Der Prediger und der Autokrat

Islamischer Prediger unterwandert aus dem Exil mit seiner Sekte den Staatsapparat, vor allem Justiz und Polizei, und in einem eskalierenden Machtkampf mit der demokratisch gewählten Regierung droht diese zu stürzen. Normalerweise ist das ein Szenario, bei dem Demokraten und natürlich „der Westen“  Alarmstufe eins ausrufen.

In der Türkei findet zurzeit genau dieses statt. Aber Alarmstufe eins müsste man ausrufen, wenn die demokratisch gewählte Regierung diesen Machtkampf gewinnen würde. Absurd? Ja.

Aber: Absurd ist vieles im Leben. Erdogans AKP gewann eine Wahl nach der anderen, weil das alte kemalistische Establishment zwar laizistisch und irgendwie prowestlich war, aber erstens nicht demokratisch, zweitens durch und durch korrupt und drittens weil es weite Teile der Bevölkerung von wirtschaftlichen Aufstiegschancen ausschloss. Hinzu kam, dass die AKP zwar für persönliche Frömmigkeit stand, aber nicht für eine islamische Diktatur, und sie stand auch für Integrität und weiße Westen. Nur wegen des großen Rückhalts im Volk gelang es ihr, die politische Macht der Armee immer mehr zurückzudrängen und den Krieg gegen die Kurden mehr oder weniger mit einem Ausgleich zu beenden.

Aber, wie so oft, korrumpiert die Macht. Heute steht Erdogan für abgehobene Arroganz und immer stärker werdende autoritäre Tendenzen. Seine Basis bröckelt. Zu ihr gehörte auch die Bewegung Fetullah Gülens, auf die ich vor einem Jahr an dieser Stelle hingewiesen habe. Beeindruckend, wie ihre Anhänger im Staatsapparat den Versuch Erdogans torpedieren, sich immer mehr zum Alleinherrscher der Türkei aufzuschwingen. Gülen selbst steht erklärtermaßen für Toleranz und Demokratie – und das ist genau das, was Erdogan fehlt.

Die Türkei steht jetzt an einem wichtigen Wendepunkt ihrer Geschichte. Sie hat für eine demokratische, friedliche Lösung dieses Machtkampfes ungleich bessere Voraussetzungen als die arabischen Länder in ihrer Nachbarschaft – und dazu gehört vor allem eine mutige, starke, demokratisch gesinnte Öffentlichkeit, die eben nicht nur aus machtlosen Studenten besteht, sondern inzwischen bis weit in die Staatsbürokratie reicht.

Die AKP hat in ihren ersten Regierungsjahren die kemalistisch erstarrte Türkei dramatisch zum Guten verändert. Sie hat gezeigt, dass islamisch geprägte Bewegungen auch für mehr Demokratie kämpfen können. Genau das fehlt den Ländern des arabischen Frühlings: die Quelle der ganzen Ratlosigkeit in diesen Ländern ist doch, dass Demokratisierung dazu führt, dass antidemokratische islamistische Bewegungen erstarken. Niemand kann den Islam aus diesen Ländern wegdiskutieren, und daher besteht in Ägypten oder Syrien nur die faktische Wahl zwischen säkularer Diktatur oder islamistischer Diktatur. Demokratie ohne Demokraten geht nun mal nicht. Aber in der Türkei gibt es inzwischen weit mehr Demokraten als es Erdogan lieb ist.

Jetzt ist die AKP verbraucht und muss in die Opposition. Gelingt der Türkei dieser Übergang, dürfte Fetullah Gülen einen großen Anteil daran haben.

Ich hoffe für meine lieben Freundinnen und Freunde in der Türkei, für die Türkinnen und Kurden, für die Kurdinnen und Türken und die vielen anderen Menschen in diesem wunderbaren Land dass sie dieses schwierige Projekt schaffen. Es wäre ein Leuchtturm für die ganze islamische Welt.

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Spieglein, Spieglein an der Wand – wer kämpft für die Demokratie im Land?

Über sunflower22a

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4 Antworten zu Der Prediger und der Autokrat

  1. kultgenosse schreibt:

    Danke für die Hintergrundinfos. „Niemand kann den Islam aus diesen Ländern wegdiskutieren, und daher besteht in Ägypten oder Syrien nur die faktische Wahl zwischen säkularer Diktatur oder islamistischer Diktatur.“ Aber wieso glaubst du nur an diese Wege? Der „arabische Frühling“ mag nicht sofort Früchte tragen, aber Alternativen sind viel denkbarer geworden auch jenseits von Diktaturen und autoritären Regimen. In Frankreich kamen nach der Revolution Napoleon und Königtum und wir haben jetzt die vierte (?) Republik. Warum können wir diesen Ländern nicht mehr Zeit einräumen?

  2. sunflower22a schreibt:

    Langfristig magst du recht haben. Aber die Vorstellung, wir stürzen den Diktator, dann machen wir Wahlen und dann haben wir Demokratie- die klappt eben nicht. Es dauert viel länger, und ohne tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel vor allem zu mehr Toleranz und mehr Miteinander statt Gegeneinander funktioniert es nicht. Der Rückfall in finsterstes Patriarchat und religiös motivierte Gewalt zeigt überall wieviel da noch passieren muss…

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