Rote Ampel

Die Deutschen sind gesetzestreu, halten sich an die Regeln. Das war mal. Heute nehmen sie es lockerer. So ich dachte, und gehe bei Rot über die Ampel. Als einzige. Links und rechts und gegenüber bleiben sie stehen, schauen mich an. Komisch. Meist mache ich das nicht allein.

Nun verstehe ich warum. Aus einem parkenden Polizeiauto entsteigt eine Polizistin und eilt auf mich zu. Hilfe. Leider wirklich keine passenden Schuhe für eine Verfolgungsjagd. Damit komme ich nicht weit. Sofort eile ich in den erstbesten Laden, einer dieser Ramschläden namens TKmaxx. Furchtbarer Shop, nie würde ich sonst freiwillig rein gehen. Madame Cop hinterher. Ich schaffe es vermutlich nicht einmal über die Rolltreppe in das Obergeschoss. Was nun?

Kurzzeitig finde ich Deckung zwischen Kleiderständern. Siehe da, da steht ein verloren wirkender schöner junger Mann, meine Rettung, denke ich. Mit dem unwiderstehlichsten Lächeln, zu dem ich fähig bin, flüstere ich ihm zu, bitte retten Sie mich, die Polizei ist hinter mir her.

Warum? Alles andere als eine freundliche Antwort.

Oh Schreck.

Ich bin bei Rot über die Ampel, ehrlich, nur das. Ich flüchte jetzt mit diesem Kleid in die Kabine, bitten warten Sie davor und wenn ich rauskomme sind Sie mein Freund und wir kaufen hier seit einer halben Stunde ein, bitte bitte.

Er antwortet nicht, aber blickt schon viel freundlicher.

Aus einem Seh-Schlitz in der Kabine sehe ich, Madame Cop ist eingetroffen, aber geht weiter. Sie kommt wieder, geht weiter, kommt wieder. Wie ein Spürhund auf der Fährte. So einfach werde ich sie nicht los.

Flucht nach vorn. Die Haare kurzentschlossen zum Pferdeschwanz gebunden, Ich komme umgezogen aus der Kabine, das Kleid sieht schrecklich aus und passt nicht wirklich, aber das ist egal. „Schatz, was meinst du? Gefällt es dir?“

Madame Cop irritiert. Aber sie ist nicht dumm. „Sie sind gerade bei Rot über die Ampel.“ Mein Beschützer sagt, in bestem Türkisch-Deutsch, wir kaufen hier seit einer halben Stunde ein, im Kaufhaus gibt es keine roten Ampeln.

Triumphierend schaue ich sie an, vielleicht ein klein wenig zu triumphierend.

So einfach kommen Sie nicht davon.

Ich verstehe überhaupt nichts. Sie haben doch schon gehört, wir kaufen hier ein und hier gibt es keine Ampeln. Er ist mein Zeuge.

Madame Cop begreift, es wird komplizierter. Außerdem ist ihr Einsatz auf dem Privatgelände eines Kaufhauses rechtlich fragwürdig.

Sie schaut mich an als wolle sie mich mit Blicken töten, dann „Dann ist das wohl eine Verwechslung.“

Bye bye. Sie verlässt das Kaufhaus.

Ach, Sie haben mich gerettet. Ich bin so dankbar. Wollen Sie einen dicken Kuss?

Er kichert. Ja, bitte. Es ist mir ein Vergnügen.

Es ist noch nicht zuende. „Sie lauert vor der Tür, dann ist es aus. Ich kann Sie noch nicht alleine lassen.“ Meint er, völlig zu Recht.

Stimmt. Wir müssen noch ein wenig flanieren, und dabei Händchen halten.

Er findet sichtlich Gefallen an seiner unerwarteten Rolle­. Vor dem nächsten, anspruchsvolleren Modeshop bleibt er stehen, schau mal, sind das nicht schöne Kleider, willst du eines anprobieren?

Du bist wunderbar, wirklich.

Warum nicht? Er hat recht, die Kleider sind wirklich schön.

Wir gehen rein, ein Teil nach dem anderen wird anprobiert.Irgendwann werde ich übermütig, probiere sexy Partykleidchen an. Er ist hingerissen. Zum Schluss noch ein bisschen Lingerie. Er sagt fast nichts mehr, genießt es nur noch. Schließlich sage ich, ein Teil kaufe ich, welches würde er mir empfehlen.  Ein kleines, knappes, schwarzes Partykleid soll es sein. Ich probiere es nochmal, ja, gute Idee. Wird gekauft.

Beim Verlassen der Boutique ergreift er wieder meine Hand.

Mein Lieber, ich glaube, die Polizei ist jetzt weg. Noch ein Küsschen, und ich verabschiede mich, und bedanke  mich sehr. Er ist wirklich traurig, er hat sich vielleicht gerade in mich verliebt.

Das Leben kann so schön sein, wenn wir einfach öfter nett zueinander sind.

 

passionatelove1 - Kopie2

Nein, ich war alleine in der Umkleidekabine…

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Rote Ampel

  1. kormoranflug schreibt:

    Eine schöne Weihnachtsgeschichte!

  2. Lutz Hausstein schreibt:

    Eine Geschichte mit Happy End. Zumindest für die eine Seite.🙂

    Der Anfang hat mich an ein eigenes Erlebnis erinnert. Das mir gezeigt hat, wie verdammt verbiestert Polizisten in Deutschland sind.

    Irgendwann Anfang der 90-er in meiner Studienstadt. Ich stehe an einer vierspurigen Straße, die in der Mitte die Straßenbahntrasse führt. An einem „beampelten“ Fußgängerüberweg. Die Ampel zeigt Rot, aber weit und breit kein Auto in Sicht. Auf der anderen Straßenseite zwei Polizisten. Eine Frau und ein Mann. Ich blicke sie an und nicke ihnen bedeutungsvoll zu, um so ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Jetzt drehe ich extrem demonstrativ meinen Kopf nach rechts (hier kann auf dieser Seite ja gar kein Auto kommen) und ganz lange nach links. Anschließend nicke ich ihnen wieder zu, warte eine kleinen Augenblick und gehe dann über die Straße.

    Und was macht der deutsche Polizist? Er wartet mit versteinerter Miene, bis ich auf seiner Straßenseite bin und empfängt mich dann mit der Frage: „Na, was haben wir denn falsch gemacht?“ (Meine Antwort, dass ich nicht wissen könne, was ER falsch gemacht hat, schlucke ich vorsichthalber lieber runter.) Über keine der goldenen Brücken, die ich ihnen im Vorfeld gebaut hatte, wollten die beiden Polizisten gehen. Man hätte es ignorieren können. Man hätte es mit einen Lächeln und einem leichten Kopfschütteln quittieren können. Oder man hätte es im Vorfeld durch Kopfschütteln oder eine Handbewegung anzeigen können, dass man nicht bereit ist, es hinzunehmen. Ich hatte ihnen ja de facto angezeigt, dass ich über die Straße gehen wollte. Aber Nein, erst wartet man und dann schlägt man knallhart zu. Ich weiß es nicht mehr genau, aber 10 oder sogar 20 DM habe ich damals dafür berappen dürfen. Das waren immerhin 4 Stunden Spätschicht in der Videothek, in der ich damals nebenbei nachts jobbte.

    Ich habe damals so bei mir gedacht: Mensch, so verbiestert waren doch nicht mal die Volkspolizisten in der DDR. Die hätten mich belehrt, dass das eigentlich nicht so geht und dass ich das nicht wieder machen solle. Aber der (gesamt)deutsche Polizist hält sich stattdessen lieber an „Recht und Gesetz“. Um wieviel anders hatte ich da Frankreich kennen gelernt. Deutlich anarchischer, keine Frage. Aber wenn man erst einmal die Regeln, die auch innerhalb dieses Chaos galten, kannte, lief alles wunderbar und reibungslos.

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