Berührung

In diesen verrückten, surrealen Zeiten verreisen die Menschen nicht mehr viel. Wenn keine Konferenzen, Messen, Konzerte und so weiter mehr stattfinden, gibt es keine Anlässe. Reisen ist beschwerlich geworden, es gibt nur noch wenige Flüge, und wer Bahn fährt, wird verrückt, mit all diesem Masken-Wahnsinn. So, viele Freundschaften finden nur noch online statt oder schlafen ein.

Eine liebe Freundin hat mich jetzt wieder besucht. Es ist so schön, Cory zu umarmen und nicht nur mit ihr zu chatten. Berührung ist heute ein revolutionärer Akt, in times of social distancing. Sie ist selten geworden, und doch, wir brauchen sie zum Leben. Ein Abend in der Küche, ein gutes Essen, Rotwein, wir reden bis tief in die Nacht. Über die guten alten Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war. Über die Corona-Diktatur. Sie hat jetzt große Angst vor dem Absturz in die Armut. Ein halbes Jahr Berufsverbot als Sexarbeiterin, wer hat so viele Reserven? Manches sie hat am Rande der Legalität gemacht, oder auch mehr als am Rande. Jetzt, es kommen wieder mehr Kunden, aber nur langsam. Viele haben Angst, Todesangst vor menschlicher Nähe. Wer kommt, sind Kunden, die sie lange kennt, für manche sie ist wie eine Sozialarbeiterin. Manche haben gleich geweint, als sie kamen. Social distancing is killing the souls of these men. Sie haben oft niemanden im Leben, sie leiden furchtbar unter der Einsamkeit. Keine menschliche Berührung, keine Nähe, nur Abstand und Maske. Sie wollen berührt werden, umarmt, sie wollen wieder leben. Sie wollen reden, ganz viel reden, manche haben den Sex vergessen. Sie ist tief berührt von diesem menschlichen Leiden, von der unmenschlichen Brutalität der Distanz. Social distancing kills the soul of these people. And there are so many. Sie erzählt, erzählt, erzählt, und ich muss weinen.

Auch Cory muss weinen, als ich rede. Ich hasse die Corona-Diktatur, diese unmenschlichen Regeln, all diese panischen Mitläufer, die glauben, die mittelalterliche Pest wütet in ihrer Stadt und die nicht mehr selber denken. Some of you, my dear readers, will now stop reading and unfollow me. Do it if you can’t stand me any longer. Aber, das ist das Schlimme, ich bin Leitung. Ich muss in meiner Abteilung etwas durchsetzen was ich zutiefst ablehne. Die Hälfte der Mitarbeiter denkt auch so, die andere Hälfte ist corona crazy. It’s a terrible balancing act between betraying everything you believe in, something I will never ever do, and following the law, which is also difficult. Honestly, I begin to get a feeling how people must feel living in a country that is not free. Es hilft, dass die Chefetage sowieso gibt mir völlig Narrenfreiheit, sunflower breaks all conventions, all taboos, all dresscodes, but she makes the biggest profits. Ich mache die Boni der Vorstände größer. So, viele hassen mich weil sunflower immer bekommt special privileges. Trotzdem, ich fühle mich wie auf einem Hochseil über dem Grand Canyon. Zum ersten Mal im Leben, ich hatte einen Alptraum. They arrested me and dumped me in a Guantanamo-like prison camp, nobody knew whether I was still alive.

Wohin geht die Welt?  Wird die Welt, wie wir sie kannten, wie ich sie liebte, jemals wiederkommen? Ich habe immer mehr Zweifel. Ich war nie Pessimist, jetzt ich werde es. It’s not the virus. Forget the virus. Es ist, was die Politik mit den Menschen macht. So viele werden wirklich verrückt, und so werden auch wir alle andere Menschen. Es gibt kein Zurück mehr. Früher, ich bin offen auf alle Menschen zugegangen. Ich habe mich immer gefreut, neue Leute kennenzulernen, auch Leute, die ganz anders sind als ich. Ich war neugierig auf Menschen. Heute, ich bewege mich wie in einer Diktatur. Ich bin misstrauisch gegen alle, auch gegen Bekannte. Immer, ich rechne damit, ist das ein Denunziant? It’s so horrible.

Wie kann man Kinder zwingen, den halben Tag mit diesen unendlich hässlichen, widerlichen Stofflappen vor dem Gesicht herumzusitzen? Wie kann man Menschen den ganzen Tag Panik machen vor einer irrealen Gefahr, die längst vorbei ist? Wie kann man alte Menschen in Isolationshaft in ihren Altenheimen sperren, sie einsam und alleine krepieren lassen und dabei sogar behaupten, man schützt sie? Jeder fühlende Mensch spürt sofort, welches Unrecht im Namen von Zahlen, Statistiken und Kurven geschieht.

Millionen machen das alles willenlos mit, sie haben aufgehört zu denken, aufgehört Fragen zu stellen. Ich habe mich sehr getäuscht in vielen Menschen, ich habe gedacht, sie seien kritische Menschen mit Herz und Verstand. Sie sind es nicht, nicht mehr. Sie sind Mitläufer, manche ganz fanatische. Das macht mich traurig und wütend. Not my friends any longer. Ich werde niemals vergessen, wie blind und gehorsam und dumm sich manche Menschen verhalten, und das Schweigen der Millionen. 1933 must have felt like that in Germany.

Sind sie alle komplett verrückt geworden? Ja. There is no other word. Face it. It makes me sad, angry, but also determined. Ich akzeptiere ihre „neue Normalität“ nicht, ich verachte sie und ihre fanatischen Gefolgsleute und sabotiere sie. Ich gehe einkaufen, ohne Stofflappen aber mit einem Lächeln. Umgeben von gesichtslosen, namenlosen Figuren. Es gibt nichts Schöneres, wenn ich jemand anderen inspiriere, es auch zu tun, und dann lächeln wir uns an. Wie zwei Menschen unter Zombies.

Heute ist schon Berührung subversiv. Cory und ich sind subversiv. Die Moral der 1950er kommt wieder. Du sollst niemand berühren außer deinen Ehemann. Biedermeier, as the Germans say so nicely, Corona-Biedermeier. Nicht mit mir. Live free or die.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Berührung

  1. Alice Wunder schreibt:

    Milos Forman wusste es schon 1975: Die meisten haben sich freiwillig einweisen lassen, aus Angst vorm Selberdenken. Es gibt halt leider immer nur einen Häuptling auf jeder Station…

  2. Pjotr Paninin schreibt:

    Wie kann man nur? Sie machen doch selbst mit, halten den Mund und echauffieren sich anonym. Da nützt die etwas kritischere Lagebeurteilung gar nichts. Ist aber Ok, sich jetzt zu outen wäre etwas sinnlos. Gegenüber wem auch? Den ganzen verstrahlten?

    Selber finde ich die Maske gut, sieht man mein Grinsen nicht. Die Hoffnung auf gesellschaftliche Lösungen zerstört? Na um so besser. Homo Sapiens Horden sind Wolfsrudel, endlose Beißereien im Innenverhältnis, gemeinsam nur gegen Feinde von außen. Passen Sie auf das Sie bei diesem FluFake da nicht als Substitut enden, ist schnell zu.

    Die Welt wird sich weiter drehen und irgendwann werden Sie die Hexe verbrennen. Freund.Feind Erkennung s. oben. Spätestens wenn es ans eingemachte geht.

    Dann noch diese sog. Kultur? Kneipen Kino Konsumtempel und Restaurants? Käuflicher Kram, es tut keinem Weh selbst was zu entwickeln. Konsumverzicht wäre auch der einzige Weg das ganze zu beenden. Kapital ist ein Zombie, lebt nicht aus sich heraus und benötigt das immer mehr. Wie alles was man nicht braucht.

  3. Juri Nello schreibt:

    Willenlos machen die es nicht mit. Machtlos schon eher. Der 2. Lockdown liegt natürlich nur wegen mangelnder Lüftung vor. Fenster ausbauen wäre also das Mindeste.

  4. rotewelt schreibt:

    Ich sehe, dir geht es ähnlich wie mir und du willst diese schreckliche und ständig propagierte „neue Normalität“ auch nicht. Denn sie ist menschenfeindlich. „Social Distancing“ müsste das Unwort des Jahres werden. Unvorstellbar, was in einem Dreivierteljahr aus den Menschen geworden ist, auch einigen, die uns lieb waren und die wir jetzt nicht mehr verstehen, mit denen wir keine Basis zu haben. Ja, lass uns kämpfen, für Empathie, Gerechtigkeit, Freiheit, die Demokratie! Liebe Grüße

  5. gkazakou schreibt:

    ich hatte hier zustimmend kommentiert. Wohl im Spam gelandet?

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