Auf Tuchfühlung mit Obelix

Eigentlich ist easyjet so eine Art sozialistisches Unternehmen. Nein, nicht im Sinne eines VEB. Sondern weil es dazu beiträgt, dass selbst Leute Flugreisen machen können, die früher mal davon nur träumen konnten. Soweit sogut. Nichts dagegen. Es gab Zeiten, da gehörte fliegen auch zu meinen unerfüllten Träumen.

Aber manchmal würdest du dich freuen, wenn es mit den sozialistischen Wirkungen des Billigfliegens nicht ganz so weit gehen würde. Spätestens wenn einer durch den Gang spaziert und dir wieder mal einen „Straßenfeger“ andrehen will, zum Beispiel.

Gut, so weit sind wir noch nicht. Aber kurz davor. Glaube ich seit letzter Woche.

Morgens um halb sieben in Schönefeld, Warteraum von easyjet. Einer dieser Flüge steht an, bei dem fast alle kurz nach dem Start einschlafen. Der Warteraum versprüht in etwa die Atmosphäre einer Bushaltestelle in Nischni Nowgorod. Ich bin verschlafen und schlecht gelaunt. So geht es wohl den meisten. Stille. Niemand sagt was. Ich mustere die Leute. Eine halbwegs repräsentative Mischung. Nur einer fällt auf. Ein ziemlich dicker Zeitgenosse, nach dessen Körpergeruch zu urteilen hat er wohl schon tagelang keine Dusche mehr betreten. Rasierte Wangen, aber einen mindestens halben Meter langen Kinn-Bart, geflochten zu zwei blonden Zöpfen. Die Ohren durchlöchert von zahlreichen Nägeln und zwei Löchern von  tunnelartigen Ausmaßen. Strohblonde Haare, die wohl seit Jahren keinen Kamm mehr gesehen haben. Unter allen 10 Fingernägeln schwarze Ränder. Riesenhafte Totenkopfringe an vier Fingern. Ungewaschene Klamotten, eine mindestens 5 Nummern zu große Jeans von undefinierbarer Farbe, aus deren Hosentasche eine Bierflasche heraushängt. Ein  Rucksack, vermutlich noch aus NVA-Beständen. Oben drauf eine speckige Baseballmütze, deren Aufschrift nicht mehr lesbar ist.

Kurzum: So eine Art moderner Obelix. Ich frage mich wie er die Flasche durch die Security bekommen hat…wahrscheinlich knackt er den Kronkorken gleich mit den Zähnen und trinkt sie zum Frühstück in einem Zug aus. Immerhin: er wirkt nicht aggressiv, sondern auch verschlafen. Noch.

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Jedesmal wenn ich solche Leute sehe, entwickele ich ein inniges Gefühl von Verständnis dafür, wie es  den Römern wohl zumute war, als die Vandalen, Teutonen, Goten, Wikinger, Germanen und andere Barbaren aus den Sümpfen Germaniens und Skandinaviens krochen, die Alpen überquerten und die blühende Zivilisation Italiens heimsuchten.

Nun gut. Eine Skurrilität am Morgen. Abstand halten. Nur eines habe ich nicht bedacht. Easyjet hat seit einiger Zeit Bordkarten mit Sitzplatzzuweisungen eingeführt. An Bord stellt sich heraus: der Typ sitzt neben mir. Ich fasse es nicht. Leider sehe ich keinen freien Platz, nirgendwo. Ich am Fenster, eingezwängt zwischen Wand und Obelix. So  dick wie er ist, kuschelt er sich zwangsläufig auf breiter Fläche an mich ran. Mundgeruch. Schweiß. Ich stelle mir vor, wie er jetzt 90 Minuten lang stinkend neben mir schnarchen wird und sich an mich ranschmiegen wird.

Nein.

„Entschuldigung, ich muss mal raus.“ Er lässt mich widerspruchslos raus.

Ich kämpfe mich zur Stewardess durch und sage ihr, dass ich so nicht mitfliegen werde. Ich will einen anderen Platz. Wir haben keine freien Plätze, sagt sie. Gut, dann steige ich jetzt aus. Sorry. Auf keinen Fall mache ich das. Sie sagt, darauf habe ich kein Recht.

Dumm nur, dass ich einen Koffer eingecheckt habe. Ohne mich darf der nicht mitfliegen. Ihn zu finden und auszuladen, kostet mindestens eine halbe Stunde. Ich habe ein wunderbares Druckmittel.

Sie versuchen mich zu zweit zu überzeugen. Aussichtslos. Anschließend Diskussionen mit dem Cockpit.

Inzwischen sitzen alle. Nur ich nicht. Ich stelle mich an die offene Tür und weigere mich, wegzugehen damit sie nicht geschlossen werden kann. Fragende und genervte Blicke treffen mich. Mir egal.

Plötzlich die Lösung. Sie haben doch noch einen freien Platz. Wie erstaunlich. Jetzt sitze ich zwischen zwei smarten jungen Anzugträgern. Gegeltes Haar, einer mit 4711-Geruch. Egal. Das ertrage ich. Sie freuen sich sichtlich über die Aussicht, neben mir zu sitzen. Take-off.

Eine Stunde später wache ich auf, und die beiden neben mir schlafen. Sie schnarchen nicht. Kein Mundgeruch. Das 4711 rieche ich längst nicht mehr. Beide haben ihren Kopf auf meine Schultern sinken lassen. Das müsste jetzt mal jemand fotografieren. Ich gebe zu, es ist mir nicht einmal unangenehm. Ich blättere ein bisschen in der Vogue, und das macht sie dann doch wach. Ein freundliches Lächeln von zwei Seiten. Einer diskutiert mit mir fachkundig über Lippenstifte, unter den erstaunten Blicken des anderen. Ein netter Flug.

Wir landen. Beim Einsteigen in den Flughafenbus rempelt mich Obelix mit seinem NVA-Rucksack an, und merkt es anscheinend nicht einmal. Unkultivierter Rüpel. Auf Nimmerwiedersehen.

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2 Antworten zu Auf Tuchfühlung mit Obelix

  1. benji889 schreibt:

    wow. Dieser post hat mich jetzt ueberrascht.
    Bin ja froh das ich nicht in dem Flieger war…mit dir.

  2. Pingback: Smile | sunflower22a

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