Ein unwürdiges Gewerbe?

Ausgerechnet auf dem verschlafenen Sender MDR lief jetzt eine wirklich sehenswerte Sendung über Prostitution. „Ein unwürdiges Gewerbe“ beschreibt zwei Frauen und ihre Geschichte. Christel, 61 Jahre, und Brigitte, 71 Jahre. Beide verdienen ihr Geld mit Sex, in einem Alter in dem andere an Rente denken oder in Rente sind. Sie tun es aus unterschiedlichen Gründen – aber sie tun es freiwillig und selbstbestimmt. In ihren eigenen Räumen, nicht im Bordell. Sie haben beide nichts mit dem üblichen Gerede von Zwangsprostitution, Menschenhandel und so weitere zu tun, mit dem Boulevardpresse und Graue-Maus-Feministinnen hausieren gehen.

Es gibt nur einen Zwang, der sie dazu bringt, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen: Geldnot. Derselbe Zwang, der andere dazu bringt, bei Aldi an der Kasse zu sitzen, Büros zu putzen oder Autos zusammenzuschrauben oder sonstwas zu machen.

Christel ist  61 ist und hat alle ihre Ersparnisse durch unseriöse Finanzberater verloren.  Sie sagt, „ ich bin der Meinung, dass die Seele bei dem Job nicht leidet, sondern wegen der Umstände die damit zusammenhängen“. Es sind die Umstände, die Vorurteile, die sie quer durch alle Gesellschaftsschichten, von links bis rechts, latent zu einer Unperson machen, mit der man nichts zu tun haben will. Hochachtung vor ihrem Partner, der sie liebt so wie sie ist und das Geld auch nicht auf den Tisch zaubern kann. In den Augen der Gesellschaft hat sie ein unwürdiges Gewerbe, nicht der Finanzberater der sie übers Ohr gehauen hat, in Schlips und Anzug, mit pseudo-seriösem Geschwätz.

Brigitte ist sogar schon 71. Auch sie  braucht nach einer Insolvenz dringend Geld. Rente 120 Euro, ihr Mann hat auch nicht mehr, es reicht nicht mal für die Wohnung. Sie ist Prostituierte auf gehobenem Niveau, spielt Domina. Für sie ist es die „schnellste Art, ehrlich Geld zu verdienen, ohne anderen zur Last zu fallen, Ämter und sowas.“  Jeder Konservative müsste eigentlich begeistert sein, bei soviel Zurückhaltung gegenüber dem Sozialstaat. Sie „verkauft Sex aus finanzieller Not und zieht doch einen Gewinn daraus – ja ich fühl mich wohl und akzeptiert. Was ich mache wenn ich zu alt bin, das möchte ich mir gar nicht ausdenken. Diese Arbeit ist für mich ein Segen, weil ich Geld bekomme. Und ein Fluch weil ich darauf angewiesen bin, diese Arbeit zu machen.“

Der Beitrag nennt sich „ein Film über Alter und Attraktivität, über Tabubrüche  und Vorurteile“. Das ist er, auf sehr einfühlende Art gemacht, und er macht deutlich wie normal Christel und Brigitte sind und wie wenig die verbreiteten Klischees über die Prostituierte als „Opfer“, die mit Sicherheit schon als Kind vergewaltigt wurde und deshalb nicht mehr ganz klar im Kopf ist, mit der Wirklichkeit zu tun haben. Und das im MDR! Wie bin ich überhaupt auf den MDR gekommen? Die „schmuddelfreie Erotikseite“ erosa  hat einen Infodienst, der auf solche Sendungen hinweist.

Dringend notwendig also, dass die Gesellschaft ihr verkrampftes Verhältnis zur Prostitution endlich etwas entspannt und aufhört, den Sexarbeiterinnen das Leben schwer zu machen. Was das bedeutet, beschreibt die Sexarbeiterin und Piratenpartei-Aktivistin Carmen auf ihrer Blogseite, auf der man sich ihren Vortrag „Sexarbeit als Weg der sexuellen Befreiung“ zu diesem Thema anhören kann. Etwas langatmig und ausschweifend erklärt sie, für sie bedeute Emanzipation, soziale Regeln bewusst in Frage zu stellen. „Ich bin Prostituierte, das ist meine Form mich vom Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit zu verabschieden. Sexarbeit bietet mir Möglichkeiten, die ich in privaten Konstellationen nicht habe. Echter unverbindlicher Sex, den kann ich in privaten Zusammenhängen nicht haben – die Distanz zu meinen Kunden ist viel größer als es privat möglich wäre. Das bietet mir Sicherheit. Wen man mit vielen verschiedenen Partnern schläft, gewinnt man neue Möglichkeiten, es kommt keine sexuelle Routine auf.“ Da hat sie zweifellos recht, und genau darüber empören sich darüber quer durch die Gesellschaft fast alle, vor allem Frauen, da können sie sonst noch so progressiv sein.

 Sogenannte Frauenrechtlerinnen sprechen Prostituierten die eigene Identität ab, sie werden auf Opfer reduziert, als Zwangsprostituierte diffamiert und diskriminiert. Es ist kein Wunder, dass sie in dieser Frage viele Berührungspunkte mit religiösen Fundamentalisten haben. Respekt für Carmen, die sich vor einen Piratenpartei-Kongress stellt und offen sagt, ich bin Prostituierte. Absolut überzeugend, wie sie die Entrümpelung der zahlreichen diskriminierenden Sonderregelungen für ihren Job fordert. Die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit statt Verunglimpfung als „gewerbsmäßige Unzucht“, inclusive Ausbildung und Abschlussprüfung, Rentenversicherung und allem drum und dran – ein Gewerbe, bei der keine ihren „Körper verkauft“ oder gar ihre Seele, sondern sexuelle Dienstleistungen, und akzeptiert, dass sie „Opfer“ allenfalls im Sinne des unvermeidlichen Zwangs irgendwie Geld verdienen zu müssen ist. Wenn die Piratenpartei ihre Forderung des bedingungslosen Grundeinkommens durchsetzen könnte, würde Carmen ihren  anderen Teilzeitjob aufgeben, aber die Prostitution weitermachen – eine klare Aussage.

Aber in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sind Prostituierte heute noch da, wo Homosexuelle vor 25 Jahren waren. Am Rand, verschämt gerade noch so toleriert. Und die restaurativen Tendenzen der Merkel-Ära lassen nicht erwarten dass sich dies bald ändert.

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Über sunflower22a

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