Negativzinsen

Die Weltwirtschaft wächst nicht mehr. Überall Wachstumsschwäche, selbst in China. Eigentlich ist das nicht so schlimm. Viel schlimmer sind inzwischen die verzweifelten Versuche von Zentralbankern und Politikern, irgendwie wieder Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Sie haben alles mögliche schon ausprobiert.

Die Steuern für die Reichen und für die Unternehmen immer wieder senken und Steuerschlupflöcher in Panama, Luxemburg, Cayman Islands etc eröffnen. Ergebnis: die Reichen wurden reicher, die Staaten wurden ärmer, die Ungleichheit nahm dramatisch zu. Keine Überraschung.

Economic stimulus programs wurden gestartet, Konjunkturprogramme. Du bekommst eine Prämie wenn du ein neues Auto kaufst, etc. Ergebnis: ein kurzfristiger Einmaleffekt, und drastisch höhere Staatsschulden. So war es zu erwarten.

Weil ihnen nichts anderes mehr einfällt, probieren sie jetzt ganz neue Dinge aus. Negativzinsen. Das erinnert immer mehr an Voodoo economics, und rational erklären kann man diesen Aberglauben nicht mehr. Die Niedrig- und Negativzinsen sollten eigentlich die Verbraucher dazu bringen, mehr Geld auszugeben, und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Aber in Wirklichkeit machen sie das Gegenteil. Sie sind alarmiert, dass ihre Ersparnisse entwertet werden, und fangen an MEHR zu sparen und den Konsum zurückzufahren. Denn sie wissen: Auf den Sozialstaat können sie sich nicht verlassen, sie müssen selbst für sich sorgen. The Wall Street Journal hat berichtet, dass in immer mehr Ländern die realen Sparquoten immer weiter steigen.

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Offensichtlich sind Zentralbanker so gut bezahlt, dass sie sich keinerlei Gedanken über ihre Altersversorgung machen. Wäre dies anders, hätten sie selbst sofort bemerkt, dass Negativzinsen natürlich nicht zu mehr Konsum führen, sondern zu mehr Risikovorsorge auf Kosten des Konsums. Das Gerede über die Abschaffung des Bargelds, das manche naiven Hipster vor allem in Skandinavien so cool finden, trägt bei normalen Menschen zu dieser Alarmstimmung bei. Solange es Bargeld gibt, kann man Negativzinsen nur sehr vorsichtig praktizieren – der Zinssatz für Bargeld ist immer Null und notfalls können die Menschen ihre Ersparnisse wieder unters Kopfkissen legen.

Wenn Ökonomen nur einigermaßen ihre eigene sogenannte „Wissenschaft“ ernst nehmen würden, wüssten sie: den Konsum heizt man mit einer Inflation an. Wenn morgen alles teurer wird, kaufst du besser heute ein. Negativzinsen aber sind Deflation. In einer Deflation wird die Ware morgen billiger, alles kaufst du besser heute NICHT ein. Wie kann ein seriöser Ökonom wirklich glauben, dass eine Deflation genauso wie eine Inflation wirkt, nämlich den Konsum ankurbeln – und nicht das Gegenteil?

Die Negativzinsen sind eine riesengroße Dummheit. Sie werden noch viel Schaden anrichten und die Ersparnisse vieler hart arbeitender Menschen wegfressen. Ich verstehe nicht, warum überall auf der Welt viele Menschen darüber zwar besorgt sind, aber niemand wirklich eingreift. Wahrscheinlich, weil nach 30 Jahren neoliberaler Gehirnwäsche niemand mehr etwas von Finanz- und Wirtschaftspolitik mehr versteht.

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I won’t bring that to the bank, I have a safe place with zero interest.

Über sunflower22a

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8 Antworten zu Negativzinsen

  1. Anonymous schreibt:

    ja, liebe Sunflower, es sieht fast so aus, als hätte der bärtige aus Trier (für die nach 1990 geborenen: Karl Marx) mal wieder Recht: der Kapitalismus zerstört seine eigenen Grundlagen und erstickt an der eigenen Produktivität: Kapitalismus kann nur funktionieren, solange die Wirtschaft wächst – tut sie es nicht, schlägt das „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“ gnadenlos zu (s. Wikipedia – der Artikel erklärt es verkürzt, aber soweit ok – soweit ich das überblicken kann: es ist lange her)
    Die wirklich produzierende Wirtschaft hat mit der praktisch vollständigen Globalisierung ihre Grenze schon vor einer Weile erreicht: das Ausweichen aufs virtuelle – Stichwort „Finanzindustrie“ – stößt nun seinerseits an seine Grenzen und fabriziert nur noch Blasen (die bedauerlicherweise auf die reale Ökonomie zurückschlagen und echten Menschen schaden, obwohl die dafür nicht das geringste können – siehe Griechenland), was dazu führt, daß die Akkumulation von Kapital inzwischen rapide auf eine Singularität zusteuert, nämlich der Konzentration selbigen (man könnte auch „Volksvermögen“ sagen, aber das klingt so … bräunlich) auf immer weniger reale Personen. Hier schafft sich der Kapitalismus praktisch selbst ab. Das ist aber keine gute Nachricht für den Rest der Weltbevölkerung: für diesen „Rest“ bedeutet das, daß von den gegebenen Ressourcen des Planeten immer weniger für immer mehr reichen muß (und die Menschheit verbraucht schon jetzt jährlich das 1,4 – fache dessen, was dieser Planet pro Jahr zur Verfügung stellen kann).
    Die aktuell vorherrschende Religion von der „Volkswirtschaftslehre“ mit ihrem Gott, dem „Markt“ (und zwar der Sorte von Markt, die schon im Neolithikum marginal gewesen sein muß: „gibst du mir Faustkeil, geb ich dir Beeren“) macht es nicht besser …
    Um es abzukürzen: Wenn nicht ein Wunder passiert, gehen wir echt beschissenen Zeiten entgegen (wie gut, daß ich keine Kinder hab)…

  2. Bill schreibt:

    das Problem ist, dass die gewaltigen Geldfluten, die die Zentralbanken in die „Märkte“ drücken momentan nur die „Assets“ aufblähen weil sie nie in der Realwirtschaft ankommen. Also wird mehr und immer mehr nachgepumpt.
    Aber sobald die Geldtsunamis ernsthaft in die Realwirtschaft strömen und die Preise (bei den Mieten schon eine ganze Weile der Fall) und in der Folge die Löhne steigen, wird die ganze Blase platzen und die Inflation erreicht Werte wie Ende der Siebziger
    Das endet dann entweder damit, dass die Zentralbanken panikartig die Zinsen anheben um die Inflation in den Griff zu bekommen, dann gehen die Länder und Unternehmen in die Knie und für die gibt es keinen „Lender of Last Resort“ mehr denn das waren schon die Zentralbanken.
    Oder es gibt Währungsreformen bei denen Schulden aber auch Guthaben annihiliert werden. Das ist das Szenario welches in D die Nazis an die Macht gebracht hat.
    So be merry and drink!
    There’s an alternative!
    You may freely choose between the devil and the deep blue sea…
    Take Care!

    Music: High Hopes (Pink Floyd)

  3. Holger schreibt:

    habe hier einen schönen Artikel via zerohedge gefunden, der ganz gut zum Thema passt, weil er hinterfragt, wer eigentlich die Werte schafft.
    http://evonomics.com/why-garbage-men-should-earn-more-than-bankers/

  4. Pjotr Panini schreibt:

    ZIRP (schönes Akronym kann man googlen) und die ganzen anderen Aktionen dienen imho anderen Zwecken. Paninis Wirtschaftstheorie sagt nämlich aus das die ganzen schlauen Ökonomen nur ein Ziel verfolgen. Schlicht die wahren Verhältnisse zu verschleiern. Keynes Hin, Marks her, Mises von oben, Hankel von unten. Letztlich wird der Laden von Transaktionen zusammengehalten. Genau die (und fast nichts anderes) werden dann auch besteuert. Anderes würde die Substanz aufzehren.

    Nun ist es aber so das ein große Zahl an Menschen (und es werden immer mehr) in Welten zwischen den Transaktionen von Herstellung und Verbrauch leben. Menschen die im kapitalistischen System nichts zu suchen hätten. Sie würden dort schlicht nicht gebraucht da Sie nichts zum Profit beitragen. Im Gegenteil, Sie zehren ihn auf. Die von Marx beschriebene sinkende Profitrate ist (neben so banalen Dingen wie Gewinnrückgang durch Staffelpreise und Marktsättigung) eben dem anwachsen dieser Gruppe zuzuschreiben.

    Staat und Gesellschaft versuchen mit allerlei Mitteln für diese Menschen Arbeitsplätze zu „schaffen“. Da ihrem Treiben kein reeller Gegenwert entgegensteht müssen diese Arbeitsplätze letztlich über Kredite finanziert werden. Das wirkt sich nicht sofort da Sie ja auch zu den Transaktionen beitragen. Aber in letzter Konsequenz würden alle Schreiberlinge, GEZ Schmarotzer, Coaches Werbefuzzies und die gesamte Mannschaft aus dem „zweiten Raumschiff“ verhungern, gäbe es diese Schulden nicht.

    Schulden sind also nicht kapitalistisch sondern „demokratisch“. Negativzinsen dienen dazu denLaden am Laufen zu halten weil sich so gut wie kein Land mehr weitere Zinszahlungen leisten kann. Das niemand konsumiert wenn er sein von der Inflation aufgefressen wird wissen die Entscheider auch. Mit solchen Slogans verkaufen Sie nur ihre Maßnahmen und verschleiern Sie zugleich.

    My2cts

    Alles was man sonst noch wissen muss ist hier beshrieben😉.

    http://www.fredoneverything.net/UnderstandingEconomics.shtml

    • Bill schreibt:

      Ja und Nein!
      Hä? Bitte?
      Also erklär ich’s mal. Ich arbeite in einem international tätigen Konzern der unter anderem den Massenmarkt (Körperpflege) bedient.
      Hier ist Werbung (denglish: P&A, Activation) Pflicht. Wer nicht wirbt fällt zurück. Und jedes mehr an Ausgabe lohnt sich. Daher ist die personal- und ausgabenseitig größte Abteilung das Marketing.
      Keiner von denen (darunter eine Menge blitzgescheiter und wirklich netter Leute) schafft einen Mehrwert in Form neuer Produkte, sichererer Produkte usw.
      Das P&A machen aber alle Mitbewerber. Also fiele man sofort in der Verbrauchergunst zurück würbe man nicht. Also werden diese Jobs immer wichtiger und mehr und immer kostenträchtiger, Wettrüsten der werbenden Art. Allesamt aber im Endeffekt mehr oder weniger Bullshit Jobs, Arche-B-Anwärter.
      Die Leute schafffen keine Werte. Aber ohne sie geht die Firma den Bach runter. Und das gilt für unsere Mitbewerber analog. Klassisches Gefangenendilemma.
      Nebeneffekt: Die Finanzen fehlen am Ende bei der Fortentwicklung der Produktivität. Kein Wunder, dass die Produktivität in D und anderswo kaum noch steigt.

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