Nowhere to go

Wir leben in verrückten Zeiten. Aber eigentlich, wahrscheinlich waren alle Zeiten immer verrückt, nur eben auf ihre eigene Weise.

Sharifa hat angerufen. Zuerst, ich habe sie gar nicht mehr erkannt, so lange ist es her dass wir hatten Kontakt. Sie war die älteste in unserer girls clique an der internationalen Schule in Jordanien. Eine stolze Ägypterin, umwerfend schön, umwerfend klug, reiche Eltern. One hundred percent upper class. Für sie war Ägypten immer etwas Besseres als die anderen arabischen Länder, she resented being out of the country. Immer war sie ein wenig unnahbar, aber dennoch, unsere clique war unzertrennlich. Lange her.

Sharifa braucht meine Hilfe, sagt sie. Sie kommt schon zwei Tage später zu Besuch. Sharifa hat Ägypten nach der „Tahrir-Revolution“ verlassen. Die Muslimbrüder-Regierung wollte sie und ihren Mann einsperren, ein Macho-Mob hätte sie auf der Straße beinahe vergewaltigt. Irgendwie beschaffte sich ihr Mann einen zypriotischen Pass, also einen EU-Pass, und sie gingen nach London.

Und jetzt, der Brexit droht. After being verbally abused by fanatic white nationalists in a supermarket, they look for the next country. Time to leave before they kick us out. Sie ist ein heimatloser Flüchtling geworden, sagt sie. Natürlich, sie ist nicht arm, viele andere hätten gerne diese materielle Sicherheit. Aber seit sie Ägypten heimlich verlassen musste, sie hat sich sehr verändert, sagt sie. London wurde nicht ihre Heimat, sie ist fremd geblieben. Aber nie dachte sie, bald auch dort wieder gehen zu müssen. Brexit hat alles geändert. They will have to leave, die Firma wird Jobs in the UK abbauen. Zypern, auch keine wirkliche Option. Sie denken jetzt nach, maybe Berlin? – Isabel, tell me, how is Berlin, why did you choose to go there? Is it a good place? Do you speak their weird language?

Sharifa, die Erhabene. Das bedeutet ihr Name. Sie war nicht sehr erhaben,  den Tränen nahe, als wir uns nach so langer Zeit wieder trafen. Alle ihre Lebensentwürfe in die Brüche gegangen. Ihr einziger Sohn, bei einem Verkehrsunfall gestorben. Die Heimat, verloren. Viele langjährige Freundschaften, von Misstrauen zerfressen. Und jetzt, wieder entwurzelt.

Was ist aus uns geworden, sagt sie. Ihr stolzes Ägypten, es ist eine Katastrophe. Schauen wir uns an, was uns geworden ist, aus vielen anderen Ländern. Nach dem Weltkrieg, nach dem Kolonialismus, wir hatten alle Möglichkeiten. Ägypten, Syrien, Indien, Indonesien, Kenya, Algerien. Nasser, Gandhi, Kenyatta, Sukarno. Stolze Patrioten. Ihr geliebter Vater, ein loyaler Diener Nassers, er war blind für die Fehler des Herrschers. Alle waren so. Sie hat endlos mit ihrem Vater gestritten. Mädchen, du verstehst das nicht, das sagte er immer, mit aller Liebe des Vaters für sein einziges Kind.

Sharifa fühlt tiefe Traurigkeit. Wir hatten alle Möglichkeiten. Wir haben nichts daraus gemacht. Wir haben die Demokratie vergessen, wir haben die Armen vergessen, wir haben die Ehrlichkeit vergessen. Wir haben nur an uns gedacht, das Volk begann uns zu hassen, und bald die Rattenfänger hatten leichtes Spiel. Als Sadat uns an die Amerikaner verkauft hat, wir waren schockiert. Als sie ihn erschossen haben, wir waren schockiert. Bald danach waren wir über nichts mehr schockiert, bald waren wir alle korrumpiert, politisch korrumpiert, materiell korrumpiert, spirituell korrumpiert. Deshalb blieb Mubarak so lange. Überall war es so. Schau dir Kenya an, schau dir Indien an, schau dir die Länder Arabiens an. Diktatoren und Korrupte überall. Haben wir noch Intellektuelle, die ihrem Land und ihrem Volk dienen wollen? Nein, vorbei. In den 50er, 60er Jahren, es gab sie überall in Kairo, in Damaskus, in Bagdad, in Delhi, in Jakarta, in Beirut. Sie waren unsere Hoffnung. Wenn sie Glück hatten, sie wurden ignoriert, wenn sie Pech hatten, verhaftet.

Sharifa fühlt sich jetzt überall fremd. Ihr geliebtes Kairo, unerträglich geworden. Europa, eine fremde kalte Welt. Noch vor wenigen Jahren, die natürliche Wahl wäre Istanbul gewesen. It is all going down the drain. Der Islamismus, der Hass zerstört unsere Kultur, unsere Seele. Wir haben ein halbes Jahrhundert verloren, und wir werden noch ein weiteres verlieren. How beautiful it could all have been, Cairo, Damascus, the Middle East, and what have we done. Unsere jahrtausendealte Kultur, wir könnten Weltmetropolen sein. We blame evil foreigners, yet they only exploit our own mistakes. Who can change all that?

So, Sharifa and her husband think of Berlin. I will welcome them, yet for how long? Again, the bugs are getting me, I’m feeling I need another place. Die Nomadin in mir erwacht wieder. Aber wohin? I don’t know. Maybe I’m getting old and should finally settle. Unlike Sharifa, I have the luxury to make up my mind just as I want. Thank you for reading this chaotic text, but that is how I feel today.

Kindred spirits

 

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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9 Antworten zu Nowhere to go

  1. keloph schreibt:

    Ein guter Text finde ich.

  2. Gerhard Mersmann schreibt:

    Hat dies auf form7 rebloggt und kommentierte:
    Eine Reise ohne Kompass?!

  3. westendstorie schreibt:

    Ein “ gefällt mir“ für das Wahrnehmen. Gefallen tut mir das so gar nicht. Es macht traurig und bedrückend…❤

  4. Nil schreibt:

    Einmal entwurzelt… :-/
    Nein, ich brauche wahrscheinlich kein Bild dazu zu malen…

  5. provinzei schreibt:

    Also, Wir haben hier also ein Mitglied der ehemals herrschenden Klasse in Ägypten, der Vater beste Verbindungen nach oben und Geld wie Heu.
    Und jetzt ist die schöne Welt zerbrochen.
    Und ich soll jetzt Mitleid haben ?? Sorry, nicht mit mir !
    Genau diese Leute haben es selbst verkackt, haben Jahrzehntelang mittels der herrschenden Verhältnisse gelebt wie die Made im Speck, Kohle angehäuft und sich ansonsten am Arsch lecken lassen. Und jetzt Krokodilstränen.
    Nee Nee, ich hasse genau diese Typen, weil Sie den Boden bereitet haben für die jetzt stattfindenden Umwälzungen.
    Und das wird alles noch viel schlimmer. Believe me. Nix mehr tolles Leben in Beirut oder Damaskus, die Prolls haben das Ruder übernommen, die Arschlöcher, die Ausgekotzten die nie eine Chance hatten. Kann man es ihnen verdenken ?

  6. Provinzei schreibt:

    Aber seine Supporter.

    • sunflower22a schreibt:

      nein, die auch nicht. Die Anhänger der vorhergehenden Muslimbrüder-Regierung, das stimmt zu weiten Teilen. Das waren die Ausgegrenzten des Mubarak-Regimes. Da hast du recht. Aber nicht die Anhänger von Sisi. Das ist die alte Elite, back in power.

  7. Provinzei schreibt:

    Na siehst Du, Du sagst es selber.
    Die alten Eliten. Und jetzt ? War der Vater der hier beschriebenen Frau etwa im Wiederstand ?
    Das sich das Töchterchen jetzt in Berlin schützen muß ?
    Ha Ha, nach 45 waren verdammt viele Leute im Widerstand, selbst der Herr Marinerichter Filbinger. Kotz….
    Also dann viel Spaß in Berlin, im Winter, wenn der Ostwind bläst und die Bude nicht warm wird weil man nicht die Kohle….ach ja, dieses Problem haben Wir ja nicht.
    Nein, noch so ein blasiertes Huhn, das angepisst mit Nase oben durch die Straßen stakst und alles so mies findet.
    Berlin…so Provinziell, und die Leute, the people..

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