Mehr Rationalität, bitte!

Ich bin ein emotionaler Mensch. Wie die meisten Menschen. Leider geben das aber nur wenige zu. Die meisten, vor allem Männer, tun so, als wären sie vorwiegend rational gesteuerte Wesen. Wenn du zugibst, dass du häufig emotional entscheidest, bist du out. Du wirst nicht mehr ernstgenommen. Genauso läuft auch die öffentliche Diskussion, die politische Diskussion. Es gibt Untersuchungen, die herausgefunden haben, dass 80% der Entscheidungen in der Politik emotional motiviert sind, und nur 20% sind rationale Fakten. Aber niemand würde das zugeben.

Dabei bietet der hysterische Diskurs um Flucht und Migration eigentlich den besten Anschauungsunterricht, wie wenig rationale Motive und Argumente wirklich eine Rolle spielen. In Wirklichkeit geht es in weiten Teilen dieser Diskussion überhaupt nicht um Flüchtlinge. Es geht um Identitäten, Abstiegsängste, Ressentiments, und andere zutiefst emotionale Dinge. Aber die dürfen nicht auf emotionale Weise angesprochen werden, und deshalb suchen sie sich andere Ventile.

Das ganze Phänomen AfD, Pegida usw ist ein praktisch rein emotionales Phänomen, glaube ich.  Warum fühlen sich Leute zu denen hingezogen, warum grenzen sich andere gegen die ab? Es geht um Identität, nicht um Flüchtlinge. Flüchtlinge sind nur das Vehikel. Es könnte genausogut ein anderes Vehikel sein, über das diese Konflikte und Kämpfe über Identitäten ausgetragen werden. Homosexuelle eignen sich auch sehr gut als Vehikel, Sexarbeiterinnen auch, Religionen sowieso, oder früher waren es Dinge wie die Atomkraft oder Ideologien wie Kapitalismus oder Kommunismus. Wer etwas gegen Latzhosen-Müslifreaks hatte, musste sich emotional echt überwinden, etwas gegen Atomkraft oder Industrielandwirtschaft zu haben. Dabei hat das eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Aber es geht mindestens genauso um Identitäten wie um „Sachfragen“.

Was ist heute Identität in einer Welt, die sich in abenteuerlicher Geschwindigkeit globalisiert? Was bleibt von den Werten, mit denen man aufgewachsen ist, von den Werten und Weltbildern, die unsicheren Menschen Halt geben? Wer in einer globalisierten Welt die Vielfalt genießen will, muss stark sein, muss inneren Halt haben. Das fehlt vielen Menschen. Wer fremde Kulturen als Bereicherung empfinden will, muss sie verstehen, muss sich dafür auch anstrengen, Sprachen lernen und anderes. Wer das tut, kann andere Kulturen und eine multi-kulturelle Gesellschaft wirklich als Bereicherung empfinden – und wer diese „Investition“ nicht tätigt, für den ist das alles eine Bedrohung.

Ich habe lange gebraucht, das zu verstehen. Ich habe zwei Nationalitäten und habe in vielen Ländern gelebt. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie Leute denken, die immer an einem Ort gelebt haben und keine andere Sprache sprechen. Warum sie sich so heftig abgrenzen gegen Menschen, die zu ihnen kommen – ganz egal, ob sich Sachsen gegen Syrer wehren, ob sich Amerikaner gegen Mexikaner wehren, oder sich Berliner gegen „Schwaben“ wehren. Was Flamen gegen Wallonen haben, was Serben gegen Kroaten haben, und so weiter. Rational kann man vieles erklären. Emotional bleibt mir das ein Rätsel.

Ein weißer Mann, geplagt von Abstiegsängsten, ist begeistert von Donald Trump, der ihm sagt, Make America great again. Make YOU great again, ist die Botschaft. In Sachsen-Anhalt ist es nicht Trump, sondern die AfD. Wäre er wohlhabend und sorgenlos, würde er vermutlich weit weniger anfällig sein für so etwas. Aber es geht nicht nur um materiellen Wohlstand. Es geht um Verunsicherung. Wo ist mein Platz in dieser Welt, habe ich Angst vor der Zukunft? Wer Angst vor der Zukunft hat, ist unglücklich, braucht Ventile, braucht Halt. So entsteht ein gesellschaftlich repressives Klima. In Zeiten, in denen es für fast alle Menschen aufwärts geht, wagen wir mehr Demokratie, mehr sexuelle Freiheiten, kulturelle Öffnungen, Toleranz, genießen wir das Leben, vergessen Religion und lassen negativ gepolte Menschen einfach links liegen. In ängstlichen Zeiten, in denen die meisten Angst von Abstieg und Ausgrenzung haben, geht es anders rum. Negativ gepolte Menschen finden Anhang, demokratische Freiheiten werden zurückgedrängt, Intoleranz wächst, der Gürtel wird enger geschnallt, Minderheiten aller Art ausgegrenzt, Prüderie zieht ein, Religion wird wieder wichtig.

Alles das hat vor allem emotionale Gründe. Wer das ignoriert, kommt nicht weiter. So finde ich mich jetzt in einer Position, wo ich mehr Rationalität fordere. Ausgerechnet ich, eine bekennend emotionale Lady. Reden wir darüber, warum wir Angst vor der Zukunft haben, warum die Zeiten so unsicher sind, und vor allem: welche Politik dazu geführt hat. Warum werden die Reicher reicher und alle anderen ärmer? Warum werden schlecht ausgebildete weiße Männer abgehängt, warum werden periphere Regionen abgehängt? Was können wir tun, das zu ändern? Wie schaffen wir wieder die glorreichen Zeiten, in denen wir glücklich sind, in denen  wir wieder mehr Demokratie wagen, mehr sexuelle Freiheiten, kulturelle Öffnungen, mehr Toleranz, kurzum das Leben genießen – und wir den ganzen Mist vergessen können und negativ gepolte Menschen wieder einfach links liegen lassen können. Was ist schiefgelaufen, denn wir hatten das doch schon mal?

Das wäre rational, nicht die emotionalen Ersatz-Diskussionen über Flüchtlinge und so weiter. Aber dann müssten vielleicht Konsequenzen gezogen werden. Das wollen diejenigen nicht, die für die Zustände verantwortlich sind. So führen sie lieber die Ersatz-Diskussionen, und alle fallen darauf rein. Von links bis rechts. Es ist so viel einfacher.

U0061

No problem with my own identity, darling

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Mehr Rationalität, bitte!

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Das hast Du völlig richtig erkannt.

  2. Beat Company schreibt:

    Da sind ja die ‚Schäl Sick‘ und die ‚Ebsch Seid‘ Kinkerlitzchen. ‚Streetwise‘ hat auch meine Tournee immer am besten funktioniert. Aber: Welcher Suchende kommt heutzutage in der ‚BRD‘ an und bekommt dazu die Chance ?

  3. Provinzkenner schreibt:

    Die Leute haben einzig und alleine Angst, etwas abgeben zu müssen.
    Das ist alles. Ganz banal.
    Jeder Arsch guckt, daß er mehr Kohle einschiebt als der Kollege rechts und links an der Werkbank.
    Und es ist scheißegal ob das alles Schwaben, Alemannen, aus dem gleichen Dorf sind.
    Scheiß egal.
    Ich alles, der Rest am Arsch.
    Und wenn dabei die ganze Welt verreckt, alles Vergiftet wird, zugemüllt, die Weltmeere leergefischt, der Boden ausgelaugt und kaputt.
    Scheiß egal.
    Ich Ich Ich Ich
    Wenn der Andere ein Arab ist, um so besser.
    Aber eigentlich……egal.

  4. Provinzkenner schreibt:

    Es reicht ja schon, wenn man ein Gschdudierter ist. ( Akademiker )
    Und wenn man in der betreffenden Fa. nicht die Lehre gemacht hat.
    Oder noch schlechter, gar keine Lehre.
    Also überhaupt keine Ahnung hat. Nur auf der Schule war.
    Keine Chance.
    Dann ist man bereits ein Alien.
    Und man kommt nie rein !
    Zumal man vielleicht sogar auch noch mehr verdient !!!!!
    Geht gar nicht.
    Leute, die Ihr da in Euren Büros hockt, ohne jeglichen Kontakt zu „normalen“ Leuten,
    Ihr habt wirklich keine Vorstellung davon, wie die meisten Leute ticken !!!!!
    Und dann das Auto………………………………………………….
    Welches Auto……………………………..
    Wie viel PS…………………………..
    Das ist derartig wichtig, wenn Du da nicht annähernd eine gleiche Karre hast
    bist Du nix wert.
    Die Leute sind so dumm !!!!!!!!!
    Und Sie glauben auch alles.
    Und lesen immer noch BILD.
    Ach…………ich könnte Seitenweise abkotzen.
    Wenn man dann noch aus Afrika ist so ist das nur das I-Tüpfelchen.

  5. Provinzkenner schreibt:

    So………………………………
    Und jetzt…………
    Glaubst Du, die Typen, die jetzt kommen sind einen Deut anders ?
    Hä ?
    Es sind Muslims, und alle Ungläubigen sind………. …na ja.
    Alles oben geschriebene gilt für alle Menschen.
    Blöd jetzt, gell ?

  6. Provinzei schreibt:

    So, jetzt haben Wir ja wieder eine passende Situation.
    Jetzt versuch mal bei den Blaukitteln, den Arbeitern, den „gewerblich Beschäftigten“ zu erklären, daß Wir, der Westen, eigentlich schon viel mehr Bomben geschmissen haben, daß Wir auch schon ganze Hochzeitsgesellschaften kurz mal mit „hellfire“ Raketen, die heißen wirklich so, ausgelöscht, gekillt, abgemurkst, umgebracht haben. Nur weil man dort „Taliban“ verortet haben will.
    Im Namen der „Freiheit“.
    Im Namen meiner Freiheit.
    Igitt…………..kann man das irgendwie abwischen ?
    Äh………
    Das kapieren die nicht, Sie wollen es gar nicht kapieren, eigene Verantwortlichkeit ?
    Die in Form von Sprit im eigenen Autotank rumgefahren wird ?
    Es fehlt an allem, an Interesse, Empathie, Grips, Aufmerksamkeit.
    Nein, im Gegenteil, die Saat geht auf, der Hass steigt, und wenn man zum Nachdenken anregen will ist man so was von der Arsch, bis in die Steinzeit und wieder zurück.
    Eh…vergiss es.

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