Sind Sie pornosüchtig?

Blöde Frage. Geht mich überhaupt nichts an. Who cares.

Es gibt aber sehr viele Leute, die behaupten, die Gesellschaft sei insgesamt pornosüchtig. Schuld daran ist natürlich das Internet. Angeblich besteht bis zu ein Drittel des Internets aus Pornographie, jede vierte Suchanfrage ist pornographisch. Keine Ahnung, ob das stimmt. Hängt wahrscheinlich von der Definition von Pornographie ab. Nach der Definition religiöser Fundamentalisten ist wahrscheinlich eine unverschleierte Frau auch schon pornographisch. Solche Leute fühlen sich oft berufen, den Kampf gegen die Pornographie aufzunehmen.

Da gibt es zum Beispiel Gary Wilson, der zwar weder Wissenschaftler noch sonstwie qualifiziert ist, aber der sehr viel weiß darüber, wie schädlich Pornographie ist. Wilson behauptet, Pornos zerstören die natürliche Sexualität. Mit seiner website Your Brain On Porn verbreitet er „Forschungsergebnisse“, wonach Pornos bei Männern dazu führen, dass sie irgendwann das Interesse an echten Frauen verlieren und erektile Dysfunktionen bekommen. Irgendwann vereinsamen sie und werden unglücklich. Ist das die Erklärung, warum so viele Männer nicht mit Frauen klarkommen? Pornos?

Im Umkehrschluss: lass die Finger von Pornos, und du wirst wieder ein glücklicher Mensch. Wilson scheint eine ziemliche Verbreitung zu finden, ein Video von ihm wurde immerhin 4.6 Millionen mal angesehen. Das klassisch-feministische Argument, Pornos entwürdigen Frauen, findet bei Männern vermutlich nicht so viel Anklang wie Wilsons Behauptung, Pornos seien schlecht für den Mann. Aber die Botschaft ist dieselbe: weg mit Pornographie, Pornographie ist Sünde. 70% der Amerikaner glauben, Pornographie ist schlecht.

F012

Lassen wir die alte Moral beiseite, schauen wir auf die Fakten. Als 1969 Dänemark (damals noch ein liberales, progressives Land) als erstes Land Pornographie legalisierte, gab es viele, die die moralische Katastrophe prophezeieten. Schweden und Westdeutschland folgten. All die Katastrophen fanden nicht statt, Sexualverbrechen gingen (angeblich) sogar zurück. Dieselben Ergebnisse fand man später in anderen Ländern. Tatsächlich, die Länder die Pornographie legalisiert haben, sind diejenigen, in denen es Frauen am besten geht.

In Relation mit den vielen Kontroversen um Pornographie, es gibt leider sehr wenig wirkliches Wissen. Nicole Prause will das ändern:

„Science is so scared of pornography and sexuality, and it’s so discriminated against, that there’s a ton of work that hasn’t been done. Most of the information we currently have is not experimental, the literature is especially bad – it can’t be trusted – because no one is doing experiments, no one is showing cause and effect. That needs to change.”

Sie leitet das  Sexual Psychophysiology and Affective Neuroscience Lab at the University of California in Los Angeles. In der Tat, sie macht auch Experimente. Bei 280 männlichen Versuchspersonen stellte sie fest, dass Pornographie keineswegs die Lust auf „normalen Sex“ verringert, sondern eher im Gegenteil erhöht. (Download hier). Sie fand auch keine Beleg dafür, dass regelmäßiger Pornokonsum abstumpft und zu immer „extremeren“ Formen führt. Reine Behauptungen also.

Ähnliche Studien gab es in den Niederlanden, Hawaii, der Schweiz, nachzulesen in der Fachzeitschrift „Sexual Addiction and Compulsivity“. In der Konsequenz kann man eigentlich feststellen: all die negativen Konnotationen, die die weitverbreiteten Moralwächter der Pornographie zuschreiben, können nur nachgewiesen werden, wenn sie bereits vorhanden waren. Gewalttätige Männer können durch Pornographie (und andere Dinge auch)  in ihren Verhaltensweisen bestärkt werden, aber Pornographie kann sie nicht verursachen.

Ein anderer Effekt ist aber auch wichtig: Pornographie übernimmt immer öfter die Rolle der Sexualaufklärung. Sexualität ist tabu, in weiten Teilen der Welt, in vielen sozialen Schichten. Wenn Jugendlichen niemand erklärt, was Sexualität ist, oder dir nur sagt, das ist etwas Schlimmes und Böses, dann musst du eben selbst sehen wie du weiterkommst. Die Sexualforscherin Emily Rothman zitiert einen Jugendlichen: „Without porn, I wouldn’t know half the things I know now.

Genau diejenigen, die gute Sexualaufklärung verhindern, sind diejenigen, die am lautesten gegen Pornographie schreien. Wir sollten aufhören, uns Sorgen zu machen, dass Pornographie die Gesellschaft schlecht macht – und uns fragen, warum wir mit der ständigen Tabuisierung von schöner, lustvoller Sexualität qualitativ schlechte Pornographie für viele Menschen überhaupt erst attraktiv machen.

Über sunflower22a

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12 Antworten zu Sind Sie pornosüchtig?

  1. Janusz schreibt:

    Ja, dein Schlußsatz formuliert eine wirklich gute Frage. Warum ist Sexualität so sehr ein Tabu? Was ist daran so teuflisch?
    Mit eine Ursache ist wahrscheinlich immer noch die Religion und ihr verkrampfter Umgang mit Sexualität und erst recht mit Pornografie. Dabei ist sie eben nicht so schlecht, wie sie oftmals dargestellt wird und wie du im Beitrag schon geschrieben hast. Mit ihr ist es wie mit anderen Dingen, sie kann eine kranke Neigung durchaus verstärken, ist aber nicht ihre Ursache. Das gleiche könnte man für Ballerspiele im übrigen auch anführen. Aber das nur am Rande.😉

    Wenn nun sexuelle Aufklärung hauptsächlich nur noch über Pornografie geschieht, ist das jedoch auch nicht der richtige Weg. Da muss man sich nicht wundern, wenn Männer glauben Frauen seinen ein reines Sexobjekt und eigentlich immer willig und bereit. Das hilft nicht der sexuellen Erziehung und Aufklärung und bringt uns auch kein Stück im gegenseitigen respektvollen Umgang zwischen den Geschlechtern weiter bzw. der Gleichberechtigung zwischen beiden.

    Da wird Sexualität tabuisiert und verdammt und nicht wirklich aufgeklärt, so dass die jungen Menschen eben ihre Neugier an anderer Stelle mittels Pornografie stillen, die aber eben ein verzerrtes Bild bietet. Und anschließend zeigt man mit dem Finger auf diese jungen Menschen und sagt, siehste, hab ich’s doch gleich gesagt, Pornografie ist schlecht und verdirbt die Menchen nur!

    Lieben Gruß,
    Janusz

  2. westendstorie schreibt:

    Also ich war 19 als ich meinen ersten Porno geschaut habe. Vielleicht hat er, oder folgende Filme eher Appetit auf das eine oder andere gemacht. Er hat aber nie ein Bild verzerrt oder Gedanken in falsche Bahnen gleitet. Es gibt sicher andere Menschen mit anderen Erfahrungen. Grundsätzlich denke ich, dass immer mehr Faktoren in eine „verkorkste“ Sexualität mit einspielt und ein Porno da allerdings gar nicht mit zugehört. Wenn ein Kind zum Beispiel mitbekommt, das die Mutter ständig dem Vater sexuell zur Verfügung steht. Das täglich ab morgens Pornos laufen .Das ständig abwertend über Frauen gesprochen wird. Das Kind zu dem wenig Draht zur Mutter und vllt wenig Bildung besitzt, dann kann es sein, das ein Bild von Sexualität schwer verzerrt wird. Oder wenn alles tabuisiert wird daheim. Jeder Funken von körperlicher Nähe, oder Offenheit niedergemerzt und verboten ist. Nie ein Kuss zwischen den Eltern. Nie eine spürbare Wärme zwischen ihnen. Dann kann sich vielleicht auch etwas manifestieren, was schwierig werden könnte. Dieses vermeintlich verbotene. Wenn man sich selber anfasst. Andere schon gar nicht. Nacktheit als Tabu… das kann wohl auf vllt schwierig werden.

    • Janusz schreibt:

      Ja, da hast du recht. Das Elternhaus und die Bildung spielen hier auch eine entscheidene Rolle. Wenn respekt- und liebevoller Umgang miteinander vorgelebt wird, dann schlägt sich das natürlich auch auf die Kinder nieder.
      Allerdings entdeckt man Sexualität nicht erst mit 19. Das geht doch schon mit 12, 13, 14 oder gar noch früher los. Und da helfen Pornos wenig.
      Und ich möchte nicht wissen, was so in mancher WhatsApp-Gruppe auf dem Pausenhof speziell zwischen den Jungs kursiert. Da muss man eben aufklären.

      • westendstorie schreibt:

        Ja, das geht wirklich früh los. Hab ich live daheim. Da finde ich in der Suchleiste „Justin Biebers Penis“ vor ein paar Jahren. Da war die Tochter 12. Und nun mit knapp 15 haben sie und ihre Freundinnen mir , unter lautem Kichern, von einem Penis erzählt, der ihnen geschickt wurde. Ok. Ich also tief durchgeatmet und die Mädels gebeten mir diesen zu zeigen. Schließlich könnte es ja auch ein erwachsener Penis sein und nicht der eines 15 Jährigen. Nach meiner Begutachtung stellte sich heraus, es war sicher noch ein kindliches Exemplar. Sie selber hätten einen Hintern aus dem Netz runtergeladen und würden selber nie Körperteile von sich verschicken. Was ich ihnen glaube. Sie sind sehr selbstbewusst. Anschließend gab es einen freundlichen doch ernsthaften Vortrag meinerseits.
        Ich will damit sagen das auch das natürlich Gefahren birgt, aber in der heutigen Zeit nur mit Klarheit und Aufklärung funktionieren kann .
        Grinsen musste ich aber dennoch😀
        Ach, und hey, ich weiß noch wie ich in dem Alter im Kiosk stand um irgendwie Blicke auf kleine Schmuddelhefte zu erhaschen😀

        • Janusz schreibt:

          Hahaha, beim letzten Satz pfeife ich mal ganz unschuldig und anschließend setze einen entsetzten Blick auf.😀

          Aber abgesehen davon, steht mit das, was du berichtet hast, sicherlich noch bevor.🙂
          Und wir sind uns da einig, wenn man bei solchen Geschehnissen als Elternteil lenkend eingreift, dann ist das auch alles kein riesen Ding.

  3. Madame Graphisme schreibt:

    Man könnte im kompletten Text „Porn“ durch „Games“ ersetzen und die Botschaft wäre die selbe (wenn auch an manchen Stellen sehr amüsant).
    Vermutlich ist es also das gleiche wie immer: Dämonisiert das, was Leuten Spaß macht. Denn etwas nur zum Vergnügen zu tun und dabei nicht produktiv (selbstausbeutend) zum wachsenden Wohlstand beiszutragen, passt nicht in das zunehmend puritan/calvinistische Hamsterrad.

    • dermultiplepapa schreibt:

      Genau so sieht es aus. Es macht (anderen Leuten) Spaß, also muß es verboten werden.

      • nurbsi von sirup schreibt:

        Aus eigener Erfahrung kann ich euch aber auch sagen: Pornos, Games, Internet, Serien werden von vielen Menschen in einer Weise konsumiert, die für deren Leben und psychische Gesundheit wenig zuträglich sind. Natürlich sind idR. psychische Probleme dafür der Auslöser, trotzdem sollte man offen über Medien und ihre Inhalte und Wirkung diskutieren dürfen.
        Was von „konservativer“, i.e. reaktionärer Seite kommt, ist natürlich meist wenig zielführend

        • mordred schreibt:

          definiere „psychische probleme“.
          ich halte die aufregung zu diesen themen zu großem teil für populismus. da wird soviel drüber geschrieben und auch teilweise extrem unsachlich, weil es sich verkauft.
          analog dazu games, cannabis, e-zigarette…
          warum redet man nicht mal bspw. über ungesunden zucker- oder salzkonsum? an den spätfolgen sterben jedes jahr 10.000e. herzinfarkt, diabetes2, kaputte knochen, demenz, nierenversagen. nahezu jeder (!) mensch konsumiert übrigens zuviel davon, weil in nahezu allen verarbeiteten lebensmitteln davon einiges drin ist.

  4. nurbsi von sirup schreibt:

    Depression, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen (Schizophrenie), Traumata, Angst- und Panikstörungen … wie gesagt: persönliche Erfahrungen.

    Und wie auch gesagt: es geht nicht darum, den Konsum irgend eines Mediums, egal in welcher Form, zu verdammen. Ich habe mehr als genug von irgendwelchen „Killerspiele!!!!“-Idioten mitbekommen. Aber: so einfach wie viele sich die Sache machen ist es leider nicht.
    Generell: Pornos, Ballerspiele, MMOs etc. -> ok. Aber es gibt viele Menschen, die ihre Probleme im Leben damit kompensieren und sich damit auf lange Sicht schaden.

    Und natürlich sollten wir auch über ungesunde Ernährung reden (wenn es nach mir geht: diesen ganzen verdammten Fraß verbieten, zack. Fleisch aus dem Tier-KZ: weg. „Kinder“-mahlzeiten mit mehr wertlosem Zucker als eine Pulle Cola: weg. Cola in größeren Flaschen als 20cl: weg), hier geht’s aber um Medien.

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