Turbokühe

Die Milchkrise geht ungebremst weiter. Erklärungen, Konferenzen, Ankündigungen bleiben folgenlos. Tausende Bauernhöfe werden auch dieses Jahr allein in Deutschland schließen. Nobody cares. Deutschland, das Land in dem Lebensmittel billiger sind als woanders – in dem den meisten Verbrauchern wohl buchstäblich scheißegal ist, welche Protein-Kohlehydrat-Kombination sie in sich reinschieben, Hauptsache es kostet fast nichts.

Angeblich ist die Zeit des Geiz ist Geil vorbei. Angeblich. Mag sein, dass heute mehr Leute als früher auf besseres Essen achten und auch akzeptierten, dass besseres Essen mehr kostet als die Ramschpreise, die man in diesem Land für selbstverständlich hält. Mag sein, dass auch mehr Leute als früher akzeptieren, dass zu gutem Essen auch gehört, dass die Erzeuger dieses Essens dafür gut bezahlt werden. Vermutlich stimmt das.

Aber dennoch schauen viele tatenlos zu, wie die deutsche Landwirtschaft im großen Stil heute durch den hemmungslosen „freien Markt“ zerstört wird. Die Deutschen reden in ihren Talkshows lieber über die letzten Fürze irgendwelcher AfD-Provinzpolitiker, lieber über irgendwelche Koalitionsoptionen und so weiter. Die Zerstörung einer von Bauern geprägten Landwirtschaft interessiert niemanden. Vielleicht auch, weil es kein einfaches Gut und Böse gibt.

Natürlich sind die Bauern und ihr unsäglicher Bauern-Verband an der Misere nicht unschuldig. Natürlich produzieren sie zuviel, viel mehr als der Markt abnehmen kann. Sie tun das, weil es jahrzehntelang Rahmenbedingungen gab, die genau das begünstigt haben. Turbokühe wurden gezüchtet, regelrechte Qualzuchten, mit bis zu 12000 Litern Milchleistung im Jahr. Seit 1960 hat sich die Jahresmilchmenge verdoppelt. Der Preis: naturferne Qualzuchten mit viel Tierquälerei, Kraftfutterimporte aus ehemaligen Regenwaldflächen in Südamerika. Kühe, die mit ihrem natürlichen Futter – Gras und Heu – gar nicht mehr überleben könnten, die das Kraftfutter brauchen wie ein Junkie seine Drogen. Ein Viertel des deutschen Kuhbestands wird jedes Jahr geschlachtet, weil sie krank, erschöpft, nicht mehr leistungsfähig sind. Mit der perfiden Konsequenz, dass heute diejenigen kleineren Bauernhöfe, die am wenigsten an dieser Überschussproduktion schuld sind, zuerst am Ende sind.

Wenn sie zu Tausenden schließen, bleibt industrialisierte Landwirtschaft übrig. Genau das, was ihr angeblich nicht haben wollt. Aber ihr werdet es bekommen, weil es euch in Wirklichkeit egal ist. Ihr schaut tatenlos zu, wie eine Mafia aus Agrarindustrie und gekauften Politikern alle Gegenmaßnahmen blockieren. Eine Agrarministerkonferenz geht ergebnislos zuende, weil ein widerlicher Ideologe aus Mainz, der neue FDP-Minister des Mini-Landes Rheinland-Pfalz, alles blockiert, was nach Intervention in den „Markt“ riecht. Das einzige was diesem Typen und dem Bundes-Agrarminister von der CSU einfällt ist: wir brauchen mehr Freihandelsabkommen um mehr Milch zu exportieren. Sie wollen Milch in die USA, nach Iran, nach Japan verschiffen. Völlig verrückt.

Nein, was dringend nötig ist, ist offensichtlich: das Gegenteil von freiem Markt. Regulierung im großen Stil. Hochleistungs-Turbokühe müssen verschwinden, solche Zuchten müssen unterbunden werden. Per Gesetz, wenn es freiwillig nicht geht. Doping-Kraftfutter muss aus dem Futter raus. Per Gesetz, wenn es anders nicht geht. Das Kartellamt muss beim Einzel-Handel und bei den Molkereien in großem Stil die marktbeherrschenden Riesen zerschlagen, Antitrust. Das wäre sogar marktwirtschaftskonform, weil es erst wieder einen Markt schaffen würde. Und so weiter. Das einzige, was bisher in Deutschland passiert, sind einige armselige Kredite für Milchbauern, Laufzeit bis zur Bundestagswahl.

Ja, immer mehr Menschen wehren sich, kaufen anders ein. Keineswegs nur Öko-Snobs aus dem Prenzlauer Berg. Sie wollen dass sie nicht nur gesundes Essen haben, sondern Essen das seinen Preis wert ist. Dass dieses Geld nicht bei irgendwelchen Investoren landet, die in eine Agrarindustrie investieren, die Mensch, Tier und Natur ausbeutet, sondern bei Bauern aus ihrer Region. Aber noch sind es zuwenige. Und wenn sie sich nicht beeilen, sind in wenigen Jahren die Grundlagen für eine solche Lebensmittelproduktion ökonomisch kaputtgemacht worden. Von euren Politikern. Und eurer eigenen Tatenlosigkeit.

AA04

Fair prices for food producers means better food, at least I like to think so

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4 Antworten zu Turbokühe

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Recht hast.

    Ich selbst habe das Glück, daß in meinem Umfeld einige Leute Landwirtschaft als Hobby betreiben. Hier auf dem Land kann man oft auch Sachen direkt beim Erzeuger kaufen. Ich kann wenn ich will die Kühe kennenlernen, die meine Milch geben.

    Ein Problem bei der Sache insgesamt ist denke ich auch die zunehmende Urbanisierung. Viele Leute entfernen sich weit von der Natur und beschäftigen sich auch nicht mit der Thematik.
    Auch die größere Spaltung zwischen arm und reich spielt da mit rein. Millionen Menschen würden sich zwar hochwertigeres Essen wünschen, aber selbst mit dem Billigfraß können sie schon froh sein, wenn sie am Monatsende überhaupt noch etwas zu Essen auf dem Teller haben.

  2. Provinzei schreibt:

    Alles richtig !
    Nun aber mal zu uns.
    Wir sind inzwischen doch auch Turbomenschen, oder ?
    Mittels Computer leisten wir mittlerweile auch das x-Fache, was ein Mensch eigentlich zu Leisten imstande ist.
    Wir optimieren uns ständig selber, Sport, Joga, super Erholungsurlaube, damit wir den Stress überhaupt noch packen.
    Und wer es nicht schafft wird halt notgeschlachtet, sprich entlassen.
    So what ?
    Wir sind selber auch nix besseres als Nutzvieh.
    Denkt mal darüber nach.

  3. waswegmuss schreibt:

    Du hast zwei Sachen zusammengebracht, die so nicht zusammen gehören aber trotzdem richtig sind.
    -Der aktuelle Milchüberschuss ist dem Russland-Krim-‚Embargo gestundet.
    Dort ist ein kompletter Markt weggebrochen und es wird noch schlimmer: Russland baut jetzt
    seine eigene Milchwirtschaft auf. Dort gibt es aktuell echte Probleme mit gefälschten
    Milchprodukten. Dieser Markt wird den EU-Bauern wegbrechen. Das haben sie von ihrem
    Katzbuckeln gegenüber der USA.
    -Turbokühe.
    Die Hochleistungsrassen sind mittlerweile alle bei den großen Playern daheim.
    Die Bauern zahlen Lizenzgebühren, nicht Patentgebühren an Cargill, Shell & BP.

    Andererseits ist gegen die moderne Viehhaltung mit offenen Ställen wenig einzuwenden. Die Anbindehaltung früherer Jahre ist und war Tierquälerei.

  4. vfalle schreibt:

    Ja, der Strom kommt aus der Steckdose und die Lebensmittel aus dem Supermarkt oder vom Discounter.
    Viele Menschen haben längst den Bezug verloren. Deshalb haben sie auch kein Gefühl mehr für faire Erzeugerpreise.
    Wenn, das anders wäre, dann bliebe ihnen auch weniger Geld für Konsumgüter. Deshalb scheint das einigen Kaufleuten auch gut zu passen.

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