellen, dass sie in einem Hotel abgewiesen wurde, weil man sie wegen ihrer Nationalität für eine Prostituierte hielt, berichtet der Telegraph. Das Hotel hat sich für den Irrtum entschuldigt – man darf also nur echte Sexarbeiterinnen diskriminieren, keine vermeintlichen. Leben wir im Mittelalter?

Es sind immer die gleichen Debatten. Frauen gegen Frauen. Die einen (meist gut betuchte middle or upper class women) wollen den anderen ihre Moralvorstellungen aufzwingen, die anderen (marginalized women working in this business) wollen einfach nur dieselben Rechte wie alle anderen Menschen auch. Männer halten sich raus, die meisten Frauen auch. Warum das so ist, wie die Debattenstränge verlaufen, dazu verweist die sehr verdienstvolle Blogseite Sex Work Research auf einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Beitrag aus dem Jahr 1994, der heute noch genau aktuell ist wie damals.

Sorry wenn ich euch schon wieder damit belästigt habe. Es muss leider sein. Zum Schluss: Einen der besten und schönsten Texte zu diesem Thema hat kürzlich eine, of all papers, Schülerzeitung veröffentlicht. Ganz großes Kompliment an die 16jährige Anastasia Barner für ihr Interview mit einer ehemaligen Sexarbeiterin. „Frauen wie ich sind für Zuhälter nicht interessant“ – ein Interview, das weitaus mehr Aufklärung bringt als 1000 Texte selbsternannter „Huren-Retterinnen“. Ein tolles Interview.

www.excitemii.com

Even if you don’t like it: I am a human being like you and I have the same rights as you.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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