Gelbe Westen

Frankreich im Volksaufstand. Französische Revolution 2.0. Der Sturm auf Paris. Solche Dinge waren in den corporate media zu lesen, in den Staats-Fernsehsendern zu sehen. Die Barbaren ante portas. Natürlich, alle zivilisierten Menschen sind sich einig, diese Barbaren müssen gestoppt werden. Es sind bestimmt alles Faschisten. Oder Hooligans. Oder Dumme. When you work in a multinational corporation, you can almost feel it: das Führungspersonal begreift den Gelbwesten-Aufstand als das was es ist. Ein Angriff auf dieses Wirtschaftssystem und seine Repräsentanten. Deswegen müssen wir sie stoppen.

Wait a minute. Die Gelben Westen sind nicht nur eine Reaktion auf die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner (immer weniger) und Verlierer (immer mehr) eines ungezügelten Kapitalismus. Sie zeigen diese Spaltung auch, wenn man sieht, wer auf die Gelben Westen wie reagiert. Drei Viertel der Franzosen sympathisieren mit den Gelben Westen. Die gesamte führende Klasse versteht überhaupt nicht, was das Problem ist. Sie verstehen so vieles nicht (mehr). Aber eine führende Klasse, die das von ihr regierte Volk nicht mehr versteht, hat bald ein Problem. Wenn man die Herrschaft aufrechterhalten möchte, muss man die Beherrschten verstehen.

Das meiste, was in den Mainstream-Media über die Gelben Westen berichtet und kommentiert wird, ist bullshit, pure and simple. Eine sehr gute Analyse bringt Roar Magazine. Read it if you have the time – it’s a very long text. Einer der besten Texte ist von Pamela Anderson. Sie kennen Pamela Anderson nicht? Sie war mal Baywatch-Star, Playmate, Model. Jetzt, sie ist Aktivistin. Activism is sexy, sagt sie. (Probably most activists will be shocked to read this because they prefer to be moral puritanists…while she leads „the crusade for a sensual revolution“) Sie lebt in Frankreich. Sehr empfehlenswert ist ihr Blogtext über die Gelben Westen. Sie lebt in Frankreich und ist dabei.

„Yellow Vests“ („Gilets Jaune“ named after roadside-safety vests) are a mass popular movement against the current establishment. It is a revolt that has been simmering in France for years. A revolt by ordinary people against the current political system which –  as in many other western countries – colludes with the elite and despises its own citizens.

Simmering for years, yeah. Did the mainstream media notice? No. Even if they did – they don’t want to admit it. They are propaganda instruments for the status quo.

Moralising about burned cars and banks’ broken windows is misplaced. This must be seen in the context of the current status quo. A status quo in which the power of the powerful and the powerlessness of the powerless is maintained. A status quo of societies where only a few profit and the many loose.

Pam bezieht Position, eine Position gegen den Mainstream, gegen die Macron-Apologeten, gegen die Verteidiger des ultrakapitalistischen Status Quo: “I despise violence … but what is the violence of all these people and burned luxurious cars, compared to the structural violence of the French – and global – elites?”, she tweeted. She is brillant. You should become her follower – like myself.

Aber wie wird es weitergehen mit den Gelben Westen? We will see, of course. Teile und herrsche scheint Macrons Strategie zu sein. Brutale Polizeirepression mit staatlicher Machtdemonstration, Einschüchterung und vielen Verhaftungen war schon letztes Wochenende zu sehen. Ob das die Bewegung einschüchtert, ist fraglich: Die Wut sehr vieler Menschen ist sehr groß. Man muss nur mit ihnen reden, statt nur über sie zu reden, und du verstehst es – the Guardian did it. Aber Macrons Zugeständnisse können die Bewegung spalten: Steuererhöhungen zurückgenommen, Mindestlohn erhöht. Manchen reicht das vielleicht – der Dauer-Protest ermüdet. Schon schreit das Establishment, diese Zugeständnisse sind viel zu teuer, sie gefährden den Euro-Stabilitätspakt, how horrible. Als Macron den Reichen die Steuern gesenkt hat, hat niemand geschrieben, das ist alles viel zu teuer, das geht nicht. So etwa schreiben sie immer nur, wenn ordinary people Forderungen haben, niemals wenn Reiche und Konzerne Forderungen haben. Disgusting.

Natürlich, die Gelbwesten fordern viel mehr. Sie wollen nicht nur Macron los werden, sondern alle Politiker. Sie wollen eine Rückkehr zum Respekt vor normalen Menschen. Es kursiert ein Forderungskatalog, der sich sehr gut liest. Zum Beispiel:

Steuern: die GROSSEN (McDonald´s, Google, Amazon, Carrefour …) sollen GROSS zahlen und die Kleinen (Handwerker, Klein- und Mittelbetriebe) zahlen KLEIN.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Es war auch mal selbstverständlich. Aber heute nicht mehr. Sehr spannend ist die ganze Dynamik, die die Gelben Westen auslösen. Parteien, Gewerkschaften, große Organisationen – sie spielen alle keine Rolle, sie stehen staunend daneben. Genaus staunend daneben stehen die superklugen Intellektuellen und Theoretiker, die sonst immer alles besser wissen. Sie wurden genauso überrascht von den Gelben Westen wie das Establishment. Jetzt streiten sie über eine Einschätzung, sind die links oder rechts oder whatever. Forget it. Sie sind nichts davon. Diese Begriffe spielen keine Rolle. Die Gelben Westen sind die beginnende Emanzipation der Verlierer des radikalen Kapitalismus. Was aus ihnen wird, entscheiden sie selbst. Ich bin sicher, sie erreichen mehr als alle Berufsdiskutierer, sie haben jetzt schon mehr erreicht als 1000 kluge Papiere jemals erreichen können. I sincerely hope they will carry on their struggle.

Pam Anderson – the guy next to her is called Jeremy Corbyn

 

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Gelbe Westen

  1. Pjotr Panini schreibt:

    Beginnende Emanzipation, wovon träumen Sie nachts? Statt PAM (Schauspielerin) empfehle ich Zweig (Schriftsteller) Joseph Fouché (und der Wahnsinn der Franzmannrevolution).

    Die haben diese Type vorher gewählt, schon vergessen? Hätte er dann Babyöl aus Migrantenkindern gemacht statt den Sprit zu verteuern wäre auch alles in Butter gewesen.
    So denkt er sich halt das nächste aus.

    Im übrigen ist die folgende Definition zu berücksichtigen.

    Aufruhr: Farce, aus der in Europa ein Drama wird. Volkstümliche Unterhaltung, von
    unschuldigen Passanten zur Erbauung des Militärs veranstaltet.
    Bierce; Des Teufels Wörterbuch 1911

  2. gkazakou schreibt:

    In Griechenland und in Spanien hatten wir die „Empörten“, hier in Griechenland über Jahre, und das Ergebnis? Immer noch gehen hier die Autos in Flammen auf und die Glaser haben immer noch viel zu tun, immer noch müssen die schlecht bezahlten Polizisten Überstunden machen, um Banken und Politiker zu schützen – aber hat es geholfen? Nicht auf der Straße, sondern in den Palästen werden die Beschlüsse über den Lauf der Dinge gefasst.

    • Pjotr Panini schreibt:

      Die Menschen sind halt zu blöd sich selbst zu organisieren. Die ganzen Typen (und dieTypinnen in nichts minder) mit Krawatte und Kostüm sind zu nichts nutze. Das wissen Sie selber am besten was ihre manische Angst begründet das der Wirt sich seiner Schmarotzer entledigt.

      Aber ohne ein Mindestmaß an Bereitschaft da auch mal Zeit und Grips zu investieren wird das nichts. Stattdessen wird irgendwas entglast und angesteckt. Als ob Scheiben oder ne Blechdose mit 4 Gummireifen irgendwas damit zu tun hätten.

      Der Tag an dem alle in ihrem besten Sonntagsanzug bzw -Kostüm vor dem Parlament Spalier stehen und Schweigen wäre der Schmarotzer letzter Tag. Aber lieber streiten sich die Herrschaften ob man zuerst das Kostüm nennen sollte.

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