Single women make the difference

Vor 5 Jahren waren verheiratete Frauen in den USA erstmals eine Minderheit. Seitdem sind mehr Frauen single als verheiratet. Das gab es vorher nie in der Geschichte. Noch bemerkenswerter: 46% der unter 34jährigen waren noch nie verheiratet, sind also auch nicht geschieden Witwen. Der Trend beschleunigt sich: heute sind nur noch 20% der unter 30jährigen verheiratet. 1960 waren es noch 60%. Rebecca Traister hat das kürzlich in einem lesenswerten Artikel analysiert.

Die Konsequenzen sind dramatisch und werden die Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten fundamental verändern – und zwar in einer Weise, die die verträumten Sozialwissenschaften nicht einmal erahnen. Rebecca sagt es treffend in einem Satz: „We are living through the invention of independent female adulthood as a norm, not an aberration, and the creation of an entirely new population: adult women who are no longer economically, socially, sexually, or reproductively dependent on or defined by the men they marry.”

Wir müssen das gar nicht bewerten, ob das gut oder schlecht ist. Das spielt keine Rolle. Es ist einfach eine Tatsache. Eine Tatsache mit enormen politischen Konsequenzen. Denn diese Frauen haben andere Interessen, andere ökonomische Bedürfnisse als die verheiratete Hausfrau – und sie lernen, diese durchzusetzen, weil sie lernen, sie sind mit diesen Interessen  und Bedürfnissen keine Ausnahme, sondern die Mehrheit. Single women stellen 25% der Wahlberechtigten – und sie gehen wählen: 40% der schwarzen, 30% der hispanischen, ein Drittel der jungen  Wähler sind single women. Soziale Gerechtigkeit, Mindestlöhne, bezahlbare Gesundheit und Bildung für die Kinder, mehr Rechte am Arbeitsplatz sind für sie überlebensnotwendig – es sind für sie die entscheidenden Kriterien bei einer Wahl. Sie sind die Wählergruppe mit dem progressivsten Wahlverhalten. Sie sind das größte Problem für die Republikaner mit ihrem rückwärtsgerichteten Frauenbild.

Obama gewann unter single women die Wahl mit 67 zu 31 Prozent. Verheiratete Frauen tendierten zu Romney. Auch diesmal zeigt sich das selbe Muster. Single women tendieren zu Bernie Sanders, nicht zu Hillary. Er hat die bessere Politik für ihre Interessenlage, nicht Ms Clinton. Diese Vertreterin der Politik von gestern weiß immer noch nicht, ob sie eigentlich bezahlten Schwangerschafts- und Elternzeit-Urlaub unterstützen soll. Anyway: es ist jetzt schon klar, dass single women mit überwältigender Mehrheit gegen die Republikaner stimmen werden.

Clinton, die etablierte Politik und die Sozialwissenschaften verstehen nicht, dass diese Entwicklungen sich noch weiter zuspitzen werden. Heute versteht jede Frau, bewusst oder unbewusst, dass es in ihrem ökonomischen Interesse ist, eine Heirat möglichst lange hinauszuschieben. Jung heiraten und sich von einem alleinverdienenden Mann abhängig zu machen, ist heute reine Dummheit. Das Geld des Mannes würde sowieso nicht reichen, selbst wenn sie so dumm wäre, sich in eine solche Abhängigkeit zu begeben. Je später eine Frau heiratet, desto mehr wird sie später verdienen, das zeigen alle Untersuchungen. Bei Männern ist es genau umgekehrt: wer früh heiratet, macht schneller Karriere. Instinktiv spüren das alle, auch wenn sie diese Untersuchungen nicht kennen, quer durch alle Schichten.

Die Konsequenzen sind eindeutig. Zwei Drittel derjenigen, die von höheren Mindestlöhnen profitieren, sind Frauen. 40% der arbeitenden Mütter würden direkt von höheren Mindestlöhenn profitieren. Von besserer Kinderbetreuung profitieren fast nur single women. Bezahlte Abwesenheit bei Krankheit oder Schwangerschaft oder in den ersten Lebensjahren eines Kindes, alles Selbstverständlichkeiten in Deutschland aber nicht in America: eine Agenda vor allem für Frauen, für single women noch mehr. Eine Senkung der explodierenden Studiengebühren – vor allem interessant nicht nur für die weibliche Mehrheit auf dem Campus, sondern für single mothers, die ihren Kindern sonst keine gute Ausbildung ermöglichen können.

Fast alle sozialen Fortschritte, die in den letzten Jahren in der immer reaktionäreren und neoliberaleren Politik Amerikas erzielt wurden, haben mit dem work-life conflict zu tun, der niemanden mehr betrifft als single mothers.  Trotzdem nimmt niemand zur Kenntnis, welch wichtiger Faktor single women heute sind für genau diesen sozialen Fortschritt.

Fernab aller Ideologien, die sozialen Realitäten von single women verändern Amerikas Politik, Amerikas Gesellschaft fundamental. Single women verändern ein Land, eine Gesellschaft, das nicht für ihre Bedürfnisse gemacht ist. Sie lösen die verheiratete Frau als Normalzustand ab. Republikanische Reaktionäre haben gegen diesen enormen Block von Wählerstimmen immer weniger eine Chance. Gut so. I’m proud to be one of them.

CBLS03

It’s the economy, stupid!

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Single women make the difference

  1. Emil schreibt:

    Zitat: „Je später eine Frau heiratet, desto mehr wird sie später verdienen.“

    Wie soll das gehen wenn im Kapitalismus die große Mehrheit der Menschen von vorneherein dazu bestimmt ist, nicht zu den Gewinnern zu gehören? Oder bist Du so naiv zu glauben dass im Kapitalismus alle Frauen Gewinner werden würden und alle Männer Verlierer?
    Oder ist es Deine Luxus-Girl-Blase die Dich glauben lässt alle würden so leben wier Du?

    Die Realität sieht ganz einfach so aus dass wenn die gewisse 35-Jahre-Grenze überschritten wird, es für die allermeisten dann nur noch abwärts geht, für Männer und Frauen. Also hör bitte auf damit solche Märchen zu erzählen. Du bist klug genug um genau zu wissen wie Kapitalismus funktioniert, und dass dabei die meisten Frauen genauso unter die Räder kommen wie die Männer auch.

    • sunflower22a schreibt:

      hast du meinen Text überhaupt gelesen? ich bin wirklich weit davon entfernt einen Kapitalismus-Werbeblog zu machen. Ich stelle nur fest, dass heute alles das was du beschreibst, für Frauen die früh heiraten noch mehr zutrifft als für diejenigen die später heiraten. Dem hast du nicht widersprochen. Dein Widerspruch bezieht sich auf Dinge, die ich gar nicht geschrieben habe.
      Das „Luxus-Girl“ kommentiere ich lieber nicht, Mr.Besserwisser.

  2. Holger schreibt:

    Ich stimme Dir, was die Rolle der Frauen und vor allem die lange überfällige Selbstbestimmung und Gleichberechtigung angeht zu. Allerdings habe ich vor kurzem auf fefes blog einen link zu einer Studie entdeckt, die in der Essenz folgendes besagt: sobald Frauen in Berufe vordringen, die einst Männerdomänen waren, sinken die Gehälter.
    http://blog.fefe.de/?ts=a8103b40
    Den link zum Artikel findest Du dann im blogeintrag von fefe.

  3. Johannes schreibt:

    „Bei Männern ist es genau umgekehrt: wer früh heiratet, macht schneller Karriere.“
    Tatsächlich? Kann ich mir nicht vorstellen, da Ehefrau und vor allem Kind ja Zeit benötigen, die man sonst für den Beruf hat. Ist die Heirat für den Mann nicht eher ein Karriereausbremsen, da Mann ja Zeit mit den Kindern verbringen will?

  4. m schreibt:

    Bis sie dann die 40 erreichen, feststellen, dass ihre Eierstöcke vertrocknet sind, sie einsam sind (Frauen können mit Einsamkeit bekannterweise nicht umgehen), sich dann in ihrer Verzweiflung mit Katzen umgeben, verbittert, unglücklich, komisch werden und auf die nachwachsenden Mädchen als Abschreckung dienen.

    Die allein stehende, unabhängige Frau (als ob Frauen tatsächlich nicht auf Männer angewiesen wären) ist ein Irrglaube, eine Fata Morgana. Eine Konstruktion verbitterter Feministinnen. Sie wird eine Episode bleiben. Denn es macht sie nicht glücklich.

    Die wahren Gewinner sind die Männer. Sie haben Zugriff auf einen großen Pool freigiebiger und paarungswilliger Single-Frauen, denen erzählt wurde, sie seien nun Männer und müssten einen entsprechenden Sexualtrieb an den Tag legen. Dazu kommt keinerlei Anspruch an Commitment. Die totale Freiheit inklusive Schlampenüberschuss.

    Enjoy.🙂

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