Fremde Federn: Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

Anna Torus macht einen Philosophieblog. Ja, das gibt es. Philosophie, du stellst dir schwere, dicke Bücher vor, die niemand lesen kann, weil sie voller unverständlicher Sätze sind. Ausgenommen wenn du das studiert hast und deswegen diese  Texte lesen und verstehen kannst. Aber wozu?

Heute muss man das wahrscheinlich in Kurztexten in Blogs veröffentlichen, damit es die Welt versteht. Damit Menschen wie ich es verstehen.

Der allgemeine Tenor unserer westlichen Geistesgeschichte: die Sinnlichkeit als Widersacher der Vernunft, des Fortschritts, der wahren Menschlichkeit. Das Gefühl als innerer Störenfried des Geistes, das sich immer wieder der Vernunft-Kontrolle entzieht, die sorgfältig anerzogene apatheia des Weisen infragestellt, seine Vollkommenheit gefährdet. Wo die Sinnlichkeit herrscht, hat der Geist verloren, da bricht Chaos aus, Barbarei, rohe Gewalt ohnegleichen – das Raubtier im Menschen, sein eigentlicher, innerster Kern, bricht aus, wütet zügellos, maßlos, frisst, säuft und kopuliert bis zur Besinnungslosigkeit, völligen Schamlosigkeit, roh, grob, ranzig, ohne Kultur – wo die Vernunft ihm nicht maßregelnd Einhalt gebietet.

Only Germans can write something like that. Maybe ancient Greeks, too. Kann man das in andere Sprachen übersetzen? No idea. Macht nichts. Ich verstehe es dennoch, ich stimme zu – wenn auch, ich würde es anders schreiben. Sinnlicher ,-)

Die Herrschaftsstruktur unseres Geistes spiegelt die Herrschaftsstruktur unserer Gesellschaft wider. Die Einheit im Inneren wie im Äußeren wird hauptsächlich durch Zwang erhalten – mag dieser sich auch gelegentlich als Freiheit verkleiden. Warum ist das so? Warum müssen wir etwas in uns kontrollieren, um zu leben? Müssen wir das? Können wir das? Was ist dieses andere in uns, von dem wir uns so entfernt haben, wenn wir, rational, Ich sagen? Weshalb ist Irrationalität eine Gefahr für die Stabilität unseres Ich, für die Stabilität unserer Gesellschaft?

Es stimmt, Sinnlichkeit, Emotionalität, Irrationalität wird überall unterdrückt –und dennoch, alle Herrschaft beruht auf Emotionalität und Irrationalität. Menschen verhalten sich viel mehr gesteuert von Gefühlen und Emotionen als von Rationalität, selbst die Chefs und Herrscher.

Wir können unser Gefühl nicht künstlich von unserer Rationalität abkoppeln. Es ist immer da, bloß verdrängt und verschleiert, es lässt sich aber nie vertreiben. Nichts behindert die Erkenntnis mehr, als zu meinen, sie könnte losgelöst von Gefühl und Subjektivität stattfinden. Erst wenn wir unser Gefühl bewusst zulassen und seinen Charakter begreifen, können wir auch letztlich von ihm Abstand nehmen. Andernfalls fehlt uns eine tiefgreifende Erfahrung als Basis der Erkenntnis, nämlich die Erfahrung unseres Selbst.

Ich habe keine Ahnung von Philosophie. Unter Philosophen stelle ich mir alte Männer mit Vollbart vor, oder so ähnlich. Durch und durch intellektuell, weit weg vom alltäglichen Leben. Eine sehr männliche Disziplin.

Mehr Gefühl – wie schnell wird diese Forderung als sentimental verlacht, als schwächlich und „weibisch“ (typisch weiblich!) abgetan, mindestens aber als realitätsfern proklamiert. Meistens vom Zyniker, vom Verbitterten, vom Pessimisten, der, schwer enttäuscht und verletzt von einer kalten Gesellschaft, vermeint, sich dieser anpassen zu müssen, indem er sich selbst alle Gefühle, alles aufrichtige Mitgefühl mit sich selbst (nicht etwa bodenloses Selbstmitleid) verbietet und verneint. Der lange stumpf geworden ist, um nicht leiden zu müssen, um das Leid der Welt nicht mitfühlen, nicht mittragen zu müssen. Dessen Sinnlichkeit dumpf geworden ist und dem nur noch der Exzess, das ausschweifende Extrem der Sinne ein Lebensgefühl verschafft.

Ich kann nur zustimmen. Anna Torus endet mit der brillanten Conclusion:

Wir haben einen Sinn für das Gute, wir haben einen Sinn für die Wirklichkeit, wir haben einen Sinn für das Schöne. Wo wir die Zügel der Rationalität nicht für einen Moment abgeben, wo wir sie nicht locker lassen können, wird davon jedoch nichts zu uns vordringen.

Meine Devise ist: Beauty is the essence of life. Ich schreibe es anders, aber ich meine dasselbe. Ich empfehle  euch den Blog von Anna Torus, es ist ein Gewinn zu lesen.

d0114

Reading a philosophy book, a sensual experience

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Fremde Federn: Apologie der Irrationalität II: Gefühl und Sinnlichkeit

  1. Anna Torus schreibt:

    Vielen Dank für die Empfehlung. 🙂

  2. Pingback: Mehr Gefühl – wie … – ragbag

  3. Siewurdengelesen schreibt:

    Gerade hat jemand ein neues Lesezeichen gesetzt;-)

  4. HairyComment schreibt:

    hm, ich habe emotion und vernunft nie als gegenpole angesehen, eher die emotion als antrieb der vernunft – vernunft alleine erkennt die abwesenheit eines tieferen sinns, kann also auch genausogut sich selbst beenden…

  5. kalypso schreibt:

    vernunft ist sich eben nicht von seinen emotionen überwältigen lassen.
    siehe die stoiker – die seele ist eigentlich das sinnliche 🙂

    verstand ist das denken, sich reflektieren und sich selbst erkennen

    zuviel an leidenschaft und begehren und illusionen kann nämlich auch nach hinten losgegehen…..
    sie anna karenina (suizid) – camille claudel (klapse) – frida kahlo (krankheit) – edith piaf (gebrochene frau nach dem tod des geliebten)

    wie immer hier auch: der goldene mittelweg

    wie sagt buddah: anhaften (gier) schaftt leid!

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