Syriens Tragödie

Langsam aber sicher, Syriens endloser Bürgerkrieg nähert sich einem Ende. Einem tragischen Ende, natürlich. Der Besuch Erdogans in Russland signalisiert es, Erdogan gibt Syrien verloren. Seine Spielfiguren, der IS und andere sunnitisch-islamistische „Milizen“ (= Terrorbanden) können den Krieg nicht gewinnen. Das Territorium des IS schrumpft immer mehr, es ist eine Frage der Zeit bis sie von Kurden und den schiitischen Akteuren und deren Verbündeten (Iraks Regierung, Iran, und USA sowie Assad und Russland) zerschlagen werden. Das Kalifat allein gegen alle – das Ende ist absehbar. Das Ende der mit Erdogan, Qatar und den Saudis verbündeten Sunniten-Milizen in Syrien ist ebenfalls absehbar. Massive Unterstützung Russlands für Assad und massive Unterstützung der USA und des Iran für die Regierung in Bagdad waren die Voraussetzung. Ein offener Kriegseintritt des Erdogan-Regimes, Qatars und Saudi-Arabiens waren dagegen von vorne herein nicht auf der Tagesordnung. Übrig bleiben werden die Regierungen in Bagdad, Damaskus und die Kurden.

Man sollte nicht glauben, dass nach der militärischen Zerschlagung der sunnitisch-arabischen Rebellen in Syrien das Assad-Regime eine stabile Herrschaft wieder errichten kann. Noch weniger wird das im Irak möglich sein. Aber es wird bald keine organisierte militärische Gegenpole gegen die Regierungen in Damaskus und Bagdad mehr geben.

Man kann auch nicht absehen, was mit den Kurden los sein wird. Iraks Region Kurdistan steht latent am Rande des Bürgerkriegs zwischen den rivalisierenden Kurden-Fraktionen. Das Verhältnis der kurdisch-türkischen PKK und ihren Verbündeten in Syrien YPG zu den irakischen Kurden ist sehr angespannt. Auch sie haben schon oft gegeneinander gekämpft. Wenn sie klug sind, nutzen sie die Chance für eine historisch einmalige De-facto-Unabhängigkeit in Syrien und Irak. Die Regime in Bagdad und Damaskus werden es nicht verhindern können und wohl auch nicht wollen. Aber werden die Kurden klug sein? Ich werde nicht darauf wetten.

Am Ende stehen alle vor einem Scherbenhaufen. Die Völker der Region zuerst, vielleicht abgesehen von den Kurden. Es ist eine Region geworden, in der jahrhundertelang friedliche ethnische und religiöse Vielfalt zum Alltag gehörte, heute zerfressen vom Hass. Frieden geht nur ohne Hass. Die sunnitischen Araber haben ihre Aufstände gegen Assad und das Bagdader Regime verloren und furchtbar dafür bezahlt. Falsche Allianzen, falsche Verbündete, Terror gegen die eigenen Leute. Der sunnitische Islamismus ist jetzt der Feind der ganzen Welt. Alle wissen, hätten die Sunniten die Kriege in Syrien und Irak gewonnen, es hätte ein furchtbares Blutbad unter den Schiiten gegeben. Niemand wird den Sunniten Syriens und Iraks mehr beiseite stehen. Die Schiiten beider Länder haben zwar die Macht im Staat behalten, aber sie werden noch auf lange Zeit nur regieren indem sie die Sunniten unterdrücken. Für die Schiiten Iraks ist es einfacher, sie sind die Bevölkerungsmehrheit. Syriens schiitisch-alawitische Minderheit, die Basis des Assad-Regimes, ist nur 10% Syriens. Sie werden noch lange nur als Protektorat Russlands herrschen können, mit genau der Diktatur die sie schon vor dem Aufstand hatten. But make no mistake, so viele Menschen in Syrien werden aufatmen, wenn nur der Krieg zu Ende ist. Niemand wird Assad lieben, aber es gibt kein denkbares Ende des Krieges als der Zusammenbruch der sunnitischen Milizen. Denn Russland wird alles tun, um Assad zu halten.

Die externen Mächte haben ihre Claims abgesteckt. Russland hat mit hohem Einsatz gespielt und gewinnt. Iran auch. Paradoxerweise auch die USA, die gemeinsame Interessen mit Iran in Irak hat. Verloren haben alle sunnitischen Akteure: Erdogan vor allem, aber auch Qatar und Saudi-Arabien. Es hat sich sehr deutlich gezeigt: nur surrogates wie IS oder Al-Nusra alleine reichen nicht, wenn Russland und Iran mit so hohem Einsatz spielen und massiv eigenes Militär einsetzen. Das war und ist das Limit der sunnitischen Akteure. Mit eigenem Militär eingreifen, hätte diese Regimes überfordert, sowohl militärisch wie politisch.

Man kann davon ausgehen, dass die Pläne für die Nachkriegs-Mashreq-Region schon geschrieben werden. Mashreq, die Region des „fruchtbaren Halbmondes“, Irak und Syrien, Libanon und Jordanien. Es ist fast ein Wunder, dass Libanon aus dem Krieg so gut wie intakt herausgekommen ist. Iran, Russland, Assad werden die Vormacht im Mashreq haben, die USA schwenken immer mehr auf eine Pax Shiitica im Irak an der Seite Irans ein – wenn nicht Trump oder Clinton abrupte Änderungen der Politik vollziehen, you never know. Aber es wird nichts mehr ändern, early 2017 wenn Obama geht sind die Karten bereits neu gemischt.

Die Sunniten des Mashreq werden die großen Verlierer sein, kriegsmüde werden sie eher an Emigration oder innere Emigration denken als an nochmal Krieg. Aber wie stabil ist diese „Ordnung“ nach dem Krieg? Nicht sehr stabil. Frieden als Diktat der Sieger ist nie lange stabil. Akteure für eine Aussöhnung, eine echter Pluralismus – nicht in Sicht. Gelungen ist dies nur in Libanon, der Krieg dort ist lange vorbei, sie haben es tatsächlich geschafft. Libanon hat es nicht geschafft durch eine Revolution, sondern weil die rivalisierenden Clans den Frieden wollten, keinen Diktatfrieden sondern einen echten Frieden. Vielleicht auch, weil auswärtige Mächte Libanon vergessen haben und sich relativ wenig eingemischt haben. Sometimes enlightened elites are the best that can happen to a country, and attempted popular revolutions can lead straight into the abyss.

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Give peace a chance: let women run Syria and Iraq

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Syriens Tragödie

  1. user unknown schreibt:

    Der letzte Satz kommt ziemlich überraschend. Einfach ein „öfter mal was neues!“? Rief das Foto hier nach Einsatz und dort nach einer Legitimation?😉

  2. Andy schreibt:

    Ein guter Artikel, aber es gibt einen großen Fehler: Die typisch amerikanische Denkweise, die heißt: Überall, wo sich die USA einmischt, wird alles besser und überall wo sich Russland engagiert ist bestimmt alles schlecht. Wir müssen einsehen, dass in einigen Regionen der Welt der Hass unter den Völkern sehr groß ist und immer sein wird. Und hier versagt das Konzept der amerikanischen Demokratie! Z.B.: Afghanistan.

    • sunflower22a schreibt:

      ich habe doch klar gesagt, das leuchtende Beispiel ist Libanon, wo sich alle fremden Mächte rausgehalten haben – ich verstehe nicht warum du mir „typisch amerikanische Denkweise“ vorwerfen kannst…

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