Fremde Federn: Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Komische Überschrift: warum soll viel Sex traurig machen? Ich würde eher sagen, wenig Sex könnte traurig machen. Journelle schreibt in ihrem Blog mit der Überschrift „Ficken, Fressen, Feminismus“  wie sie das Buch „Ich zähl bis 100“ gelesen hat. Lotta will 100 Sexualpartner haben.

Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte: Kann diese verkackte Pathologisierung vor allem von aggressiver weiblicher Sexualität mal aufhören?!

Kommt mir bekannt vor. Auch wenn du dir nicht vornimmst, mit 100 Leuten Sex zu haben, sehr schnell du landest in der Kategorie „Schlampe“. Shame on you.

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Journelle rechnet mit diesen Klischees, mit diesem antiquierten Moralmüll ab – lesenswert.

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Loving both of you – or maybe not

In dieselbe Kerbe haut auch Carrie Jenkins. How a hackneyed romantic ideal is used to stigmatise polyamory ist ein sehr guter Text, der die Verlogenheit des gesellschaftlichen und moralischen Ideals der „romantischen Liebe“ kritisiert.

There’s no longer anything unusual about wanting an open relationship. Many who consider themselves progressive about sex, gender, love and relationships know this. It’s just that almost nobody in an open relationship wants to be open about it. What’s surprising is that so many people feel the need for secrecy.

Sie hat recht: Nur eine monogame Beziehung ist akzeptiert – alles andere ist vielleicht casual sex, auch schon irgendwie anrüchig, aber mehr als eine Beziehung, das geht nicht. Sagt die Moral, 2017.

I’ve been out as polyamorous for years. Because of this, non-monogamous people who aren’t out often feel able to talk to me about their own situations. When I go to conferences, I can’t help noticing all the philosophers who are in closeted non-monogamous relationships. This discrepancy between reality and socially acknowledged reality can be disorienting; the ‘official’ number of non-monogamous people in the room is almost always one (me).

Auch das kommt mir bekannt vor. I never ever lied about my inability to enter exclusive relationships. The price can be very high.

Women who enter voluntarily into non-monogamous relationships are a direct challenge to the idea that women are ‘naturally’ monogamous. They are socially penalised to maintain the status quo. A non-monogamous woman will be portrayed as debased and disgusting – a ‘slut’. When I have discussed my open relationships online, I have been called a ‘cum-dumpster’, a ‘degenerate herpes-infested whore’, and many other colourful names.

Es ist wirklich verlogen. Carrie hat bestimmt recht, wenn sie sagt:

Perhaps you feel that way right now: perhaps you’re thinking you don’t know any non-monogamous people. But I wouldn’t be too sure. Until quite recently, an awful lot of people thought that all their friends and relatives were straight.

Absolutely.

Lest beide Texte, I warmly recommend them.

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Anything wrong with that?

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Fremde Federn: Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

  1. DoktorHut schreibt:

    Ich frage mich gerade, wieso eine monogame Beziehung „monoGAMOUS“ bezeichnet wird, aber der Sex mit verschiedenen Partnern „polyAMOROUS“?

    Erstmal stimme ich zu, dass das Abwerten von offenen Beziehungen oder des „casual sex“ sowas von anno 1743 ist, aber in diesen Zitaten wird ein Unterschied zwischen Sex (Monogamous) und Liebe (Amorous) gezogen, um damit evtl. unterschwellig eine Bewertung aufzuzwingen.

    Also worauf ich hinaus will ist Folgendes: müsste es nicht entweder „monogamous“ und „polygamous“ oder „monoamorous“ und „polyamorous“ heißen?

    Ich bin hier für Leben und Leben lassen. Die Monos sollten nicht die Polys abwerten und umgekehrt. Jeder wie er will. Aber ich empfinde hier die „Monos“ als abgewertet dargestellt. Bzw. in den zitierten Passagen.

    Aber vielleicht bin ich hier auch zu sensibel.

    • sunflower22a schreibt:

      wenn du das so empfindest, sorry. war nicht meine intention. Absolutely not!!

      • DoktorHut schreibt:

        Ja, es geht ja auch um die zitierten Sachen, heißt für mich nicht automatisch, dass das deine Meinung zu 100 % deckt. Ich fühle mich nicht angegriffen oder beurteilt, kein böses Blut oder sowas.

        Mir gings mehr darum zu evaluieren, wie richtig oder falsch ich mit meiner Einschätzung liege. Von Seite der „Polys“ gibt es keine direkte Abwertung, aber gibt es evtl. eine Aufwertung der eigenen „Seite“, um sich so einen moral high ground zu sichern?

        Persönlich ist mir das egal, wer was macht. Hatte beides schon. Würde quasi zwischen den Fronten stehen, bzw. eher bei den „Polys“.

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