Talking to a stranger

Dienstreisen. Es gab Zeiten, da liebte Isabel diese Abwechslung. Natürlich, damals waren diese Dienstreisen nicht so anstrengend. Heute, das ist anders. Isabel entwickelt eine wachsende Antipathie gegen diese Dienstreisen und vor allem ihre Anlässe: Besprechungen mit Leuten, mit denen sie sich lieber nicht besprechen möchte.

Diesmal hat es sehr lange gedauert. Der letzte ICE nach Hause. Der Zug ist überraschend leer, sehr leer. Sie schaut sich um. Im ganzen Waggon niemand außer ihr. Ein Waggon alleine für sich. Ein Mann würde sich jetzt freuen und vielleicht einschlafen. Eine Frau nicht. Isabel fühlt sich nicht wohl. It’s an eerie feeling. Vielleicht ist es in der 2.Klasse voller, und so sie steht auf. Im Bordbistro, immerhin, es sind zwei Leute, und das Personal. Isabel bleibt hier.

Einer surft vergessen auf seinem Tablet, der andere trinkt ein Bier und macht sonst nichts. Isabel bestellt einen Drink und spielt ein wenig mit dem Smartphone. Der Mann mit dem Bier beobachtet sie. Er ist eigentlich der reine Durchschnitt. Durchschnittlich alt, durchschnittlich gekleidet, durchschnittlich frisiert. Wahrscheinlich auch durchschnittlich nett. Isabel ist unsicher. Er beobachtet sie genau. Vielleicht, es ist am besten in die Offensive zu gehen.

„Warum beobachten Sie mich dauernd?“

„Weil Sie eine sehr schöne Frau sind. Man kann Sie nicht ignorieren.“ Er lächelt.

„Danke.“ Isabel kichert.

„Ich dachte, Sie wären jetzt sauer. Ich bin überrascht.“

„Warum?“

„Das ist doch bestimmt heutzutage schon sowas wie sexuelle Belästigung, Me Too und so weiter.“

„Manche sexuelle Belästigung fängt so an, das stimmt. Aber wenn sie mir sagen, dass ich schön bin, das ist keine Belästigung, natürlich.“

„Für manche schon. Ich freue mich, dass ich noch einer schönen Frau ein Kompliment machen kann, ohne dafür sofort beschimpft zu werden. Aber inzwischen ist es mir egal, wenn ich dafür beschimpft werde. Ich mache es trotzdem. Ich lasse mich nicht von diesem politisch korrekten Establishment umerziehen. “

„Ich glaube, Sie übertreiben. Ich bekomme öfter Komplimente. Sie sind nicht der einzige, der sich noch traut.“

„Schön. Freut mich für Sie. Sie halten auch nichts vom politisch korrekten Mainstream?“

„Nein. Ich bin ganz unkorrekt. Ich bin ich.“

Er kommt jetzt in Fahrt. Die Zeiten werden immer schlimmer. Deutschland gehe den Bach runter, Europa auch. So einen wie Trump brauchen wir. Aber wir haben keinen. Ein Patrioten an der Regierung, aber der sei nicht in Sicht.

„Was glauben Sie, was das größte Problem für Deutschland ist?“ Isabel erwartet jetzt, die Flüchtlinge. Aber das kommt nicht.

„Unsere Wirtschaft wird von der Politik im Stich gelassen. Dieser ganze Diesel-Wahnsinn. Die besten Autos der Welt machen diese Grünen kaputt. Früher war die Luft noch viel dreckiger. Wir machen uns den Standort selber kaputt. Die Chinesen räumen alles ab. Jetzt kommen die Handelskriege. Wir müssen uns warm anziehen.“

„Gerade noch haben Sie gesagt, Trump ist toll. Jetzt sagen Sie, Sie haben Angst vor Handelskriegen. Wer fängt denn damit an?“

„Ja, Trump natürlich. Ich sage ja nicht, dass der Trump toll ist. Ich sage, wir brauchen so einen wie den. Einen deutschen Trump.“

„Und der soll dann Amerika den Handelskrieg erklären? Lieber nicht. Sehen Sie, ich bin Amerikanerin. Glauben Sie mir, im Augenblick lebe ich lieber hier.“

„Sie sind Amerikanerin? Oh, das hört man gar nicht.“

„Danke. Ich bin auch Deutsche. Beides.“

Er liebt Amerika, die Amerikaner sind toll, die Deutschen könnten viel von ihnen lernen, meint er.

„Danke, ja. Das machen sie auch, vielleicht übertreiben sie es sogar. Aber auch die Amerikaner können viel von Deutschland lernen.“

Er bestreitet das, Deutschland sei auf den Hund gekommen, und so er spielt das merkwürdige Spiel eines deutschen Patrioten, der dauernd auf sein Land schimpft. Schließlich, er sagt, er wählt AfD. Not much of a surprise by now.

„Was würde denn die AfD tun, wenn sie regieren würde?“

„Die Flüchtlinge rauswerfen.“

„Und was noch?“

Er weiß es nicht. „Sie regieren sowieso nicht, ich wähle die nur aus Protest.“

„Schauen Sie, das worüber Sie sich ärgern, ist: die Politik lässt die Wirtschaft im Stich. Aber darauf hat die AfD ja wohl keine Antwort, jedenfalls keine die Sie kennen. Und dann sagen Sie, Trump ist toll, Amerika ist toll. Erinnern Sie sich: Die Amerikaner sind VW auf die Schliche gekommen, nicht die deutschen Grünen, wieviel Milliarden Strafe mussten sie an die amerikanische Staatskasse zahlen? Und jetzt machen sie diese Strafzölle. Ich verstehe Ihre Logik nicht ganz. Sie bewundern diejenigen, die Ihnen am meisten Probleme machen.“

Er schaut sehr irritiert. „Sie mögen die AfD nicht.“

Isabel lacht. „Nein. Ich mag alle anderen aber auch nicht.“

„Gehen Sie noch wählen?“

„Selten. Beim letzten Mal habe ich gewählt.“

„Darf ich fragen was?“

„Bernie Sanders.“

„Wen? Ach den, ja, Amerika, klar. Was macht der heute?“

„Er macht weiter. Sie werden sich  noch wundern. Er räumt in Amerika auf. An dem wird sich Trump noch die Zähne ausbeißen. Der tut was für die kleinen Leute, nicht für die Reichen.“

Wir erreichen Berlin-Spandau. Der Herr trinkt sein Bier aus, bedankt sich ausnehmend freundlich  für das gute Gespräch, listet noch einige Komplimente für Isabel und für Amerika auf, und verabschiedet sich.

Für Isabel, es war das beste Gespräch heute. Ausgerechnet mit einem AfD-Anhänger. Aber im Gegensatz zu den ganzen Gesprächen vorher, es war ein ehrliches Gespräch.

At least, he was an honest guy.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu Talking to a stranger

  1. kormoranflug schreibt:

    Frau sollte sich nicht mit dem Durchschnitt unterhalten. – Was soll da herauskommen?

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