Der neue Mittlere Osten?

Wieviel ist schon geschrieben worden über das enorme Potenzial des Nahen und Mittleren Ostens, das leider nicht zum Zug kommt, weil die Menschen in dieser Region vor lauter Kriegen  und Konflilkten sich lieber gegenseitig blockieren als gemeinsam vorankommen. Israelis gegen Palästinenser, Sunniten gegen Schiiten, Fundamentalisten gegen Säkulare, alle zusammen gegen die Kurden, Araber gegen Perser… Immer wieder gab es Friedenshoffnungen, und fast immer wurden all die Hoffnungen von der harten Realität wieder enttäuscht. Vielleicht mit der Ausnahme der Kurden, denen es heute wirklich sehr viel besser geht, vor allem im Irak. Ich habe mich an solchen Spekulationen auch schon beteiligt und irgendwann gemerkt, dass man besser sehr viel vorsichtiger mit solchen Prognosen sein sollte.

Das gilt ganz besonders für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Aufhorchen lassen sollten dagegen die neuen Entwicklungen im Iran. Iran hat eine neue Regierung, und die macht so einiges anders als ihre Vorgänger. Natürlich ist der oberste Führer Khamenei geblieben, aber er ist clever genug, soviel Flexibilität zuzulassen, dass das Regime insgesamt überleben kann. Man könnte sagen: die Islamische Republik lässt Demokratie in Grenzen zu, damit das Volk die Legitimität des Systems nicht zu sehr in Frage stellt. Es gibt jetzt eine bemerkenswerte gesellschaftlich-kulturelle Liberalisierung, von der insbesondere die Frauen profitieren: die religiös motivierte Gängelung wird spürbar zurückgefahren. Es gibt den klaren Willen zur Verbesserung der miserablen wirtschaftlichen Lage, und die geht nicht ohne eine Annäherung an den Westen.

Der Atom-Deal ist jenseits seiner eigentlichen Substanz der Schlüssel dafür. Natürlich war das Atomprogramm immer militärisch motiviert, für ein Land wie den Iran ist Atomenergie ein wirtschaftlicher Irrsinn. Die amerikanische Annäherungspolitik mit dem Willen zum Deal wurde gegen den expliziten Widerstand Israels und der amerikanischen Israel-Lobby an Israel vorbei eingefädelt – schon das ist unerhört. Die USA lassen sich nicht mehr für Israels Hardlinerpolitik instrumentalisieren und schon gar nicht in einen Krieg gegen den Iran oder Syrien treiben. Der Iran kommt aus der Isolation und fährt sein sinnloses Atomprogramm gesichtswahrend zurück. Die Außenminister des Iran und der USA verhandeln direkt mit einander, schon das ist ein unerhörter Vorgang. Gebilligt von Khamenei.

Die wirklichen Dimensionen dieser Einigung sind noch nicht absehbar. Wie so oft kann noch alles mögliche dazwischenkommen und die Hardliner aller Seiten machen wieder einen Strich durch die Rechnung. Danach sieht es im Moment aber nicht aus.

Es geht dabei nicht nur um den Iran als Land, als Staat. Iran steht für die Shia, eine der beiden großen Glaubensrichtungen des Islam. Sunniten tun sich unglaublich schwer damit, Schiiten als gleichwertige Muslime oder Menschen zu akzeptieren. Die Bürgerkriege und Halb-Bürgerkriege in Syrien, Libanon, Irak und Bahrain sind weitgehend von diesem religiösen Schisma geprägt. Der Iran und die Alewiten Syriens sind beide Schiiten. Obwohl Assads Regime und die Alewiten generell sehr weltlich sind, werden sie deshalb vom Iran durch dick und dünn unterstützt. Die sunnitischen Fundamentalisten am Golf, vor allem in Saudi-Arabien ist ausgerechnet die Islamische Republik Iran der Feind, nicht die USA. Nur deshalb. Lieber mit den Ungläubigen paktieren als mit den Schiiten. Irak kommt nicht zur Ruhe, weil die sunnitischen Herrscher der Golfstaaten sich nicht damit abfinden können, dass die Mehrheitsbevölkerung der Schiiten die Regierung dominiert, und deshalb die sunnitischen Terroristen im Irak immer wieder zuschlagen.

Wenn der Iran als unbestrittene Führungsmacht der Schia nunmehr aus der Paria-Rolle herauskommt, verlieren die Sunnitenherrscher am Golf ebenso wie die Israelis ihren exklusiven Zugang zur westlichen Nahostpolitik. Früher oder später würden wir im Westen zur Kenntnis nehmen, dass die islamistischen Terroristen und Jihadisten fast ausnahmslos Sunniten sind und ihr Geld aus der Golfregion beziehen, also letztlich unsere Ölmilliarden. Der Iran hat weitaus besser ausgebildete Menschen mit viel Kreativität als die unproduktiven Rentenökonomien am Golf. Für die Golfaraber ist Arbeit eine Schande, dafür hat man Gastarbeiter – die Iraner dagegen wissen, nur durch harte Arbeit kommt man voran. Eigentlich ist der Gegensatz Irans zum Westen längst ein totaler Anachronismus. Er scheint nun überwunden zu werden. Das Feindbild des Großen Satan USA könnte im Iran so schnell verblassen wie der Kalte Krieg Ende der 1980er Jahre. Damit würden die Karten durchaus neu gemischt. Ein wirtschaftlich wieder aufstrebender und toleranter gewordener Iran, der seine außenpolitische Isolation überwindet, dürfte die Region weitaus nachhaltiger verändern als alle arabischen Frühlinge oder gescheiterten Frühlinge zusammen. Ich erlaube mir den Luxus Hoffnung.

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Reichen wir uns die Hand…

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Der neue Mittlere Osten?

  1. Janusz schreibt:

    Die ganz Lage in Nahost ist doch noch weitaus verzwickter. Die USA und damit auch die westliche Welt nähert sich an den Iran an – mehrheitlich Schiiten. Allerdings werden andererseits wieder die sogenannten Rebellen in Syrien unterstützt, die wiederum eher sunnitisch sind. Weil sie sich gegen das ungeliebte Assam-Regime aufgeleht haben. Aber das wird ja wiederum von den Russen und China unterstützt. Tobt hier also ein Stellvertreterkrieg?
    Dann ist da noch die schiitische Hisbollah im Libanon, die durch das assad’sche Syrien unterstützt wird und gegen Israel operiert und damit auch zu den Feinden des Westens zählt.
    Es scheint mir alles so beliebig und nur nach politischen Machtinteressen gerichtet. So nähert man sich einerseits an, konterkariert es aber andereseits wieder durch die Unterstützung der anderen Glaubensrichtung der Sunniten, die eben feindlich den Schiiten gegenüberstehen.

    Mal abgesehen davon, dass man sich mit der Unterstützung der sunnitischen Rebellen in Syrien seinen eigenen zukünftigen terroristischen Feind heranzieht, wenn es denn die mehrheitlich fundamentalistisch eingestellten Rebellen schaffen sollten Assad zu stürzen und einen neuen Gottesstaat errichten. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema…🙂

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