Me too? Not me

Die Diskussion um MeToo nervt mich. Schon lange. Sie nervt viele Leute, auch viele Frauen. Sie nervt mich nicht weil sie von Hollywood-Schauspielerinnen ausgeht, die mich sowieso immer nerven, egal was sie machen. Sie nervt mich auch nicht, weil ich sexuelle Belästigung verharmlosen möchte, no way. (Obwohl, ich muss ehrlich zugeben, in meinem Leben es gibt mehr Klagen von Männern darüber, dass ich sie belästige als umgekehrt…). Auch die Antwort von Ladies wie Catherine Deneuve nervt mich, die behauptet, Männer haben ein Recht, Frauen lästig zu werden. Wahrscheinlich, die Übersetzung aus Französisch ist nicht ganz korrekt, aber wir wissen trotzdem was sie meinen.

Nein, MeToo nervt mich, weil es wieder ein weiteres Element auf dem Weg zu einer Puritaner-Gesellschaft ist, in der Erotik und Sexualität immer mehr tabuisiert werden. In Britannien hängen sie jetzt schon Malereibilder aus Museen ab, weil sie zu erotisch sind. Das lächerliche Gedicht-Verbot an einer Berliner „Hochschule“ spricht für sich. Ich habe das große Glück, ich bin Frau, und wenn ich mit einem Mann einen kleinen Flirt anfange, das ist bis jetzt noch erlaubt. Umgekehrt traut sich das kein Mann mehr. Traurig. Aber die dominanten Kreise der Öffentlichkeit können nicht unterscheiden zwischen Flirt und sexueller Belästigung, deswegen verschwindet die Erotik aus der Öffentlichkeit.

MeToo nervt, weil es genau diese Tendenz weiter verstärkt. Die schleichende Puritanisierung des öffentlichen Lebens ist der Mainstream heute, es geht langsam aber es scheint unaufhaltsam. Wie in den islamischen Ländern. Facebook hat mich deshalb rausgeworfen, aber dennoch ich kann noch die wunderschöne Facebook-Gruppe Before Sharia Spoiled Everything sehen. Bilder aus der Türkei, Iran, den arabischen Ländern aus den Zeiten bis in die 1970er Jahre. Frauen und Männer in der Öffentlichkeit und privat, lachend, fröhlich, modern angezogen, frei. Alles undenkbar heute. Miniröcke in der Türkei oder Ägypten? Vorbei. Bald auch im Westen?

Es kommt mir vor, als wird der Feminismus heute zu einer Ideologie, die nicht mehr dazu da ist, Freiheit und Selbstbestimmung für Frauen zu erreichen, sondern die Gesellschaft entlang einer Moralideologie umzuerziehen, die eigentlich nur eines bedeutet: weniger Freiheit und Selbstbestimmung. Für Frauen und auch Männer.

Aber die Protagonistinnen glauben wirklich, sie müssen immer noch unterdrückte Frauen befreien, und merken gar nicht, dass sie längst daran arbeiten, freie Frauen zu belästigen und zu bekämpfen. Schauen wir zum Beispiel dieses Interview an. Eine Psychologin und Psychotherapeutin hat ein Buch geschrieben und gibt ein Interview zu diesem Buch. Ich werde es nicht kaufen, die 24 Euro spare ich mir, das Interview reicht mir völlig. Das Buch heißt „Das beherrschte Geschlecht: Warum sie will, was er will“. Sie meint ernsthaft,

„Nun kam die sexuelle Befreiung vor 50 Jahren aber mit einer schleichenden Sexualisierung der Frau einher und heutzutage wird Frauen die eigene Sexualisierung und Unterwerfung als Gipfel der Emanzipation verkauft. Ich finde, es ist an der Zeit, das kritisch zu hinterfragen. Es reicht nicht aus, ein Lippenbekenntnis zu geben ,Ich bin sexuell befreit‘ – wenn wir die Freiheit nicht mit unseren eigenen Vorstellungen aufladen. Dazu gehört auch, Grenzen zu setzen, wenn uns etwas nicht passt, oder sich zu trauen, eigene Wünsche zu formulieren. Sonst bleibt die Freiheit ein leeres Versprechen.”

Angeblich, sie hat für ihr Buch mit 70 Frauen gesprochen und darauf sie baut ihre Thesen auf. Honestly, ich habe auch schon mit vielen Ladies gesprochen und mache das jeden Tag. Alle meine Freundinnen sind „sexuell befreit“, sie setzen ständig Grenzen, sie formulieren ständig Wünsche und erfüllen sie sich auch. Manche mit Mann in einer Beziehung, manche ohne oder mit Frau in einer Beziehung oder auch in Polyamorie. Aber, sie nehmen sich auch das Recht sexy zu sein und brauchen sich von niemanden erklären zu lassen, dass sie sich deshalb „unterwerfen“ (wem eigentlich?).

Die Psychologin, Sandra Konrad, sie jammert ernstlich,

„es fehlt in der Öffentlichkeit an einem differenzierten, respektvollen Blick auf die Frau. Dass dieser fehlt, sehen wir beispielsweise daran, dass Frauen, die sich ,zu‘ weiblich beziehungsweise sexy kleiden, nicht ernst genommen werden, dass sie als ,schlampig‘ oder ,billig‘ bewertet werden, oder dass ihnen im Falle eines sexuellen Übergriffes eine Mitschuld zugeschrieben wird.“

Genau Leute wie Frau Konrad bestätigen dieses Bild jeden Tag. Ihr ganzes Interview ist nur eine Kritik an den Frauen, die nicht so sind wie sie sich das wünscht, die angeblich immer unterdrückt sind, egal was sie tun. Ich finde, statt solcher Bücher zu schreiben, sie sollte vielleicht einfach mal ein wenig mehr sexuelle Befreiung praktizieren. Flirten Sie doch einfach mal mit einem Mann, der ihnen gefällt, oder auch einer Frau. Kaufen Sie einige geile Sextoys, das geht auch alleine. Gehen Sie zu einer erotischen Party, ladies-only. Skirt Club, bestimmt auch in ihrer Stadt. Oder machen Sie sonst irgendwas, Hauptsache Sie MACHEN es. Wenn Sie es nicht tun, ist daran nicht die patriarchale Gesellschaft schuld, sondern nur Sie selbst.

I love my politically incorrect outfits

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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6 Antworten zu Me too? Not me

  1. kormoranflug schreibt:

    Stimme Dir in allen Punkten zu. Ja, für was haben wir uns alle befreit.

  2. keloph schreibt:

    ich habe lnage gebraucht, um zu begreifen, dass mädels die sich hübsch machen, das auch nur für sich tun könnten, und nicht um zu baggern oder sich anbaggern zu lassen oder zu provozieren. aber seit dem ist alles gut. ja, du hast recht.

  3. ericool schreibt:

    d’accord!

    Vielleicht noch ergänzend: meiner Ansicht nach ist MeToo auch nur eine weitere Nebelkerze, um die tatsächlichen Konfliktlinien zu verschleieren… Neoliberalismus, gewollte Verarmung breiter Massen und weltweite imperiale Kriege. Zur Ablenkung von den wirklich existenziellen Problemen muß immer eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden.

    Eine schöne Woche noch!

  4. user unknown schreibt:

    @keloph:
    Wie viele machen sich denn hübsch, mit Schminke, bester Kleidung, aufwendiger Frisur, um alleine zu Hause zu bleiben?

    Das ist doch eine feministische Nebelkerze. Nein, man kleidet sich so und so für die Außenwelt, man signalisiert damit etwas, nur würde man es gerne sehen, wenn man sich selbst aussuchen könnte, wer die Signale wie interpretiert.

    Das geht aber nicht. Das kann man nur durch Mimik und Gestik im Einzelfall beeinflussen. Kleidung und Aussehen ist natürlich nie eine Rechtfertigung für Straftaten.
    Aber eine Frau, die sich ein bisschen nuttig kleidet will wahrscheinlich auch ein bisschen nuttig wirken. Wenn sie dann der Frau Mama zufällig begegnet ist das Pech.

    Dass die Leute unterschiedliche Empfindungen für Grenzen haben ist nun mal so. Im Rahmen der Gesetze muss man damit leben, dass sie unterschiedlich reagieren. Frauen möchten sich auch selbst aussuchen, wie sie Männer anhand von Äußerlichkeiten einschätzen und tun das auch.

  5. Pingback: Me too? Not me! | per5pektivenwechsel

  6. rotewelt schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Diese zum Teil sehr heuchlerische und verlogene MeToo-Debatte geht mir höllisch auf die Nerven. Ja, bald wird noch das Flirten verboten, wobei das in Deutschland gar nicht nötig wäre, da es hier keine Flirtkultur gibt. Einerseits wird immer mehr reglementiert und die neuen Feministinnen mit ihrer unerträglichen Gender-Debatte haben ziemlich viel Einfluss (sie haben auch viele Männer auf ihre Seite gezogen, die genauso verkrampft und moralinsauer daherreden wie sie), der bis in die Grundschulen und Kindergärten reicht und kleine Kinder verunsichert, indem ihnen gesagt wird, sie könnten sich ihr Geschlecht aussuchen, sie müssten gar nicht Mädchen oder Junge sein. DAS ist Sexualisierung.

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