Der Mensch zerstört, was er liebt

Die Katastrophe in Syrien und Irak nimmt der Rest der Welt in bequemen Fernsehsesseln wahr, und geht dann wieder zur Tagesordnung über.  Wie praktisch, dass Kobane so nahe an der türkischen Grenze liegt, da kann man mit dem Teleobjektiv von einem sicheren Logenplatz aus alles mitverfolgen.  Eigentlich wollte ich über das alles  nichts mehr schreiben, weil es mich fertig macht. Ich mache es doch.

Wer diese Region aus anderen Zeiten kennt, wer dort Menschen kennt, wer damit Städte, Landschaften, Gerüche, Gefühle verbindet, kann angesichts dieser Tragödie nur heulen. Horden tollwütiger junger Männer, die es in ihrem verhunzten nutzlosen Leben zu nichts anderem gebracht haben als zum Killer, bringen Mord, Totschlag, Sklaverei und Erniedrigung über Millionen Menschen. Die „westliche Wertegemeinschaft“ tut nahezu nichts, außer ein paar Luftschlägen und der verspäteten Lieferung einiger weniger Waffen. Sie lässt die tollwütigen Salafisten-Horden in Europa gewähren, rekrutieren, öffentlich auftreten. Allen voran ihr Verbündeter Erdogan.

In Arabien, in Kurdistan geht eine Gesellschaft unter, vergleichbar mit den verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in Europa, oder dem Untergang des multikulturellen Jugoslawien in dem Augenblick, in dem es hätte demokratisch werden können. In wenigen Jahrzehnten wird aus einer der vielfältigsten, multikulturellsten Regionen eine triste Ansammlung von ethnischen und religiösen Monokulturen.

Was in Europa im Zweiten Weltkrieg und im Jugoslawienkrieg passierte, wiederholt sich jetzt wieder. Multikulturelle, lebendige, vielfältige Gesellschaften gehen vor unseren Augen unter.

Das Palästina des Osmanischen Reiches, der britischen Mandatszeit – alles Geschichte, zerstört von europäischen religiösen Kolonialisten. Übrig geblieben ein erniedrigtes rechtloses Volk, die Palästinenser,  zusammengepfercht im Gazastreifen und einem von zionistischen Siedlungen perforierten Westjordanland, und ein immer mehr in nationalchauvinistischen Wahn abgleitendes Israel. Die Katastrophe braut sich zusammen.

Das Syrien des Osmanischen Reiches, der französischen Mandatszeit, der ersten Jahre der Republik – eine vibrierende arabische Zivilisation voller Minderheiten, voller Vielfalt, mit jahrtausendealter reicher Geschichte. Das Land versinkt jetzt im Massenmord, und wenn eines Tages die tollwütigen IS-Horden besiegt sind, wird das Land nie wieder sein was es war. Konfessioneller und ethnischer Hass, Sunniten gegen Schiiten, Alawiten, Jesiden, Christen oder Araber gegen Kurden, aus Nachbarn wurden in Windeseile Feinde. Genau dasselbe im Irak. Sunniten und Schiiten massakrieren sich in immer brutalerer Weise. Am Ende wird der Irak zerfallen in ein weitgehend ethnisch gesäubertes Kurdistan, und in zwei arabische Staaten, der eine sunnitisch, der andere schiitisch. Sie werden ein Schatten ihrer jahrtausendealten vielfältigen Geschichte sein.

Wir besuchen vibrierende multikulturelle Städte am liebsten, wir leben in ihnen am liebsten, weil sie der Inbegriff menschlicher Kultur sind. Monokulturen sind langweilig. Berlin ist spannender als Rostock. Istanbul ist spannender als Ankara. New York ist faszinierend, Kansas City todlangweilig und unerträglich. Wer besucht ethnisch homogene Plattenbausiedlungen in einer abwechslungslosen Landschaft? Niemand. Und doch zerstören immer wieder tollwütige Horden von männlichen Underdogs all das, was wir in Jahrhunderten aufgebaut haben, binnen weniger Jahre, egal ob sie SS heißen oder Tschetniks, ob Ustascha oder IS, ob zionistische Siedler oder Taliban, was auch immer. Wie schon die Kreuzfahrer oder die Konquistadoren, der Hass auf fremde Kulturen eint sie. Wie viele Kulturen wurden von solchen hasserfüllten Männern schon zerstört? Es geht immer weiter. Es ist immer noch nicht Geschichte. Nationalismus und religiöser Wahn. Diese Krankheiten sind millionenfach schlimmer als Ebola oder Aids. Am anfälligsten dafür sind Männer zwischen 15 und 30. Warum nur bekommt die Menschheit das nicht in den Griff?

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Über sunflower22a

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4 Antworten zu Der Mensch zerstört, was er liebt

  1. kormoranflug schreibt:

    Manchmal denke ich, die Menschen wollen weniger werden und denken sich so eigenartige Dinge aus.

  2. kultgenosse schreibt:

    Für diesen Beitrag würde ich dich gerne umarmen.

  3. Pingback: Vielfalt ist Freiheit | sunflower22a

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