Das Kunstwerk

Ein Studium muss finanziert werden. Isabel hat keine Lust, sich mit mies bezahlten Kellnerinnenjobs oder als Supermarktkassiererin das Geld heranzuschaffen. Sie hat einen weitaus bequemeren Nebenverdienst gefunden. Sie lässt sich malen. Als Aktmodell steht sie vor der Herausforderung, vor den Hobbykünstlern stundenlang sich möglichst nicht zu bewegen. Zugegeben, das fällt ihr auch schwer, sie ist keine Phlegmatikerin sondern eher ein lebhafter Mensch, aber auch das kann man lernen. Nackt nachdenken, und dafür wird sie noch bezahlt.

Lukrativer sind die Sessions mit echten Künstlern, und die Bilder natürlich auch wesentlich besser. Die werden dann sogar manchmal ausgestellt, manchmal ist sie Stargast auf der Vernissage, aber die meisten Künstler mögen das nicht, weil die schöne Frau den Künstlern dann die Show stiehlt.

Anders der Künstler R., der macht ihr einen ungewöhnlichen Vorschlag. Bei der Vernissage soll sie neben ihrem Aktbild stehen, als Duplikat des Bildes. Natürlich nackt. Auch ohne Schuhe und leider auch ohne Schmuck, schade. Möglichst nicht bewegen und nichts sagen. Eine lebende Statue. Und das anschließend auch noch einige Tage in der Galerie, jeweils 4 Stunden am Nachmittag. Er bietet gutes Geld, sie willigt ein.

Die Galerie ist ziemlich groß, zwei große Räume mit riesigen Schaufenstern zur Straße hin, und drei weitere Räume hinten. Natürlich steht sie in einem der hinteren Räume, alles andere wäre potenziell skandalträchtig. Die Vernissage ist ein Vergnügen, all die wichtigen und selbstverliebten Menschen, die kunstbeflissen die Bilder bestaunen und natürlich die menschliche Statue. „Oh, die ist ja echt“, das hört sie hunderte mal. Sie muss sich beherrschen, das nicht ebenfalls zu sagen, bei all den teilweise wirklich sehr schräg aufgetakelten Damen und Herren, die diese Galerie durchlaufen. Aber sie muss ja stillhalten. Und sie genießt es, die vielen Komplimente zu hören, wie schön sie sei.

Das Bild ist teuer, sehr teuer – ein Interessent scherzt, er würde es nur zusammen mit der Statue kaufen. Das findet sie nicht mehr so witzig. Aber sie muss ja ruhig bleiben.

Am Ende ist der Künstler sehr zufrieden, das war eine wunderbare Vernissage, und drei Bilder hat er auch verkauft.

Auch am zweiten Tag ist viel los in der Galerie, und natürlich kommt die lebende Statue gut an. Am dritten Tag ist es schon recht ruhig geworden in der Galerie, teilweise kommt über längere Zeit gar niemand mehr. Sie kann sich dann bequem hinsetzen, man hat extra einen Sessel vor sie gestellt, damit der Besucher sie bequem betrachten kann. Am zweiten Tag hatte sich ein Typ eine halbe Ewigkeit dahin gesetzt und sie glücklich lächelnd betrachtet, bis er irgendwann einschlief. Jetzt setzte sie sich selbst und betrachtete ihr eigenes Aktbild. Es gefiel ihr sehr gut, ein toller Maler. Wäre es nicht so sündhaft teuer, sie würde es glatt selbst kaufen. Zum Glück konnte sie hören, wenn jemand kam, und sprang dann schnell wieder in die Pose der Statue zurück.

Eine Uhr hatte sie nicht, und verlor allmählich das Zeitgefühl. Als längere Zeit nichts mehr passierte, kam sie in Versuchung, im Büro nebenan mal zu fragen, wieviel Uhr es sei, aber das wäre ja gegen die Abmachung.

Irgendwann tut sie es doch. Sie stellt erstaunt fest, das Büro ist abgeschlossen, niemand mehr da.

Sie geht in die anderen Räume der Galerie, kein Mensch zu sehen. Sie geht zur Eingangstür, aber auch die ist abgeschlossen. Man hatte sie … vergessen. Sie ist ein Kunstwerk, das lässt man offenbar in der Galerie stehen.

Was nun? Ihre Kleider sind eingeschlossen im Büro, ihre Tasche auch, das Handy auch. Am Schaufenster schaut staunend ein Pärchen rein, das ist ja eine interessante Ausstellung. Sie lächelt das Pärchen an, wirft ihnen Küsschen zu.

Die Frau meint offenbar, jetzt sei es zeit zu gehen, aber es finden sich andere Zaungäste ein und machen die ersten Fotos. Eine Zeitlang macht das noch Spaß, aber das löst natürlich nicht das Grundproblem. Was soll sie nun tun? Hier übernachten, ohne Bett und Klamotten, auf dem Boden? Es ist sommerlich warm, aber dennoch, so stellt sie sich die Nacht nicht vor. Aber was ist die Alternative?

Sie inspiziert die Räumlichkeiten gründlicher, erfolglos. Nein, es gibt keinen anderen Ausgang und keinen anderen Zugang zum Büro. Ein Fenster in einem der hinteren Räume ist vergittert. Eingesperrt. Wenigstens die Toilette ist nicht abgeschlossen, stellt sie erleichtert fest.

Sie geht wieder nach vorne, überlegt ob sie den Zaungästen irgendwie ein Signal geben kann. Sie hat nichts, womit sie etwas auf einen Zettel schreiben kann. Laut kreischend um Hilfe rufen wäre wohl die einzige Möglichkeit, durch das dicke Glas akustisch durchzudringen, aber das will sie nicht.

Instinktiv glaubt sie, das beste ist es, jetzt irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen. Also spaziert sie immer in den vorderen Räumen rum, betrachtet die Bilder, macht ein bisschen Slapstick mit den zahlreicher werdenden Zuschauern. Dann ein paar Yoga- und Gymnastikstücke. Dem Publikum gefällt es. Aber auf Dauer bringt das auch nicht weiter.

Guter Rat ist jetzt teuer. Vermutlich hat so eine Galerie mit so teurem Zeug doch bestimmt eine Alarmanlage. Eigentlich komisch, dass die nicht längst angesprungen ist. Vielleicht wenn sie an dem vergitterten Fenster rüttelt, versucht es zu öffnen? Nichts passiert. Vielleicht geht sie erst später an?

Alles chancenlos. Was nun? Gefangen in einem goldenen Käfig, nackt und langsam leicht fröstelnd. Die Kunstzeitungen vom Ecktisch werden auf dem Boden ausgebreitet, darauf legt sie sich schlafen. Lange überlegt sie, ob sie das hinten machen soll wo sie ihre Ruhe hat – wo sie aber auch niemand bemerken wird? Oder vorne, wo sie von allen bestaunt wird, aber eben auch bemerkt wird?

Sie entscheidet sich für vorne.

Als es schon lange dunkel ist, wacht sie plötzlich auf. Die Tür geht auf. Ein Sicherheitsdienst kommt zur Routinekontrolle. Er ist mehr als erstaunt, und sie ist es auch. Sie ist auch froh, dass sie nicht allein und unbeobachtet im Hinterzimmer auf ihn trifft.

Er hat für alles einen Schlüssel. Freiheit!

tumblr_n2i74zLCMb1slo83ko1_1280 - Kopie

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Erotic stories, Ladies (and gentlemen), Musik Kunst Mode abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s