Konservativ

Bin ich konservativ? Absurde Frage, dachte ich bis vor kurzem. Konservative, das sind Leute, mit denen du nichts zu tun hast. Sie sind sexuell verklemmt und wollen dich unterdrücken. Sie übertreiben es mit ihrem Religions-Aberglauben. Sie sind für Ungleichheit, für die Reichen und gegen die Armen. Sie sind Nationalisten und haben Ressentiments gegen Ausländer. Und so weiter.

Wahrscheinlich stimmt das alles nur teilweise, aber das sind die Vorurteile die andere über Konservative haben, zum Beispiel ich. Viele von ihnen sind durchaus nett, und außerdem: unangenehme Menschen gibt es auch unter Nicht-Konservativen.

Aber ich? Ich konservativ? No way.

Wirklich? Vielleicht nur eine Definitionsfrage.

Wenn du mit Hardcore-Neoliberals redest, du merkst, du bist konservativ, sie sind revolutionär. Sie wollen alles ändern, du nicht. Sie wollen alles deregulieren für die Konzerne, du nicht. Sie wollen noch mehr free trade, du nicht. Sie wollen den letzten Rest Sozialstaat abschaffen, du nicht. Sie fühlen sich als Avantgarde, du bist zurückgeblieben und konservativ. Sie sagen dir das ins Gesicht.

Shocking. But maybe it’s true.

Es sind nicht nur die Hardcore Neoliberals, die dir das sagen. Es ist auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Du denkst, sie ist das Zentralorgan der Konservativen in Deutschland? Nein. Not anymore. This paper now despises Conservativism.

Lies diesen Kommentar, und du weißt warum.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in der Wirtschaft ein ausgeprägter Hang zur Nostalgie zu besichtigen ist.

Sie jammern über die Renaissance von Plattenspielern, 1950s Mode, analoge Kameras. Furchtbar, wie rückständig.

Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, wenn, ja wenn die allgemeine Rückwärtsgewandtheit nicht auch in einem immer stärkeren Maß die Wirtschaftspolitik erfassen würde. Ob „Make America great again“ oder „Take back control“: die siegreichen Wahlslogans des vergangenen Jahres eint, dass sie den Wählern die Rückkehr in die guten alten Zeiten versprechen – oder das, was man gemeinhin dafür hält.

So reden Revolutionäre,  nicht Konservative. Konservativ heißt „Bewahren“. Konservative wissen auch, dass die guten alten Zeiten nicht nur gut waren. Abe sie wollen das Gute bewahren – oder das, was sie für gut halten. Auch Konservative sind offen für Neues, vielleicht nicht für alles Neue. Aber niemand, der sich für konservativ hält, sagt, es muss alles anders werden, alles Neue ist gut, alles Alte ist „rückwärtsgewandt“.

Wie kommt es, dass sich offenbar große Teile der Bevölkerung nichts sehnlicher wünschen als ein „Zurück in die Zukunft“? Wie kann es sein, dass der Wohlstand in Deutschland so groß ist wie nie zuvor, die Menschen das Leben vor zwanzig Jahren aber als ein besseres in Erinnerung haben? Mit Fakten hat das wenig zu tun, mit Gefühlen dafür umso mehr.

Ja, das ist es. Die FAZ, die Neoliberalen beanspruchen die Fakten, die anderen haben nur Gefühle. What a nonsense. Das ist fake news, das ist alternative facts made by FAZ. Es ist genau anders herum: Ihr habt das Gefühl für die Realität außerhalb eurer ideologischen Parallelwelt verloren. Eigentlich wisst ihr das selbst:

Es ist vor allem diese allgemeine Grundstimmung, dass Veränderungen immer schneller vonstattengehen. Eben noch war das Smartphone eine Revolution, schon machen sich in den Fabriken Roboter und auf den Straßen selbstfahrende Autos breit. In den Konzernen ist Restrukturierung kein singuläres Ereignis mehr, das man in Krisenzeiten wohl oder übel über sich ergehen lassen muss. Aus dem „Change-Prozess“ ist vielmehr ein Dauerzustand geworden, bei dem selbst die damit betrauten Berater manchmal nicht mehr so recht wissen, welche Mitarbeiter sie da eigentlich gerade wohin verpflanzen – geschweige denn, warum.

Millions of people are fed up, are sick and tired of subordinating all their lives to the dictates of shareholder value, to make a few rich richer by the day. This is conservative, yes, because it used to be different. And it is revolutionary, too, because it is the same situation as more than a hundred years ago when the greed of the rich became so powerful that people had to resist in order to survive. Conservative, liberal, progressive – I don’t know any longer what all that means. I am conservative when I oppose neoliberalism, I oppose Conservatives when they try to impose their morals and religions on me. I am liberal because I love diversity and multiculturalism, yet I despise liberals when their liberalism becomes a Clintonite arrogance for the poor. I am progressive in my permissive lifestyle, yet when neoliberals pose as the progressives turning everything upside down, I am on the other side. Confusing times.

I really disagree when some people say my outfit has become more conservative

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu Konservativ

  1. Bill schreibt:

    Liebe Sonnenblume 😉
    Sie werden älter und damit konservativer, oder erfahrener, wer weiß….
    Wobei ich hier von mir auf Andere schließe, soll man ja nicht tun, tu ich trotzdem.
    In jedem Fall mal wieder danke für Ihre Einträge!
    Besonders seit der Kiezneurotiker nicht mehr da ist!

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