Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Australien ist weit. Was dort passiert, dringt selten bis in den Rest der Welt vor, auch weil dort das Leben meist angenehm und ohne bahnbrechende Ereignisse ist – abgesehen von einigen Naturkatastrophen, wenn es mal wieder brennt oder alles überschwemmt ist. Dass ein australisches Studentenmagazin zu weltweiter Bekanntheit kommt, ist um so bemerkenswerter – und der Grund dafür ist, wie könnte es anders sein, derselbe mit dem viele andere unbekannte Presseorgane bekannt wurden. Das Blatt wurde nämlich zensiert.

Honi soit – das ist der Titel des Blatts. Ein durchaus staatstragender Titel: Honi soit qui mal y pense, dieser französische Spruch ziert das Wappen des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Zu deutsch: ein Schelm wer Böses dabei denkt. Australien ist immer noch Teil des britischen Commonwealth.

Aber: auf dem Titelbild war kürzlich etwas Verbotenes zu besichtigen: 18 weibliche Geschlechtsteile, rasierte und haarige, mit großen Labia und mit kleinen, in all ihrer Unterschiedlichkeit. Streng verboten, so etwas, nicht nur in Australien. Alles Pornografie, und die muss bekämpft, unterdrückt, verboten g interessant. Und so wurde das Heft verboten, samt Internetauftritt.

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Auf ihrer Facebookseite erklärten die Studentinnen ihre Motive:

We are tired of society giving us a myriad of things to feel about our own bodies. We are tired of having to attach anxiety to our vaginas. We are tired of vaginas being either artificially sexualised (see: porn) or stigmatised (see: censorship and airbrushing). We are tired of being pressured to be sexual, and then being shamed for being sexual.

The vaginas on the cover are not sexual. We are not always sexual. The vagina should and can be depicted in a non-sexual way – it’s just another body part. “Look at your hand, then look at your vagina,” said one participant in the project. “Can we really be so naïve to believe our vaginas the dirtiest, sexiest parts of our body?”

We refuse to manipulate our bodies to conform to your expectations of beauty. How often do you see an ungroomed vulva in an advertisement, a sex scene, or in a porno? Depictions of female genitalia in culture provide unrealistic images that most women are unable to live up to. “Beautiful vaginas are depicted as soft, hairless, and white. The reality is that my vagina is dark and hairy, and when it isn’t it is pinkish and prickly,” said one of the participants in the project. We believe that the fact that more than 1200 Australian women a year get labioplasty is a symptom of a serious problem. How can society both refuse to look at our body part, call it offensive, and then demand it look a certain way?

It’s telling that the women who participated in the creation of this cover found the experience to be liberating. “It was a big ‘fuck you’ to all of the ideals, all of the shame, all of the hurtful lies that we are told about ourselves day in and day out,” summarised one woman.

We want to feel normal; we don’t want to feel fearful when we have a first sexual counter with a partner who may judge us because of our vaginas. Here they are, flaps and all. Don’t you dare tell me my body offends you.

Eine heftige Diskussion folgte, und die war genau beabsichtigt. Und jenseits der Provokation ist es einfach wahr, dass die rasante Zunahme von Schönheitsoperationen auch daran liegt, dass viele junge Frauen glauben, ihre Schamlippen und ihre Vulva seien hässlich, weil sie außer ihren eigenen praktisch keine unmanipulierten Vulvas zu sehen bekommen – vor lauter Scham, Scham, Scham. Dagegen regt sich auch woanders Widerstand – siehe mein Blogbeitrag Deine Vulva ist schön.

Die Unkenntnis der eigenen Geschlechtsteile geht sogar so weit, dass selbst die Studentinnen aus Sydney  alle von „Vaginas“ reden, obwohl sie die Vulva meinen. Kurzer Blick in die Anatomie:

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Die Protagonisten der neokonservativen Prüderie jammern ständig über die „hypersexualisierte Gesellschaft“. Viele plappern es ihnen nach, weil sie schon einen Schock bekommen, wenn sie einen nackten oder halbnackten Menschen sehen. Dabei sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Der Mainstream ist alles andere als hypersexualisiert, sondern tabuisiert Sexualität immer mehr – und alle die darüber schreiben, werden zu „Skandalautorinnen“. Welch ein Armutszeugnis.

In ihrem Kommentar zu meinem Beitrag über nackte Männer schrieb tikerscherk kürzlich, auf Darstellungen nackter Menschen seien eigentlich immer nur die sekundären Geschlechtsmerkmale zu sehen, nie die primären. Und sie fragt: „Woran liegt das? Wer hat solche Angst davor?“

Gute Frage. Ich weiß es nicht.

Vor nackten Menschen schrecken alle, von links bis rechts, zurück – erst recht wenn die „primären Geschlechtsteile“ zu sehen sind. Da können sie politisch noch so progressiv sein – in Sachen Prüderie lassen sich fast alle Linken und Progressiven von keinem Konservativen oder Religiösen den Rang ablaufen. Und wer sowas nicht sehen will, sollte jetzt schnellstmöglich weiterklicken.

Schon 1866 stellte der Maler Gustave Courbet diese Frage in aller Deutlichkeit mit seinem Bild „Der Ursprung der Welt“. Eine von Haaren weitgehend bedeckte Vulva. Durch sie betreten wir alle diese Welt. Sie ist das Tor zum Leben. Und doch ist sie tabu. Courbets Bild durfte bis weit ins 20.Jahrhundert nicht offen gezeigt werden.

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Doch das ist noch nicht vorbei. Auch wer heute eine Vulva (oder auch einen Penis) malt oder fotografiert, wird schnell ausgegrenzt. Das ist immer noch etwas anderes als der nackte Mensch, dessen Vulva oder Penis irgendwie doch nicht zu sehen ist. Selbst der Playboy (!) hat bis vor wenigen Jahren notfalls noch Schamhaare hinzuretuschiert, um zu verhindern dass bei den Playmates Schamlippen zu sehen waren. Heute sind Schamhaare stark aus der Mode gekommen, bei mir gibt es auch schon lange keine mehr.

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Dabei ist die Vulva eigentlich ein erregend schönes Motiv. Eigentlich keine Überraschung.  Kaum eine sieht aus wie die andere, jede ist ein Individuum.

Mit ihrem Vulva-Projekt vergöttert die Schweizer Fotografin Natalie Uhlmann diesen weiblichen Körperteil förmlich:

Jede Vulva hat eine eigene Persönlichkeit, mit einem persönlichen Gesicht, einer eigenen Botschaft, mit ihren Vorlieben und Launen. Als Künstlerin und Fotografin versuche ich die Persönlichkeit, die Schönheit, die Vielschichtigkeit, die Essenz der Vulven zu sehen und zu zeigen. Der Moment wo Frauen die Schönheit ihrer portraitierten Vulva sehen können, ist schlicht erhebend….Ich wünsche mir, dass Vulven verehrt werden.

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Ein bisschen viel Esoterik bei der Dame, aber die Ausstellung „Lebenstore“ mit großformatigen Kunstdrucken hätte ich schon mal gerne besucht.

Kunst und Erotik gehörten schon immer zusammen. Wunderbare Kunstwerke und Artifakte aus westlichen und anderen Kulturen gibt es im New Yorker Museum of Sex. Nirgendwo anders wird die Sexualität des Menschen ansprechender präsentiert als hier. Die meisten Kulturen Afrikas, des präkolumbianischen Amerika und Asiens hatten (und teilweise haben) gegenüber Sexualität und auch primären Geschlechtsmerkmalen weitaus weniger Hemmungen als das heute üblich ist. Christentum und Islam, zumindest in ihrer heutigen Ausprägung,  werden wohl in die Geschichte eingehen als die verklemmtesten, sexualfeindlichsten Ideologien aller Zeiten. Wer in New York ist, sollte einen Besuch nicht verpassen. Auch wenn die meisten Reiseführer dieses Museum schamhaft verschweigen. Sex, Hiiiilfe. Nein Danke.

Lassen wir uns mal von solchen Verboten nicht beeindrucken….

Bei sonnigem Wetter ist es ein schönes Gefühl, ein bisschen Sonne daraufscheinen zu lassen…

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Schöne Motive ergeben sich, wenn irgendwo plötzlich ein unerwartetes Detail durchsieht

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Der Fotograf Fred Lang projiziert Vulven in Blumen und Muscheln hinein. Das kann man eigentlich überall hinein projizieren. Witziger Gedanke.

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Die kannst die Vulva auch künstlerisch verzieren. Beim Bodypainting musst du aufpassen, die Schleimhäute sind empfindlich.

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Sehr lange Halsketten sind eine wunderbarer Schmuck für die Vulva.

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Oder auch sehr lange Haare, die die Vulva spielerisch umfassen.

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Du kannst sie auch mit Sonnenblumen verzieren😉

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Auch mit Schuhen kann man schön spielen.

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Selbst die in Deutschland zur Zeit so beliebten Rauten aus Körperteilen kann man damit darstellen😉

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Bei entsprechender Vergrößerung entstehen regelrechte Landschaftsfotografien, Dünen in der Wüste, Wellen im Meer…

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der Eindruck verstärkt sich noch bei Schwarz-weiß-Aufnahmen. Das Bild hier könnte doch fast eine Landschaftsaufnahme von der Oberfläche der Venus sein…

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 Pfauenfedern sind nicht nur ein wunderbares Stimulans, sondern sehen auch gut aus.

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Mit Wasser öffnet sie sich ein bisschen…

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Rote Fingernägel sind eine sehr erotische Kombination

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Schön ist es auch die Vulva deiner besten Freundin zu streicheln.

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Eine tolle Sache ist auch Intimschmuck. Außer mit deinem Partner oder deiner Partnerin kannst du sowas natürlich nur mit sehr guten Freundinnen vorführen – die allermeisten Leute würden vor Schreck wahrscheinlich zur Salzsäule erstarren, wenn sie dich so sehen. Dabei ist gerade dieses Modell eine wunderbare Stimulation, der kleine Tropfen der dich immer wieder berührt. Aber auch der kleine Vorhang hat seinen Reiz.

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Dann gibt es noch die Idee des Intim-Piercing. Meine Klitoris zu piercen – nie im Leben würde mir das einfallen, auch wenn diejenigen die es tun noch so oft behaupten es würde sie irre stimulieren. Brrr. Dann lieber der kleine Tropfen.

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Ja, und dann gibt es natürlich noch die primären Geschlechtsmerkmale des Mannes. Solange es im entspannten Zustand ist, darf der Penis mittlerweile ab und zu gezeigt werden. Besonders schön ist es aber im erregten Zustand, und da setzt sofort die Sittenpolizei ein. Das geht gar nicht. Eine wunderbare Sache ist es, diesen Erregungszustand mit den Füßen herbeizuführen…

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Spätestens jetzt halten mich wahrscheinlich auch 99% derjenigen, die das lesen für völlig übergeschnappt. Aber wahrscheinlich träumt ihr solche Dinge auch. Askese, Selbstkasteiung und Genussfeindlichkeit scheint gerade in den protestantisch-christlich geprägten Ländern ein sehr tiefsitzendes Kulturmerkmal. Was sollen alle diese Verkrampfungen, all diese Scham, all diese Verbote? Ich verstehe es nicht. Wer sich davon fesseln lässt, verpasst wirklich vieles im Leben.

Über sunflower22a

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6 Antworten zu Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

  1. tikerscherk schreibt:

    Ich hatte von dieser Hochschulaktion in Australien in einem anderen Blog (weiß leider nicht mehr in welchem) gelesen. In diesem Zusammenhang dann auch über den Trend zum Vaginal- und Anal-Bleaching. Denn: “Beautiful vaginas are depicted as soft, hairless, and white.“
    Aber ich muss ehrlich gestehen, ich sehe all diese Vulvas auf einer Seite auch nicht gerne. Es ist mir regelrecht unangenehm sie anzuschauen.
    Prägung, Moral, oder das letzte Geheimnis?

    • kalypso schreibt:

      hi tikerscherk,
      warum unangenehm???

      es ist ein teil von einer frau. es ist ein teil von dir und mir.
      also alles ganz natürlich.

      • tikerscherk schreibt:

        Die Frage, warum es mir unangenehm ist, stelle ich mir selbst.
        Die einzelne Vulva ist mir nicht unangenehm. Es ist diese Zusammenschau, die ich, warum auch immer, nicht gerne sehe.
        Alles ganz natürlich, da hast du recht.
        Aber mit dieser Argumentation sind auch viele andere Dinge ganz natürlich, die die meisten trotzdem nicht mögen.

  2. sunflower22a schreibt:

    Nun ja – die Titelseite von Honi soit sollte ja provozieren. Das hat sie erreicht…

  3. Fred Lang schreibt:

    Ein gut gemachter Beitrag mit tollen Bildern, der hoffentlich dazu beiträgt, dass über dieses Thema künftig unbefangener in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
    Vielen Dank für die Präsentation eines Bildes aus meiner Serie Viva la Vulva – eine etwas andere Sichtweise auf die menschliche Vulva mit Beispielen für ihre Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit in Verbindung mit Bildern aus Fauna & Flora.

  4. Fred Lang schreibt:

    Inzwischen wurde der Blog meines Vulva-Projekts von mir gelöcht.
    Nähere Informationen und Bilder gibt es jetzt unter: http://www.fred-lang.de/flora.html

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