Miley Cyrus – Sexobjekt oder Streitobjekt?

Die sexualisierten Shows der 20jährigen Nachwuchsdiva Miley Cyrus wären künstlerisch gesehen nicht weiter der Rede wert. Die provokativen Sex-Andeutungen der kaum bekleideten Lady auf der Bühne haben natürlich das Ziel, Aufmerksamkeit zu erreichen, und das hat voll funktioniert. So etwas kann natürlich auch schiefgehen und sie kann enden wie Britney Spears, nämlich als bedauernswerte Durchgedrehte. Allerdings kann man Cyrus wohl etwas mehr Durchtriebenheit unterstellen, vermutlich weiß sie ganz genau was sie tut. Aber darüber will ich mich hier gar nicht auslassen, das interessiert mich eigentlich nicht so sehr.

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Sie hat allerdings eine heftige Debatte unter Feministinnen ausgelöst, seit Sinead O’Connor (ja, die mit der Glatze) eine Serie von Offenen Briefen an Cyrus geschrieben hat. In „a spirit of motherly care“ (!!) wirft sie ihr unter anderem vor, sie mache sich zur Prostituierten der Musikindustrie.

Auch Amanda Palmer hat daraufhin an Sinead O’Connor geschrieben und geantwortet, Cyrus habe das Recht, ein „raging, naked, twerking sexpot” zu sein (welch wunderbarer Begriff, der ist einfach nicht übersetzbar).  Sie, Amanda,  habe sich gegen ihr Label das Recht hart erkämpfen müssen, lasziv und leicht bekleidet auftreten zu dürfen – so wie sich Sinead das Recht habe hart erkämpfen müssen, alle konventionellen Schönheitsstandards zu ignorieren

Nun hat die Debatte auch die feministischen Intellektuellen erreicht. Die Soziologieprofessorin Lisa Wade macht dazu gute Anmerkungen, und sie bezieht nicht einfach Position für die eine oder andere Seite. Nicht erst seit Cyrus sind Frauen immer wieder mit der Frage konfrontiert, wieviel Sexualisierung sie sich leisten können, wollen oder dürfen – und wer ihnen das gegebenenfalls verbieten oder abverlangen darf. Das weite, verminte Gelände zwischen keuschem Graue-Maus-Feminismus und/oder sittenstrenger Religion einerseits und Sexpüppchen im Dienste des Patriarchats andererseits ist schon oft rauf und runter abgelaufen worden und viele Minen sind dabei schon explodiert. Mir kommt es darauf an, diese beiden Pole zu verlassen und stattdessen einen anderen Pol anzustreben: Frauen sollten ihre Sexualität nach Lust und Laune frei ausleben dürfen, gerne auch kalkuliert zur Karriereförderung, ohne dazu gezwungen zu sein und ohne dass allerlei selbsternannte Sittenwächterinnen über sie herfallen und sie im gesellschaftlichen Abseits landen. Dieser dritte Pol scheint von so vielen Minen umgeben zu sein, dass sich die wenigsten dorthin trauen.

Lisa Wades Analyse kann helfen, den Weg zu diesem dritten Pol leichter zu finden. Sie gibt O’Connor recht – ja, wir leben in einer Gesellschaft mit einer Musikindustrie, die uns mit aller Macht in ein System zwingt, und in der Musikindustrie kommt eine Frau kaum daran vorbei, ihre Sexualität zur Schau zu stellen wenn sie vorankommen will. Sie gibt auch Palmer recht, dass heute jede Frau selbst bestimmen kann, wieweit sie darauf eingeht und was sie selbst tut. Aber beides sei nur ein Teil des Bildes. Frauen sind nicht einfach Opfer eines Systems, sie treffen ihre eigenen Entscheidungen und haben heute mehr Freiheiten als je zuvor – auch die Freiheit, sich gegen „das System“ zu stellen und gesellschaftliche Erwartungen bewusst nicht zu erfüllen. Aber es gibt eben auch Realitäten, die keine noch so freie individuelle Entscheidung ändern kann. Du kannst auch auftreten wie Miley Cyrus, aber danach bist in einer gewissen Weise abgestempelt und andere Dinge sind dir verschlossen. Der Schauspieler Ronald Reagan konnte anschließend Präsident werden, er hatte diese Option – eine Miley Cyrus braucht darüber nicht mehr nachzudenken. Das System erlaubt dir in gewisser Weise, deine Rolle zu suchen – aber jede Rollenentscheidung schränkt dich in deinen Freiheiten ein.

Hier fragt sich Wade, ob die freie Entscheidung der Miley Cyrus nicht ein Wirklichkeit eine Strategie ist, eine Abwägung innerhalb eines patriarchalen Systems. Wie kann ich das System am besten zu meinen Gunsten manipulieren, ohne es verändern zu müssen? Dabei gehst du das Risiko ein, dass du als Individuum das Beste für dich rausschlägst, aber Frauen insgesamt schadest. Cyrus bestätigt die Wahrnehmung, dass eine Frau im Showbusiness ihre Sexualität vermarkten muss, wenn sie Erfolg haben will. Würde sie sich weigern, würde sie durch eine andere ersetzt. Wade kommt zu dem Schluss: ja, Cyrus hat natürlich das Recht und die Freiheit das zu tun was sie tut, und muss sich dafür keine matriarchalen Belehrungen anderer Frauen anhören – aber im Ergebnis schadet sie anderen Frauen, die sich die Freiheit erst noch erkämpfen müssen, auch mit weitaus weniger Sexualitäts-Vermarktung erfolgreich zu sein.

Soweit kann ich ihr noch folgen. Da es aber immer Frauen geben wird, die ihren individuellen Erfolg vor die – aus ihrer Sicht vielleicht nicht einmal in dieser Form bestehenden – Interessen der Frauen insgesamt stellen werden, hat es auch keinen Sinn diese individuellen Frauen mit offenen Brief und anderer Kritik zu überziehen. Feindbild „Schlampe“. Ich kenne diese Sorte Kritik aus eigener Erfahrung nur allzu gut, und sie geht mir längst am Arsch vorbei.

Überraschenderweise tendiert selbst Gloria Steinem, die Ikone des Feminismus in dieser Richtung Stellung bezogen (hätte ich ihr gar nicht zugetraut). Sie meint, Cyrus sei kein Rückschlag für die feministische Bewegung – und meint: „I wish we didn’t have to be nude to be noticed … But given the game as it exists, women make decisions… I think that we need to change the culture, not blame the people that are playing the only game that exists.”

Wenn wir der Meinung sind, dass Frauen (und eigentlich auch Männer) erfolgreich sein sollen, egal ob sie sexualisierte Shows abziehen oder lieber im „seriösen“ Businesskostüm am Mikrofon stehen, dann sollten wir vielleicht einfach aufhören, uns über Leute wie Miley Cyrus allzusehr aufzuregen. Es ist okay was sie tut. Sie könnte es noch weitaus künstlerischer machen, sie könnte es wirklich erotisch machen statt mit den plumpen Zuckungen, die sie veranstaltet. Vielleicht lernt sie ja noch dazu. Und wenn sie irgendwann statt Sexualisierung eine andere Strategie nimmt, auch okay. Lasst uns statt dieser ritualisierten Aufregung lieber Frauen feiern, deren Shows mit Sexualisierung nichts am Hut haben aber einfach gut sind. Es lebe die Vielfalt. Das ganze Spektrum von Hure bis Nonne,  von Mata Hari bis Mutter Theresa, so ist nun mal die Realität. Überall gibt es tolle Ladies und dumme Pflaumen. Warum müssen wir immer alles verurteilen, was nicht in unsere Linie passt?

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Miley Cyrus – Sexobjekt oder Streitobjekt?

  1. tikerscherk schreibt:

    „I wish we didn’t have to be nude to be noticed … But given the game as it exists, women make decisions… I think that we need to change the culture, not blame the people that are playing the only game that exists.”
    Besser kann man es eigentlich nicht zusammen fassen.

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