Kulturkämpfe

Nein, ich schreibe nicht über “Die Guten” (linksliberale Demokraten) vs “Die Bösen” (AfD). Solche Texte habt ihr schon genug gelesen, es gibt davon sehr viele. Ich frage mich, warum ist Identität, Kultur, auf einmal so wichtig. Warum brauchen so viele Leute die Auseinandersetzung mit den anderen, um ihre eigene Identität zu finden oder zu festigen? Warum lieben wir die Vielfalt woanders aber wir bekämpfen sie zuhause? Ich habe hier schon einmal diese Frage gestellt.

Man kann den Aufstieg der AfD ökonomisch erklären, so wie dieser Text. Yes, I agree. Alles das ist bestimmt wahr. Aber es ist auch bestimmt nur ein Teil der Wahrheit. In letzter Konsequenz, ich glaube die Wut vieler Menschen ist emotional, und bestimmt nicht alle die AfD wählen sind arm und abgehängt. Viele sind es nicht objektiv und auch nicht subjektiv.

Aber ich glaube auch nicht, dass sie überwiegend schlechte Menschen sind. Ein Kollege hat AfD gewählt, er hat es mir gestanden. Weil er mich nett findet und ich ihn, und natürlich, ich habe versprochen ich behalte es für mich. Ich finde ihn immer noch nett. Das Witzige ist, wir sind beide nicht ökonomisch abgehängt, und kulturell so verschieden wie man nur verschieden sein kann. Er traditionell und konservativ, verheiratet, Hausfrau zuhause, Helene Fischer-Fan. Er raucht! Er isst Schweinefleisch! Er spricht nicht gerne Englisch. Er war noch nie außerhalb von Europa. Ich bin fast das exakte Gegenteil.

Aber wir sind in einem Punkt sehr ähnlich. Wir finden es interessant, dass wir sind so verschieden. Wir finden es langweilig, nur Menschen zu kennen, die genauso sind wie wir. Und wir können uns gegenseitig problemlos respektieren so wie wir sind. Nicht weil wir gezwungen sind, weil die Gesellschaft das verlangt – nein, weil wir selbst empfinden, dass es ist gut so.  Das war nicht immer so. Alle machen sich über ihn lustig, wegen Helene Fischer, weil er die neuesten Trends der urbanen Hipster nicht kennt. Nur ich nicht. Warum sollte ich das tun?

Er findet es nicht gut, dass Frauen heute ganz anders auftreten. Wie sie sich kleiden, und ich bin die Schlimmste. So laufen nur Huren herum, sagt er oft. Aber wenn die Alice-Schwarzer-Feministinnen mich deshalb kritisieren, er ist der erste der mich verteidigt. He does not like it, but she has the goddamn right to do it.

Wir müssen reden über die Verachtung, die Respektlosigkeit der urbanen, kosmopolitischen, „weltoffenen“ Latte-Trinker*innen gegenüber den Menschen mit anderen Werten, die vielleicht auf dem Land leben, keine Fremdsprache sprechen, keine Universitäten in 5 Ländern besucht haben und das nicht vermissen. Ich war einmal sehr stolz darauf, dass ich bin eine Super-Kosmopolitin. Not any more. Heute, ich beneide die Menschen in der Provinz, denn sie haben eine Heimat, und wenn sie diese Heimat verteidigen gegen Entwicklungen, die sie nicht wollen, es ist okay. Ich habe keine Heimat. I am a stranger everywhere, no matter how much I try to go native.

Intoleranz, Hass und Verachtung auf die anderen, das ist kein exklusives Merkmal von Konservativen oder AfD-Wählern. Ich kenne sehr viele „Linke“ oder „Liberale“, die sehr intolerant und respektlos sind. Streite dich einmal mit Hardcore-Feministinnen über Sexarbeit, they can drive you mad, nothing short of physical harassment. Read this excellent text about the sex wars. Die gemeinsamen Kreuzzüge von Hardcore-Konservativen und Hardcore-Feministinnen. Sie wollen dir vorschreiben wie du zu leben hast. Hast du einmal mit Hardcore-Veganern gestritten, weil du eine Currywurst gegessen hast? It can be terrible.

Mein Kollege sagt, er wählt AFD weil er der Terror der Politischen Korrektheit unerträglich findet. Ja, natürlich, er übertreibt. Terror ist etwas anderes. Aber ich weiß, was er meint. Die Sprachpolizei, die aus Teilnehmern „Teilnehmende“ macht und aus Flüchtlingen “Geflüchtete“. Die Gender-Polizei, die „sexistische Werbung“ definiert und zensiert.  Die Polit-Polizei, die ihn zu einem Rassisten erklärt, weil er die Immigration stark begrenzen will, eine Obergrenze toll findet.

Ich verstehe ihn. You don’t have to agree with this guy. You can disagree with this guy 100 percent. Aber, Rosa Luxemburg sagte einmal, Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Es ist okay in einer Demokratie, wenn jemand meint, wir brauchen eine Immigrations-Obergrenze, wir müssen das begrenzen. Eigentlich, außer Deutschland, jedes Land der Welt macht es so. Das bedeutet aber nicht, dass Deutschland die einzige Demokratie der Welt ist.

Ich finde, wir brauchen mehr Respekt für andere Meinungen, für andere Weltanschauungen, für andere Werte. Damit kannst du nur selber anfangen. Wenn ein kulturell konservativer Mensch mich respektiert, respektiere ich ihn auch, wirklich, nicht mit zusammengebissenen Zähnen. Wer aber intolerant und respektlos mir gegenüber ist, ist ein Problem, egal ob Rassist oder  Hardcore-Feministin. Für solche Leute sollten wir keine Toleranz haben. Wir sollten unsere Vielfalt schätzen und mehr Respekt für andere haben – aber nicht als Einbahn-Straße.

As long as you respect me, I will respect you.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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10 Antworten zu Kulturkämpfe

  1. Pingback: Kulturkämpfe | form7

  2. kultgenosse schreibt:

    Deine Haltung find ich ok und die deines Kollegen kann ich bis zu enem Punkt nachvollziehen. Ich finde die pauschale Ablehnung von PC nicht nachvollziehen. Es geht doch nicht ums Binnen I oder Geflüchtete, sondern oder um den respektvollen Umgang, der sich in Sprache ausdrückt. Neger, Schwarze oder Person of Color. Nicht wir haben es zu entscheiden, sondern, die, die bezeichnet werden. Vielfach sind die Eigenbezeichnungen erkämpft worden. Soviel Respekt muss sein.
    Deine Überschrift lautet Kulturkämpfe, so emfinde ich das auch, aber ich glaube die Grenze verläuft, an einem anderen Ort. Ich wäre gespannt, was dein Kolleg dazu sagt.

  3. Nick Pillermann schreibt:

    „Ein Kollege hat AfD gewählt, er hat es mir gestanden. Weil er mich nett findet und ich ihn, und natürlich, ich habe versprochen ich behalte es für mich. “
    …. nett und dann ab ins Internett.

  4. alphachamber schreibt:

    @Kulturgenosse:
    Bei PC geht es um kulturelle Unterdrückung und Gesinnungsbeeinflussung, hauptsächlich durch die Sprache. PC ist eine „weiße“, liberale Erfindung. Schwarze unter sich bezeichnen sich nicht als „Farbige“ (was auch dämlich ist, da keine bunten Menschen gibt), sondern als nigger, dog oder brother. Es sind weiße Heuchler die sich darüber mokieren, nicht die Betroffenen!
    Unterstützte die PC Würde und Respekt, würde sie nicht erlauben, oder gar fordern,, dass man Menschen mit konservativer Einstellung folgenlos als „braune Soße“ (Originalton SPD Sprecher) oder Faschisten bezeichnen kann.

    @sunflower,
    1.) “ Ich frage mich, warum ist Identität, Kultur, auf einmal so wichtig…“
    Jede Gesellschaft ist die Summe ihrer kuturellen Institutionen (dazu gehört auch und besonders die Sprache). Will man diese Gemeinschaft schwächn oder zerstören, fängt man mit der Destruktion der KI an.
    2.) „…ich glaube die Wut vieler Menschen ist emotional,“ Was kann Wut denn anderes sein?
    3.) „Warum lieben wir die Vielfalt woanders aber wir bekämpfen sie zuhause?“
    Da bringen Sie Dinge durcheinander. Vielfalt gibt es überall, besonders in großen Städten. Selbst im xenophoben, chauvinistischen Japan gehts bunter zu als in der Eifel, lol. Es ist ein Unterschied, ob man durch, sagen wir, „natürliche“ und regel-gemäße Einwanderung bereichert wird, oder ob die Regierung unbeauftragt Millionen reindrückt, deren Kultur sich um 180 Grad im Gegensatz der örtlichen befindet. „Bunte“ Stadtteile und Ghettos hatte die BRD schon in großer Zahl bevor 2015.
    Im Übrigen denken wir mal, dass wenn Sie nach Paris reisen, den Pariser Charm der Franzosen geniessen, und nicht von Afrikanern der Metro belästigt werden wollen, und nach Afrika wegen der Afrikaner und nicht den Chinesen, denn dann gingen Sie eher nach China, nein?
    HG

  5. Einverstanden. Voll und ganz. So soll es sein.

  6. Siewurdengelesen schreibt:

    Jaja – die Freiheit der Andersdenkenden – leider ist dieses Zitat oder besser der Auszug dieses Satzes nicht das ganze und damit entstellend. Da fehlt nämlich der Satz davor und noch ein wenig danach, aber der Satz davor genügt im Grunde:

    „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit.“

    Und zumindest das trifft in unserer Form der ‚Demokratie‘ so nicht zu, denn wäre das nicht der Fall, gäbe es weder dieses Blog noch andere Formen der Kritik. Wie wirkunsvoll oder besser wirkungslos diese am Ende im Alltag ist, sei vorerst dahingestellt.

    Und ein tatsächlicher Verfechter der Ideen einer AfD wählt diese sicher nicht nur wegen ihres vorgeblichen Dagegenseins, sondern da steckt schon etwas mehr dahinter als dieses vermeintliche Anöden durch die politische Korrektheit.

    Und ginge es nach dem Geiste einiger AfD-Granden, dann wäre selbst diese Freiheit Andersdenkender ganz fix im Sack und es gälte nur noch eine Meinung – so von wegen Gedankenpolizei und so. Wenn Dein fiktiver Kollege halb so clever ist, wie er hier dargestellt wird, sollte er das mit etwas Besinnen auch selbst auf die Kette bekommen, dass eine Alternative für Deutschland eben keine echte Alternative ist, sondern nur die jetzt so abgelehnten etablierten Parteien in neuem Gewande.

    Das diese jetzt derartigen Zulauf bekommt, hat sicher ausser den verschiedenen Krisen durchaus noch andere Gründe und der Bezug zum Nationalistischen verschafft diesen Kokon einer scheinbaren Sicherheit, weil er den Schuldigen gleich mit ausserhalb desselbigen verortet. Im Falle AfD und deren Anhänger sind das halt die ach so bösen Ausländer, die dem armen Deutschen nach seinen geschaffenen Werten trachten und daher gehören die nicht in´s Land, dann wird alles gut und den Deutschen hübsch fein unter sich geht es wieder besser.
    Aber wie man sieht, schwenken die ‚konservativen‘ Parteien wie CDU/CSU und FDP und auch die mittlerweile angekommenen Grünen schon gut auf den Kurs einer AfD ein. Je nachdem wie es die nächsten vier Jahre so läuft mit Krisen, Hungersnöten und Kriegen, ist die nächste Regierung dann schon koalitionsbereit mit der AfD zum Sichern ihrer Pfründe, dann sind alle wieder beisammen. Ob das für das Land, seine Menschen und auch diejenigen besser ist, welche ‚aus Protest‘ gegen PC usw. die AfD wählten, bezweifle ich.

    Andere meinen die Welt durch Fleischverzicht retten zu müssen und wieder andere wollen halt alle Frauen befreien. Da bin ich auch bei Dir, dass diese in ihrer vermeintlichen Toleranz gar oft sehr intolerant sind und es oft gar nicht bemerken, wie beknackt sie auftreten.
    Mit leben und leben lassen und sich neben seinem eigenen Leben ab und zu mit dem seiner Mitmenschen befassen wäre schon viel getan.

    Und Toleranz hört spätestens bei den Intoleranten auf. Dabei ist es völlig wurscht, aus welcher Ecke diese in vielen Fällen vor allem unbegründete – weil auf Vorurteilen beruhende – Intoleranz kommt.

    Diskussionen mit solchen Menschen sind letzten Endes zumeist zwecklos, da sie in ihren Vorurteilen behaftet sind. Die möchten meist gar nicht über ‚ihr‘ Thema sprechen, sondern sind darin gefangen und bestätigen sich höchstens mit Ihresgleichen und werten Kritik daran als indirektes Zeichen ihres Rechthabens.

    Es gäbe sicher noch mehr Diskussionswürdiges um dieses Thema Toleranz und Dulden andere Weltsichten neben der eigenen, aber das soll ja auch kein Roman werden;-)

  7. HairyComment schreibt:

    „Heimat“, ich habe es nie verstanden. Heimat ist was man in Heimatfilmen sieht: gähnend langweilig.
    Ich habe Freunde, gut ausgewählt. Das ist meine „Heimat“, was sonst sollte ich wollen?

  8. Pjotr Paninin schreibt:

    Also Sorry im voraus, aber in meiner kleinen Welt ist das gesülze aus ’ner medieninduzierten Filterblase.

    Kurz gefragt, wo waren denn z.B. die ganzen AFD Wähler vorher? Die Antwort lautet schlicht das sich die etablierten gern von diesen Monstren haben wählen lassen. Komisch dass Sie da noch keine waren, oder?

    Das ganze AfD Konstrukt wurde von Mr. Shareholdervalue (namensgleich mit nem Waschpulverhersteller und eine Schande für meine Heimatstadt) persönlich mit in die Wege geleitet. Eine fünfte Kolonne des Kapitals, leider etwas aus dem Ruder gelaufen. Der Realitätsdruck nimmt zu was diese Partei umpolen wird. Das sind keine Piraten die man erst hochschreibt um Sie dann mit dem Genderwahn der smartphonevernetzten Femoguerilla plattmachen zu lassen.

    Die Regierung (die FDJ Mutti als Vorturnenrin zählt da soviel wie Sie Substanz hat, also null) kommuniziert ganz klar was Sache ist. Ansiedlung der „Geschenke“ aus dem Maghreb da zu wenig Nachwuchs erzeugt wird um die Zinsezinsmaschine aufrecht zu erhalten. Anschließend „Familiennachzug“ was nichts weiter bedeutet als dass die Töchter von da unten auch noch kommen sollen (was ich für eine Schnapsidee halte da bei der Vielweiberei der Moslems das nur den Heiratsmarkt da unten entspannt). Sie alle sollen in die Sozialhilfe um aus der nächsten Generation den benötigten Nachwuchs zu erzeugen. Zahlen sollen das die „schon länger hier leben“. Wohlgemerkt neben den Diäten und Pensionen von nun bald 700 Typen im Parlament die für mich, bedingt durch die Systempresse, eine Negativauslese darstellen.

    Da sind nicht alle mit einverstanden da Sie erst „die Lasten die wir unseren Bürgern aufbürden“ tragen sollen und ihre Rente trotzdem den Bach runtergeht. Dann gibt es noch ein wenig Patriotismus (der sich in Deutschland im Fahneschwenken zur WM/EM erschöpft) und fertig ist die Partei. Die wird natürlich von denen welche die ganze Choose zu verantworten haben bekämpft. Es geht schlicht um deren eigene Existenz.

    Das beneiden der bodenständigen ist imho altersbedingter „human frame“. Das gibt sich wenn man sich die geistige Enge in der solche Menschen leben ansieht. Das kann man nur wenn man das andere nicht kennt.

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