Eine Mauer am Brennerpass

Es war ein wahnsinniger Zufall, wieder Kontakt mit Luciana zu bekommen und sie wieder zu treffen. Luciana war meine liebste Freundin, als ich vor 25 Jahren als sehr junge Frau ein knappes Jahr in Rom lebte. Ich liebte Rom und Italien, das Lebensgefühl der Italiener, und schnell assimilierte ich mich. So sehr, dass alle dachten, ich bin eine in Amerika aufgewachsene Italienerin, nicht eine Amerikanerin in Italien. Aber leider, es kam anders als geplant, bald ich verließ Italien wieder.  Ich war sehr traurig darüber.

Der Kontakt zu Luciana brach ab, als sie einen Idioten heiratete und er dafür sorgte, dass sie bald nur noch ihn hatte. Wir alle verstanden es nicht, warum sie diesen Idioten liebte. Heute sie sagt , sie versteht es auch nicht mehr. Zu spät.

Es passierte, was Frauen so oft passiert. Liebe macht blind. Statt sich eine eigene ökonomische Existenz aufzubauen, sie verließ sich auf ihn. Als ob diese Beziehung für immer dauert. Sie arbeitete mit in seiner Werbeagentur, die nichts taugte und nur mit politischen Beziehungen überlebte. Als diese Beziehungen gestört wurden, die Agentur ging rasch pleite. Der Fallout der Pleite war das Ende der Ehe.

Danach, Luciana hatte nichts, keine Ausbildung, kein Geld, keine Wohnung. Crazy. So, sie musste neu anfangen, mit Ende zwanzig. Keine andere Werbeagentur wollte sie. Sie wollte studieren, aber das Geld reichte nicht. Ihre Mutter war schon lange tot, ihr Vater war Politiker. Er verstand es gut, Politik und Geschäft zu mischen, so sagte er und so dachte sie. Als er auch starb, die schöne Fassade zerbrach und sie musste feststellen, er hinterließ mehr Schulden als Vermögen. Sie finanzierte das Studium mit Sexarbeit, sie verdiente gut. Zu gut, das Studium war bald nur noch Nebensache. Als sie endlich fertig war, die Zeiten waren vorbei, als es an den Unis gute Jobs gab. Seitdem, ihr Leben besteht aus prekären Zeitjobs, Nebenverdiensten, sie ist Überlebenskünstlerin.

Nichts davon wusste ich, als ich sie wieder traf. Ich habe mich riesig gefreut, als  ich von ihr hörte und dass der Idiot weg ist. So, ein weekend in Rom bei Luciana. Als wir uns treffen in Fiumicino, ich war erschrocken. Sie sah so fertig aus, kaputt, traurige Augen. Kettenraucherin. Aber immer noch Luciana, crazy but wonderful. Wir müssen soviel erzählen. Mein Italienisch ist eingerostet, oft wir müssen auf Englisch ausweichen. Ihr englisch  ist perfekt, aber sie hasst die Sprache und vermeidet sie zu sprechen.

Isabel, was machst du? Immer noch in Germania? Wie kannst du es dort aushalten? Ja, sie versteht es, America ist bestimmt noch schlimmer in diesen Tagen. Okay, Italien ist furchtbar. Italien ist wunderschön wenn du Touristin bist, aber furchtbar wenn du hier Geld verdienen und überleben musst. Also wohin? Sie weiß auch nicht wohin sie mir empfehlen würde. Isabel, du warst immer die Frau die überall leben kann, die Kosmopolitin. – Ich hasse diesen Begriff, du weißt es. Und ich leide darunter, dass ich keine Heimat habe. – Isabel, ich leide darunter, dass ich nur Rom kenne.

Bald wir reden über Politik. Luciana ist eine sehr politische Frau, eigentlich sehr links. Sie sagt, sie ist jetzt Kommunistin. Wow. Ihr Vater war kommunistischer Politiker, sie hat die Kommunisten gehasst, aber heute sie sagt, sie hatten recht. Italien ist kaputt, kaputtgemacht von den Liberalen, kaputtgemacht von der EU, kaputtgemacht von den verrückten Nordeuropäern, vor allem den Deutschen. Der Euro hat uns erledigt. Die Deutschen machen uns wirtschaftlich komplett kaputt, und die EU und ihr Binnenmarkt bedeutet, wir dürfen uns nicht wehren.

Luciana, ich glaube auch die Deutschen sind verrückt, sage ich. Aber an Italiens Problemen sind doch bestimmt zuerst die Italiener selbst schuld? –Ja, natürlich, Italiens Politiker sind furchtbar, und wir alle sind chaotisch. Aber das waren wir immer, und erst jetzt ist es schlimm. Die gnadenlose Effizienz der Deutschen macht uns fertig. Sie wollen, dass wir so werden wie sie. Schau dir an, was sie mit den Griechen gemacht haben. Sie haben sie in die Armut gestürzt, sie haben ihnen ihre Würde genommen. Die Deutschen machen mich verrückt. Sie hatte eine deutsche Kollegin, die Italien liebte und Italien immer helfen wollte. Helfen! Wir sollten besser werden, effizienter werden, wie die Deutschen werden! Es ist zum Heulen.

Vor der EU, vor dem Euro, wir waren stolze Italiener und alles war gut, und die Deutschen haben ihr Ding gemacht, und es war auch gut. Mal liebten wir uns, mal hassten wir uns, aber jeder konnte so sein wie er wollte. Heute müssen alle so werden wie die Deutschen, sonst gehen sie unter. Das ist furchtbar. Ich will sie loswerden. Am besten, wir bauen eine Mauer am Brennerpass, damit keiner von ihnen mehr reinkommt. Isabel, wie hältst du es nur unter ihnen aus?

Ja, auch ich habe oft Riesen-Probleme mit ihnen. Du kannst machen was du willst, du wirst nie eine von ihnen, du kannst die Sprache perfekt sprechen, ihren Pass haben, es nützt nichts. Ich bin immer die Amerikanerin für sie, und sie haben immer eine Lektion für mich, was die Amerikaner tun sollten. Aber du sagst selber, in Italien Überleben ist furchtbar geworden. Ich habe geweint, als ich Rom verlassen habe, aber das ist lange her.

Luciana hält feurige Reden, ich sage ihr, warum gehst du nicht in die Politik? Sie hat es versucht, aber in der 5-Sterne-Bewegung ist es auch wie überall in Parteien: Neid, Intrigen, Machtkämpfe. Sie ist enttäuscht sehr schnell wieder gegangen.

Es ist so traurig, wenn eine so wunderbare Frau wie Luciana am Rande des Abgrunds leben muss. Sie schämt sich fast, mir ihre winzige Zwei-Zimmer-Wohnung zu zeigen. Wenn der 84jährige Vermieter, ein sehr sozialer Mensch der ihr noch nie die Miete erhöht hat, stirbt, und seine Erben ihr die Miete erhöhen, dann ist sie obdachlos, sagt sie. Sie hat keinen einzigen Euro übrig, sagt sie, mit Tränen in den Augen. Hoffentlich wird der alte Mann mindestens 100 Jahre alt.

Luciana, ich habe einen Wunsch, sage ich. Am Samstag abend, lass uns so tun als wäre es wie früher. Wir machen uns todschick und wir gehen gut essen und wir tanzen, flanieren, flirten, ich lade dich ein. Sie ist begeistert, aber sie hat dafür nicht mehr viel von dem was man dazu braucht. So wir gehen shoppen, Klamotten, Kosmetik, alles.

Es wird ein wunderbarer Abend, wir flirten mit den Männern und am Ende, sie schauen dumm und wir küssen uns selbst. Ihr Kettenrauchermund schmeckt nicht gut, aber anyway. Zuhause bei ihr, es gibt nur eine Möglichkeit, wir schlafen beide in einem Bett. Es wird eine wunderbare Nacht, Luciana ist hungrig nach Liebe, nach Leben, nach Leidenschaft. Wir lieben uns als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen.

Isabel, bleib hier, komm bald wieder, sie sagt unter Tränen als ich schon am nächsten Tag wieder abreise. So vieles Neues hast du mir gebracht, zum ersten Mal seit langem ein Tag voller Glück, voller Leben. Zum ersten Mal eine lesbische Liebesnacht, incredibile. Zum ersten Mal nackt gefrühstückt, du hast so verrückte, wunderbare Ideen. Zum ersten Mal seit langem saturday night fever.

In Germania besuchen will sie mich nicht, sie will nie wieder in den Norden zu den Menschen, die die Italiener und Südeuropäer wie dumme Kinder behandeln. Okay. Ich komme wieder. Bald. Wenn schon alle um uns herum verrückt sind, wenn sie schon alle das gute Leben zerstören, das sie mal in Europa hatten bevor der neoliberale Wahn sie alle erfasst hat – Luciana und ich, wir halten zusammen.

If you stop smoking, I’ll kiss you so much more often

Über sunflower22a

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9 Antworten zu Eine Mauer am Brennerpass

  1. Provinzei schreibt:

    Sind die Deutschen wirklich so effizient ?
    Sind wir tatsächlich so gut, daß wir alle erdrücken ?
    Ich arbeite als Ing. im Maschinenbau. Am Anfang meiner Laufbahn wunderte ich mich immer wieder, warum die Kunden überhaupt unsere Maschinen kauften, gingen die doch auch immer wieder kaputt. Wir hatten damals große Probleme.
    Nun, die Maschinen der Konkurrenz aus Spanien, Frankreich oder USA gingen noch öfter kaputt, die Firmen waren zu träge, zu überheblich, die Kunden wurden schlecht behandelt und bekamen keine Ersatzteile oder Monteure und und und.
    Wir Deutsche sind nur ein bisschen besser, nur einen Tick korrekter, etwas verlässlicher und disziplinierter.
    Man sollte sich als Italiener darüber nicht aufregen. Ja, in Deutschland kommt der Bus um 17:34 Uhr, wenn es so auf dem Fahrplan steht. Das ist langweilig aber klasse.
    In Italien sagt man Dir, ja, dort ist die Bushaltestelle, da fährt der Bus ab. Ob heute noch ein Bus kommt ?? Keine Ahnung, Fahrplan hängt ja keiner da.
    Es gibt in Deutschland durchaus Korruption, Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme. Aber alles in Maßen. Und oft nur für die Partei, selber stecken die Leute sich ja gar keine Kohle in die Tasche, oder nur etwas…………..
    In anderen Ländern wird sich so schamlos, offen und für jeden sichtbar bereichert, wenn bestimmte Positionen erreicht wurden, es ist gnadenlos.
    Warum gewinnt die Deutsche Fußballnationalmannschaft so oft, obwohl die gar nicht kicken können ? Es gibt dort keine begnadeten Techniker, Dribbler, Künstler. Ich weiß es nicht, vielleicht wirklich nur der Zusammenhalt, die Disziplin, der Durchhaltewille.
    Das sind keine „Deutsche“ Tugenden, es sind Tugenden.

    • Mordred schreibt:

      „Ja, in Deutschland kommt der Bus um 17:34 Uhr, wenn es so auf dem Fahrplan steht.“
      Lol. Schön wärs ja. Aber vielleicht hast Du Germany nur mit der Schweitz verwechselt.

      • Provinzei schreibt:

        Ich hasse die Italiener nicht !
        Kenne genug Italo Deutsche, denen die Verhältnisse in Italien, ich sage jetzt mit Absicht nicht „daheim“, auf die Nerven gehen.
        Und stimmt, der Bus kommt oft genug auch mal um 17:37 Uhr oder, noch schlechter, um 17:32 Uhr. Weil dann iss er weg.
        Und ja, wir in Deutschland nähern uns mit großen Schritten Italien an.
        Wenn ich mit vorstelle, daß man in Berlin Monate braucht, um ein Auto anzumelden. Z.T. muss man die Beamten schon bestechen.
        Bei mir im Schwabenland dauert das max. eine Stunde.
        Scheiß Schwaben, gell ??
        Nein, es geht halt nix dort. Mafia, Kat. Kirche, alte Faschos, Korruption, Machismo, Berlusconi wählen und dann heulen. Alles eine Nummer übler als bei uns. Aber dann mit dem Finger auf andere zeigen. Der ist schuld, daß es mir so schlecht geht.
        Stimmt, wenn der andere mehr Tore schießt, dann gewinnt er. Ganz einfach.
        Aber ist er dann „schuld“ ?

  2. kormoranflug schreibt:

    —und ihr seid beide so jung geblieben 😉

  3. Provinzei schreibt:

    Ach ja, und dann braucht man in Italien auf jeden Fall einen Maulkorb für den Hund, wenn man Bus fahren möchte. Da hat man eine 8 Stunden Wanderung hinter sich, es ist Abend, man möchte nach Hause, und der Busfahrer sagt nein. Kein Maulkorb dabei. ( Für ein Hündchen….) Man kommt aber nur mit diesem Bus das Tal runter. Was jetzt ? Irgend wann sagt er, also gut, rein mit euch, ist der Hund auch lieb ? Alles klar. Es gibt also unnötige Regelungen und Vorschriften, die dann aber wiederum Italienisch ausgelegt werden. Anstatt zu schauen, daß die Hunde korrekt erzogen sind, oder die „Herrchen“, was ja oft wichtiger wäre.
    Man möchte mit dem Boot übersetzen, man hat Fahrräder dabei.
    Geht nicht. Wird einem mit ganz wichtiger Miene erzählt. Die Fahrräder könnten ja vom Wind erfasst werden und in die See geschleudert werden.
    Da macht sich der Typ wichtig, immer mit schmucker Uniform, um dann zu sagen, alles klar, kommt mit. Es steht aber auch nirgends Maulkorbzwang, oder keine Fahrradmitnahme oder oder oder. Furchtbar, ein Scheißland. Um dann ganz generös einem weiter zu helfen.
    Machokultur. Bring einen keine Schwanzlänge weiter.

    • Mordred schreibt:

      „Es steht aber auch nirgends Maulkorbzwang“
      Man liest auf so ziemlich jeder Website, die sich mit der Thematik beschäftigt, dass man in Italien immer (!) einen Maulkorb dabei haben muss. Generell sollte man das vorher für jedes Land / jede Region googlen.

  4. Provinzei schreibt:

    Zu guter letzt:
    Wenn in Afrika mal einer eine Uniform anhat……………………………………
    Drum geht da auch nix.
    Nein, ich bin kein Rassist.
    Realist.

  5. Pjotr Panini schreibt:

    Klar sind immer die anderen Schuld. Die ach so bösen bösen Germanskys haben verhindert der Ausbildung der Dame sabotiert und auch dafür gesorgt das die Agentur Pleite geht.

    Auch mit der grassierenden Korruption und den „Familienverbänden“ hat die Lage ja aber so was von gar nichts zu tun. Wie in Griechenland. Nachdem dort die Kredite „notleidend“ wurden stellten die -in jeder Hinsicht- Verantwortlichen auf einmal fest das die alten Maschen Staatsbankrott und Abwertung nicht nur nicht mehr reichten um das geraubte Staatsvermögen auszugleichen sondern nicht mehr existierten. Neue Kredite gab es nur über die EU Frohnvögte die man aber selbst ins Land gelassen hat. An die vom Norden“ finanzierten Boomzeiten in denen die Herrschaften die Kohle verprasst haben will sich natürlich keiner erinnern. Mein Vorschlag wäre die Nikotinsucht darauf zu schieben.

    Bella Italia stand auch schon vor dem Euro am Abgrund. die Regierungsdauerkrise kommt auch eher aus der Kreidezeit statt aus EU-Mitteln. Im Norden gibt es außerdem viele Firmen die in Sachen Effizienz denen hierzulande in nichts nachstehen. So wie überall auf der Welt. Produktion und Management sind nun mal ausgereift und ISO normiert.

    Mich zieht da nichts hin. Italien ist wunderschön, super Essen aber leider voller Italiener. Da zu arbeiten ist sicher auch kein Zuckerschlecken. Gehalt und Arbeitszeit stehen in keinem Verhältnis, aber auch dafür können andere nichts.

    Im übrigen: Wenn man schon „den Brenner“ dichtmacht empfehle ich zusätzlich eine chinesische Mauer und ’ne schweizerische sowie diverse gegen Japan, Türkei und die vielen anderen Länder die zu konkurrenzfähigeren Preisen produzieren. Die Lücke würde sonst noch schneller gefüllt als es Mafia und Cosa Nostra mit dem dann expandierenden Geschäftsbereich Schmuggel hinbekommen würden.

    • Pjotr Panini schreibt:

      Muss leider einen Fehler korrigieren, auch wenn das hier eh kaum jemand liest und wohl niemanden interessiert. Bin in Italien immer bestens behandelt worden und hab das mit meinen Erlebnissen in Frankreich verwechselt, Sorry .

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