Coming Out

Wir leben in einem neo-victorianischen Zeitalter, prüde wie schon lange nicht mehr. Sexarbeiterinnen spüren das besonders hart, in den meisten Ländern werden die Gesetze wieder restriktiver, das gesellschaftliche Klima aggressiver, auch in Germany. Aber es gibt auch Gegentendenzen.

Vor ungefähr zehn Jahren erschienen eine Reihe autobiographischer Bücher von Studentinnen, die ihr Studium durch Sexarbeit finanziert haben. Alexandra Adens Roman „Und nach der Vorlesung ins Bordell“ und Sonia Rossis „Fucking Berlin“ waren vermutlich die bekanntesten. Natürlich gab es ein sehr unterschiedliches Echo, aber immerhin verkauften sich die Bücher gut und sorgten für einige Medienresonanz. Vor allem: sie zeigten, Sexarbeiterinnen sind ganz normale Menschen, die Geld verdienen müssen um zu leben. Sie sind keine Menschenhandelsopfer und nicht irgendwie verrückt, sondern leben unter uns wie alle anderen auch.

Schön, dass das Publikum sich dafür interessiert. Vielleicht aus voyeuristischen Motiven, egal. Sie haben bestimmt etwas gelernt. Aber so ganz normal ist es eben doch nicht, denn die Autorinnen schreiben unter einem anderen Namen, ihre wirkliche Identität behalten sie für sich, so tolerant und aufgeklärt ist die Gesellschaft leider doch nicht.

Schön, dass „Fucking Berlin“ jetzt verfilmt wurde. Ab sofort in guten Kinos zu sehen. Svenja Jung spielt Sonia Rossi wirklich gut, sie hatten sich dafür sogar kennengelernt:

Wir haben „Fucking Berlin“ über ein Jahr gedreht, da hatte ich viel Zeit, Sonia näherzukommen. Sie ist eine Freundin von mir geworden und ich habe gelernt, sie zu verstehen. Für Sonia ist die Prostitution ein Teil ihrer Selbstfindung. Sie kommt alleine nach Berlin, ist mit der Stadt überfordert und verliert sich. Den ganzen Film über sucht sie nach ihrem Beat, auf der einen Seite bei Männern wie Ladja und Milan und auf der anderen Seite in der Oase. Dort scheint sie schließlich anzukommen, eine Familie in den Frauen gefunden zu haben und fühlt sich zum ersten Mal zuhause.

Schön, dass Sonia ihr Coming Out gut übersteht und sogar zu einem kommerziellen Erfolg machen konnte. Und sie bereut nichts, noch besser:

„Wenn ich in 30 Jahren pleite dastehe, dann werde ich es sicher wieder tun. Denn man ist ja nie zu alt dafür. Es gibt ja Frauen, die auch noch mit 60 anschaffen gehen.“

Ja, Sonia, ich bewundere dich für deinen Mut. Wäre der Job normal, würdest du nicht Sonia Rossi heißen. Nevermind. Schön, dass die Gesellschaft hier nicht so reaktionär geworden ist, so dass dein Buch verfilmt wird und gut ankommt. Darüber freue ich mich. In den meisten anderen Ländern wäre das nicht möglich, schon gar nicht in den Moraldiktaturen  Skandinaviens.

Aber nicht allen geht es so wie dir. Ehrlich gesagt, den meisten geht es ganz anders. Die meisten Sexarbeiterinnen finden bei einem coming-out nicht die gesellschaftliche Resonanz, die sie sich wünschen. Viele haben diesen Mut nicht. Mit gutem Grund. Für viele wäre ihre Karriere zu Ende, viele Freundschaften beendet. Menschen, die zwar Fucking Berlin lesen und manches verstehen, aber nur abstrakt, konkret als Freundin oder Bekannte will man so eine doch nicht haben.

Das ist die bittere Realität für die meisten, das sollten wir nicht vergessen. Kaytlin Bailey zum Beispiel, die in dem Blog „The Honest Courtesan“ ihre Erfahrungen schildert.  Als sie ihrem Freund erzählt, dass sie lange vor ihrer Beziehung Sexarbeiterin war, hätte er sie beinahe umgebracht. Sie habe ihn betrogen, sie habe ihn entehrt, so heult dieser Narziss herum und wird gewalttätig. Nie wieder wird sie mit einem Mann ins Bett gehen, der ihre Vorgeschichte nicht kennt:

I know there are consequences to telling my story.  I’m afraid that stupid people on the internet are right.  I’m afraid that when the sum total of my life is calculated I will have taken more than I have given.  I’m afraid of giving birth to children that hate me.  I’m afraid to tell my parents; what if I tell my Dad and it drives him to suicide?  What if I give my mom the ammunition she’s always wanted to prove I’m not just difficult, but crazy?  I’m afraid that I will find myself old, living in poverty, and neglecting myself and my dependent (a smelly dog who, justifiably, resents me).  But at the same time, I’ve always suspected that people without a complicated history aren’t taking full advantage of life’s exhilarating opportunities.  Sometimes I think I’m wired weird; maybe I’m crazy, or a “bad investment.”  Maybe I’ve put myself in a percentile of people who are undatable…unloveable?  But that’s what New York City is for; it’s where all the unmarriageable go to mate with each other.

Prostitution und Pornographie sind gesellschaftlich nicht akzeptiert, das ist seit Jahrhunderten so. Im Mittelalter war Europa in dieser Hinsicht viel toleranter und liberaler als heute. Aber der Markt spricht eine andere Sprache. Die Nachfrage nach erotischen Dienstleistungen steigt, vor allem – aber nicht nur – in den Ländern mit besonders repressiver Moral. Niemand fragt im Internet soviel Pornos nach wie islamische Länder, das zeigen alle Suchmaschinen. No surprise. Nicht nur Männer haben dieses Bedürfnis, auch immer mehr Frauen treten als Kunden auf, und entwickeln eigene Bedürfnisse für andere Pornos, andere erotische Dienstleistungen. Was ist daran schlimm? Warum kann die Gesellschaft nicht endlich ihre eigenen Bedürfnisse akzeptieren und diejenigen, die diese riesige Nachfrage befriedigen, endlich anständig behandeln, und ihre Kunden übrigens auch. Wir wären ehrlicher und glücklicher damit.

e0002

You will never know who I am

 

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen) abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s