Fotografieren verboten. Immer öfter.

Die Deutschen sind ein gar wunderliches Volk. Es gibt Dinge an ihnen, die versteht man wohl nur wenn man hier geboren und sein ganzes Leben hier verbracht hat. Zugegeben, für die meisten anderen Nationen gilt das wohl auch.

Die von der Regierung und vor allem dem sozialdemoktratischen Justizminister geplante Strafrechtsänderung in Sachen Fotografien von Menschen gehört zu dieser Kategorie. Nach der Edathy-Affäre ging es los. Pflichtschuldig erkläre ich hiermit, mit diesem Herrn keine Sympathie zu haben und nackte Knaben langweilig zu finden. Was der wirklich gemacht hat und ob es überhaupt strafbar war, ist bis heute unklar. Darum geht es aber gar nicht mehr. Wie bei der Skandal-Causa um den Präsidenten Wulf ist das längst nicht mehr wichtig. Die Rituale der öffentlichen Erregung und Aufregung, und welche Konsequenzen sie schlussendlich haben, das ist das Interessante. Der Umgang mit Skandalen, von denen bald niemand mehr weiß, ob sie überhaupt Skandale sind. Das Spannende ist, bei welchen Skandalen gibt es wirklich Konsequenzen und bei welchen nicht.

Nehmen wir die aktuelle Debatte um die Luxemburger Steuervermeidung. Alles längst bekannt, jetzt Talkshowthema, übermorgen vergessen. Konsequenzen: höchstwahrscheinlich keine, trotz der angerichteten Milliardenschäden für die Allgemeinheit. Salafisten und Hooligans auf deutschen Straßen, beide eine reale Bedrohung vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund oder in Syrien/Irak, sie dürfen gewähren, ihre Grundrechte werden besser geschützt als die jedes Flüchtlings. Es regt niemanden auf, es ist normal, das gehört sich so. Nehmen wir die flächendeckende Überwachung durch NSA, GCHQ und ihre deutschen Assistenten – nach monatelangem aufgeregtem Gequassel stellt sich langsam heraus, dass all das keinerlei Konsequenzen hat und auch nicht haben wird.

Aber Nacktfotos. Da kann sich der radikale Biedermeier, der sich im Lande der Großen Koalition immer tiefer in die Köpfe frisst, austoben. Der kleine Gnom im Amte des Justizministers plant einen Strafgesetz-Paragraphen mit dem Wortlaut: „Ebenso wird bestraft, wer unbefugt von einer anderen Person eine Bildaufnahme, die geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden, oder unbefugt eine Bildaufnahme von einre unbekleideten anderen Person herstellt oder überträgt.“

Ein absichtsvoll schwammiger Text, der keinerlei Rechtssicherheit herstellt aber für viel Verunsicherung sorgen wird und wohl auch soll. Einfach eine Straßenszene fotografieren, kann bereits jetzt Prozesse auslösen, wenn sich Leute davon „belästigt“ oder in ihrer „Privatsphäre“ beeinträchtigt fühlen. So wie die Dame, die gegen einen Fotokünstler geklagt hat, der sie beim Überqueren der Straße in Charlottenburg vor einem Pfandhaus gezeigt wurde und außerdem ihrer Meinung nach wegen „ihres mürrischen Gewsichtsausdrucks und der unvorteilhaften Falten ihres Kleides im Bauchbereich“ sich in ihren Persönlichkeitsrechten  beeinträchtigt fühlte.

Sie verlor den Prozess, in Zukunft dürfte sie ihn gewinnen, wenn der Biedermeier-Extremismus des Heiko Maas sich durchsetzt. All die schönen Bilder, die wir von 25 Jahren Mauerfall haben – latent verboten. Da kann immer jemand auf dem Bild sein, der mürrisch glotzt, hysterisch lacht, jemanden küsst, besoffen ist, zu dick daherkommt oder sonstwie „unvorteilhaft“ erscheint. Wer mich vor einem McDonalds fotografiert, den kann ich verklagen, weil das meinem Ansehen schaden würde. Bald können wir nur noch leere Plätze gefahrlos fotografieren. Und natürlich, Nacktfotos, das Schlimmste überhaupt. Für den nackten Körper müssen wir uns schämen. Der verkrampfte Umgang der Gesellschaft mit nackten Körpern ist das Problem, nicht die Fotos.

Während die Facebook-Selfie-Kultur die Grenzen zwischen privat und öffentlich immer mehr verschwimmen lässt, gehen Politik und Justiz immer mehr in die andere Richtung. Der Biedermeier-Bürger schützt sich vor den Zumutungen der modernen Mediengesellschaft mit Gesetzen wie von Heiko Maas. Es sind zwar Placebos, aber die werden dafür umso überzeugter vertreten. Wer anderer Meinung ist, wird mit dem einen Wort „Edathy“ augenblicklich zum Schweigen gebracht.

In den Niederlanden gilt es als unanständig, Vorhänge an den Fenstern anzubringen. Du kannst allen in die Wohnung sehen, niemand findet etwas dabei. Die Schweden können alle Steuererklärungen ihrer Mitbürger im Internet nachlesen. Nahezu alle Kulturen in wärmeren Ländern finden im wesentlichen im öffentlichen Raum statt. Für den Privatheits-Wahn der Deutschen hätte dort niemand Verständnis, wie er sich etwa beim Widerstand gegen Google Street View zeigte. Einer derjenigen, die als erste durchsetzten, dass ihre Hausfassade nicht von Google fotografiert werden durfte, zeigte sich stolz vor just ebendieser Fassade im Bremer „Weser-Kurier“. Logik? Brauchen wir nicht.

Nein, die Bedrohung von Privatheit und Privatsphäre kommt nicht von Fotokünstlern, von Hobbyfotografen, vom Foto von Menschen auf der Straße. Es kommt von der ungeheuren Datensammelei von Konzernen und Geheimdiensten. Gegen die wollen die radikalen Biedermeiers wie Heiko Maas nichts tun. Ihre Paragraphen gegen Fotokünstler und Hobbyfotografen sind Ersatzaktivismus, und niemand wagt etwas dagegen zu sagen, weil man ja nicht als Edathy-Symapthisant gesehen werden möchte. Und die Hauptkunden des Justizministers, nämlich Heerscharen unterbeschäftigter Anwälte, bekommen wieder ein neues Betätigungsfeld. Wie abgedreht.

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Sind die beiden Herren hier in einer „unvorteilhaften Position“ zu sehen?

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Meine Süße, achte bloß darauf dass niemand mit auf das Bild kommt, das wäre ja ganz unvorteilhaft…

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Fotografieren verboten. Immer öfter.

  1. Sebastian schreibt:

    Nun, ganz so extrem wird es wohl nicht werden. Ich verstehe zwar auch nicht, was die durchaus sinnvolle Verschärfung des Handels mit Kindernacktfotos mit unvorteilhaft abgebildeten Erwachsenen zu tun hat, aber es würde mich schon wundern, wenn es so streng ausgelegt würde, wie Du es beschreibst.
    Bei Nacktfotos geht es eher um Fotos, deren Erstellung oder Verbreitung ohne Einverständnis der abgebildeten Personen erfolgt. Mit verkrampft oder unverkrampft hat das wenig zu tun.

  2. Janusz schreibt:

    Es ist wie immer in der Politik, wenn sie aktionistisch Gesetze erlassen. Sie haben ein hehres Ziel und treffen, aufgrund des Schnellschusses, ganz weit daneben, weil der Blick nur auf dem gerade aktuellen Anlass liegt und nicht über den Tellerand geschaut wird. So kommen dann Gesetze zustande, an denen sich jeder windige Anwalt reich klagen kann.
    Das eigentlich Ziel sollte doch der Kinder- & Jugendschutz sein. Aber der ist mit schwammigen Gesetzestexten natürlich nicht zu gewährleisten. Mal abgesehen davon, dass die Urheber solcher „Edathy-Fotos“ sowieso mit deutschen Gesetzen kaum zu belangen sind. Da bestraft man lieber die Konsumenten.

  3. Mordred schreibt:

    ich halte das recht am eigenen bild sowie an allen eigenen personenbezogenen daten für ein hohes gut. wenn ich zufällig auf einem bild lande ist das so lange kein problem, wie es rein privat genutzt wird und nicht öffentlich auffindbar in kontext mit meinem namen zu bringen ist (zb via googlen). soviel zur spießigen seite.
    ein genauso wichtiger punkt ist meines erachtens, dass man rechtlich in sachen abmahnung die kirche im dorf lassen sollte. nehmen wir mein google-beispiel: mehr als die durchsetzung der löschung sowie insgesamt ein sehr niedriger 3stellliger betrag als lohn für den anwalt sollten das höchste der gefühle sein. denn sonst erwächst hier, wie du ja auch feststellst, ein neues geschäftsfeld für die abmahnindustrie.

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