Intoleranz

Neugierige Menschen sind sympathische Menschen. Neugierige Menschen wissen nicht schon alles, deshalb sie sind neugierig. Neugierige Menschen wollen gerne Neues kennenlernen, sie lassen sich auf etwas ein, das sie nicht kennen. Deshalb, sie sind neugierig. Ich bin ein neugieriger Mensch. Vor allem ich bin neugierig auf Menschen, die nicht so sind wie ich, auf andere Kulturen. Damit wird das Leben interessanter. Ich will nicht sagen, ich habe keine Vorurteile, no way. Alle Menschen haben Vorurteile. Aber ich bin immer neugierig, ob meine Vorurteile stimmen. Deshalb, ich rede gerne mit Männern, mit Konservativen, Religiösen, Muslimen, und so weiter.

Aber ich glaube, Leute wie ich werden immer weniger. Deshalb, es wird auch für mich vielleicht schwerer, so zu bleiben. Warum werden viele Gesellschaften intoleranter, engstirniger, abweisender? Obwohl wir doch in der Zeit der „Globalisierung“ alle so viel offener sein sollten.

Ich weiß es nicht. Vieles hat bestimmt mit Unsicherheit zu tun. Vielfalt verunsichert, es ist einfacher wenn alle gleich sind.

Eine Ausstellung hat jetzt wieder alle diese schreckliche Intoleranz deutlich gemacht, an der diese (ich zögere, „unsere“ zu sagen…) Gesellschaft immer mehr leidet.

In San Francisco haben der Museumsmacher Max Hollein und die Kuratorin Jill D’Alessandro eine Mode-Ausstellung gemacht, „Contemporary Muslim Fashions“. Die erste umfassende Museumsausstellung, die sich dem Phänomen zeitgenössischer muslimischer Mode widmet. Im M. H. de Young Memorial Museum in San Francisco, es war im letzten Jahr eine interessante Ausstellung, sie kam und sie ging, wie viele andere, und es gab Sympathie und Solidaritätsbekundungen mit einer Bevölkerungsgruppe, die durch Donald Trumps Muslim Ban diskriminiert wurde. Hollein kommt aus Frankfurt, und so er dachte, wir zeigen sie auch woanders, zum Beispiel in Frankfurt. Das Museum für Angewandte Kunst zeigt bis zum 1. September diese Ausstellung.

Aber in Frankfurt, es war anders als in SF. Das Wort „Muslim“ reicht schon, und hier, es gibt keine Solidarität, sondern Ablehnung. Sofort waren einige aggressive Zeitgenossen aufgewacht. Wäre es „Contemporary African Fashion“ gewesen, oder „Contemporary Indian Fashion“, es hätte wohl niemanden interessiert. Aber “Muslim”, das geht nicht. Denn Muslime sind schreckliche Menschen. Und so begann die deutsche Aufregung. Hassmails von Rechtsradikalen kamen an das Museum. Drohungen. Wer die Ausstellung besuchen will, muss erst einmal wie in einem Flughafen durch Sicherheitskontrollen. So weit sind wir schon. Für eine Modeausstellung.

Aber es sind nicht nur die Rechtsradikalen. Auch die konservativen Feministinnen agitieren gegen diese Ausstellung. Leute wie die verrückte Alte, deren Namen ich nicht nennen möchte. Oder wie eine Organisation namens „terre des femmes“, für die eine Muslima nur eine Frau ist, wenn sie nicht Muslima ist. Die Ausstellung sei ein Skandal, ein „Schlag ins Gesicht von Mädchen und Frauen“. Manuel Almeida Vergara, ein mutiger Mann und Redakteur der Frankfurter Rundschau, hat die Auseinandersetzung mit diesen geifernden Kreuzritterinnen gesucht und sie hier dokumentiert. Respekt, Herr Almeida, das wagen die wenigsten Männer. Und natürlich einige oppositionelle Muslimas wie Seyran Ates, liberale Imamin aus Berlin – für sie spielen solche Ausstellungen Erdogan in die Hände. So einfach kann die Welt sein.

Ich werde mir diese Ausstellung anschauen. Ich bin gespannt auf die 80 „Ensembles“ – wie das Museum sie nennt – von Designerinnen und Designern aus aller Welt für muslimische Frauen: Kopftücher, züchtige Kleider, Ganzkörper-Schwimmanzüge, Luxusartikel. Alles weitere hier.

Der Markt für „islamische“ oder auch „modest fashion“, also nicht körperbetonte Mode, boomt. 44 Milliarden Umsatz weltweit. Ich kenne auch Nicht-Muslimas, die keine körperbetonte Mode wollen und sich von dieser Mode teilweise angesprochen fühlen. Gerade in bestimmten Teilen von Berlin trifft man solche Frauen, die lieber 5 Zentimeter zuviel als 1 Zentimeter zuwenig verhüllen und noch nie im Leben mit einem Lippenstift oder Stöckelschuh oder Nagellack in Berührung kamen. Alles okay. Aber bitte nicht nur für Nicht-Muslimas.

Ich habe in einem muslimischen Land gelebt und tiefe Freundschaften mit Muslimas geschlossen, auch sozial konservativen. Sie waren viel weltoffener als diese Deutschen, die eine solche Ausstellung nicht ertragen können. Sie haben mit einer nicht religiösen Amerikanerin Freundschaft geschlossen, die in so vielen Punkten ganz anders ist als sie. Es war gelebte Toleranz und, ich zögere es zu sagen, Multikulturalismus. Können sich die Deutschen vorstellen, dass ihre Regierungschefin nach einem Terroranschlag so mitfühlend wie Neuseelands Jacinta Ardern auf die muslimische Community des Landes nach dem furchtbaren Terroranschlag von Christchurch zugeht und sich dafür auch mal ein Tuch über den Kopf wirft? Für die Germanen ist so etwas sofort eine Prinzipien- und Grundsatzfrage, mit der sie 20 Talkshows füllen würden. Schrecklich.

Ich freue mich auf diese Ausstellung, auch wenn ich wahrscheinlich kein einziges dieser Kleidungsstücke selber anziehen würde. Modenschauen mit Teilen, die ich selbst gerne hätte, habe ich schon viele gesehen. Nur so etwas ist langweilig. Seien wir offen für Neues, für Anderes, für andere Kulturen. Wer selbstsicher ist, findet darin Bereicherung. Wer unsicher und ängstlich ist, denen macht so etwas Angst. Und natürlich, ich gehe in diese Ausstellung so wie ich am liebsten aussehe: sexy, alles andere als modest, high heels. No doubt about it. Das ist kulturelle Vielfalt. So muss es sein.

I think this a very modest outfit, right?

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen), Musik Kunst Mode abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Intoleranz

  1. user unknown schreibt:

    Wieso sollte eine Frau, die sich einer konservativen Kleiderordnung unterwerfen will, nicht mit schönen Stoffen und neuen Schnitten, sprich Mitteln des modernen Designs tun? Weil es inkonsequent ist? Nun, das ist eine Frage, die verhinderte Mullahs diskutieren mögen. Wenn Modelabels den Geist des Korans unterlaufen ist das nicht mein Problem.

    Ich habe schon manche Frau auf der Straße gesehen, wo ich mir spontan dachte „sehr elegant“ und erst auf den zweiten Blick gewahr wurde, dass die Haare penibel, also womöglich religiös motiviert, verhüllt waren. Vielleicht ein Spagat, die Forderungen zweier Kulturen an einem Körper in einen Kompromiss zu bringen. Selbstbewusst vorgetragen erhobenen Hauptes – da gefällt mir schon mal die Richtung.

  2. Pingback: Intoleranz — sunflower22a | per5pektivenwechsel

  3. Pjotr Panini schreibt:

    Ist es jetzt schlimm das mich das so sehr interessiert wie die neusten Kreationen der Yety Yäger um Nanga Parbat oder bin ich dann schon intolerant? Von mir aus können die in ausgestopfter Wurstpelle oder Piratenkostümen rumrennen.

    Übrigens: Nächste Woche kommt meine KristenKollektion raus. Life of Brian style, licensed by Monthy Python, aber jeder nur ein Kreuz. Visit your local PPanini Flagship store and give me all your money.

    • sunflower22a schreibt:

      es ist gut wenn dich das nicht interessiert. Das ist schon der entscheidende Unterschied zum AfD-Wähler.

      • Pjotr Panini schreibt:

        Keine Ahnung was das jetzt mit AfD zu tun hat. Sind die gegen Moslems? Was ich so mitbekomme sind da ein paar drunter die gegen alles sind was nach Ausland riecht. Kenne aber keinen der die wählt und selber käme ich auch nicht auf den Gedanken. Dann war da noch irgendwas mit Säkularitätsprinzip, was ich auch nicht Buchstabieren kann aber die Anti-Rassisten (als die andersrum Rassisten) nicht mal wahrhaben wollen.

        Die ganze Klamottendiskussion ist mir erst recht suspekt. Ehrlich gesagt kann ich keine dieser Ausstellungen ertragen. Alles zu Geld-, Status-, Marke, Schicht und jetzt neu Religionsgetrieben. Sozusagen Rassismus in Uniform. Egal mit welchem religiösem Hintergrund (wo mir auch jeder suspekt ist). Auch ihre „deutschen“, die Muslime, die Frauen usw Kategorien sind mir suspekt. Meiner Meinung nach trieft ihr Beitrag da nicht minder vor Rassismus. Gerade die welche sich für weltläufig halten sollte sich manchmal an die eigene Nase fassen.

        Kann aber auch falsches Weltbild sein. Hier in Hamburg rannte nationenmäßig sowieso schon immer alles durcheinander (Hafenstadt und so). Wo es jedem (also wirklich jedem den ich kenne) herzlich egal war wo wer herkam. Ob jemand ein Idiot ist oder nicht lässt sich (leider) nicht aus den Herkunftsdokumenten entnehmen.

        Selber bin ich übrigens auch halbkanake, hat auch noch keinen Interessiert.

        • Pjotr Panini schreibt:

          Mir ist es leider Bedürfnis etwas zur AfD zu schreiben.

          Ein neoliberale (Sorry der Wertung) Dreckspartei (mit)gegründet von einem Kapitalistenknecht – Mr. Shareholder Value persönlich), angefüllt mit Parteibonzen die in CDU/CSU nichts geworden sind und mit einem Parteiprogramm das der angeblichen Antiausland Richtung diametral widerspricht.

          Ein Honigtopf des Systems der Deppenstimmen in Diäten umwandeln soll. Anders als die NPD ( deren Anhänger so dämlich sind das der Laden komplett vom Verfassungsschutz gemanagt wird) aber durchaus von allein lebensfähig.

          Der Gauland ist ob seines Bildungsstandes und seiner Umgangsformen eine Wohltat und Ausnahmeerscheinung im Reichstag. Aber dazu gehört in dieser strunzdummen Kasperbude (m/w/d) mit einer Leitkuh die nicht mal Berlin auf einer Europakarte finden kann auch nicht viel zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s