Ein Geschenk des Himmels

Ein “Geschenk des Himmels” hat Erdogan den Putschversuch genannt. Nein, ich glaube nicht dass es der Himmel war. So etwas behaupten Religiöse immer, wenn sie von irdischen Vorgängen ablenken wollen. Bei diesem Herrn muss man misstrauisch sein, sehr misstrauisch. Du brauchst gar nicht in Verschwörungstheorien abzusinken, nein, weder CIA noch Mossad noch Putin noch Erdogan himself stecken vermutlich hinter dem Putschversuch. Aber die Frage muss gestellt werden, wem nützt das alles? Nur Erdogan, sonst niemand.

Der Putschversuch war zu laienhaft, die Gegenreaktion zu professionell als dass man an das „Geschenk des Himmels“ wirklich glauben mag. Einen Tag nach dem Putschversuch hatte man schon Listen mit Tausenden von Militärs, Richtern und Staatsanwälten quer durch das ganze Land fertig, die man feuern oder verhaften ließ. Ich bin keine wirkliche Türkei-Expertin, aber ein bisschen was von Politik in dieser Region verstehe ich durchaus, um ein Gefühl dafür zu haben, was gespielt werden könnte.

Das am meisten plausible Szenario erscheint für mich, es gab wirklich in der mittleren Offiziersebene die Bereitschaft zu einem Putsch. Gründe dafür, Erdogan loszuwerden, gibt es tausendfach. Aber diese Leute waren nicht stark und erfahren genug, das System Erdogan hat Wind von der Sache bekommen. Und sie taten das, was ich an Erdogans Stelle auch gemacht hätte: wir lassen sie machen, und eine ganze Reihe loyaler Offiziere täuschen die Bereitschaft vor, mitzuputschen. So wissen wir genau, was los ist, und wir können es optimal ausnutzen für unsere Zwecke. Die Putschisten glaubten, sie seien stark genug, und landeten rasch in der Falle.

Vor diesem Hintergrund erscheint es einleuchtend, wie die Nacht des Putschversuchs lief. Schnell zeigt sich, weite Teile des Militärs spielen gar nicht mit. Die Mobilisierung der Erdogan-loyalen Polizei lief optimal, und noch besser die Mobilisierung des Volkes für Erdogan, für die Demokratie. Perfekte Inszenierung. Jetzt hat er freie Hand. Die Gleichschaltung des Staatsapparates wird weiter vorangetrieben, die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung, die Unterdrückung aller, die dem Regime nicht passen. Ich sehe schwarz, sehr schwarz für die Türkei. Immer wieder rächt es sich, wie progressive Kräfte sich am liebsten selbst zerstreiten, während autoritäre Regime sich langsam aber sicher etablieren. Bürgerkrieg mit den Kurden und Terror werden Erdogan nicht schaden, das Regime braucht diese permanente Bedrohung sogar. Nur eines kann ihm noch gefährlich werden, und dagegen hat er keine Antwort: der wirtschaftliche Niedergang. Ausländische Touristen und Investoren werden sich immer seltener blicken lassen. Geld aus Qatar und anderen Golfstaaten wird das nicht kompensieren können. So wie der wirtschaftliche Aufschwung Erdogan an die Macht brachte, so wird der wirtschaftliche Niedergang die einzige Möglichkeit sein, um größere Teile des türkischen Volkes wieder von ihm zu entfremden. Solange die Opposition aber so schlecht ist wie sie ist, nützt auch das nicht viel…

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Turkey? No, sorry I won’t be doing business with that country

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4 Antworten zu Ein Geschenk des Himmels

  1. mordred schreibt:

    „Das am meisten plausible Szenario erscheint für mich, es gab wirklich in der mittleren Offiziersebene die Bereitschaft zu einem Putsch. Gründe dafür, Erdogan loszuwerden, gibt es tausendfach. Aber diese Leute waren nicht stark und erfahren genug, das System Erdogan hat Wind von der Sache bekommen. Und sie taten das, was ich an Erdogans Stelle auch gemacht hätte: wir lassen sie machen, und eine ganze Reihe loyaler Offiziere täuschen die Bereitschaft vor, mitzuputschen. So wissen wir genau, was los ist, und wir können es optimal ausnutzen für unsere Zwecke. Die Putschisten glaubten, sie seien stark genug, und landeten rasch in der Falle.“

    bisher auch für mich das am plausibelsten klingende szenario

  2. HERDIR schreibt:

    Ich habe das Geschehen „live“ am Fernseher miterlebt und war hin- und hergerissen … aber alles sieht/sah so unprofessionell bzw. professionell aus … ich stimme Deiner Analyse (mit den Informationen von heute) zu … vielleicht kommt das irgendwann mal raus …

    erschrocken bin ich über die Brutalität der Erdogananhänger … ich hoffe Deutschland distanziert sich deutlicher von Erdogans Politik (und ich meine nicht die Türkei bzw. die Türken!) …

  3. Vox Populist schreibt:

    Ich sehe das ebenso.

    Das Risiko, dass die Wahrheit eines reinen Operettenputschs wie des Röhm-Putschs von 1934 (als Hitler seine innerparteilichen Widersacher und weitere nationalistische Politiker beseitigen ließ) ans Tageslicht käme, wäre bei der Zahl der Mitwisser und den heutigen technischen Möglichkeiten des Beweismitschnitts und anonymen Whistleblowings viel zu groß (siehe auch die jüngsten Ereignisse in Brasilien, wo ein Geheimtreffen von Militärs und rechten Politikern mitgeschnitten und geleakt wurde).

    Wahrscheinlicher ist, dass eine kleine Clique frustrierter Offiziere diesen Putsch tatsächlich plante, der Geheimdienst durch einen Verräter vorzeitig Wind davon bekam, und diese Putsch-Pläne anschließend mit Doppelagenten vorantrieb, die vorrangig die Putschisten anstacheln sollten, ihre Pläne auch in die Tat umzusetzen, tatsächlich aber loyal zum Staatsapparat standen und Erdogan auf dem Laufenden hielten. Die Putschisten haben ihre eigene Stärke und das Verräterpotenzial der Armee anscheinend völlig überschätzt, was dafür spricht, dass sie entsprechend manipuliert und in eine Honigfalle getrieben wurden.

    Eine derartige Steilvorlage zu sicherlich schon seit längerer Zeit geplanten Säuberungen konnten sich Erdogan und die AKP einfach nicht entgehen lassen. So erklärt sich auch sein Kommentar vom Putsch als „Geschenk Allahs“. Die Proskriptionslisten mit tausenden Namen lagen wahrscheinlich schon seit Monaten, wenn nicht Jahren im Giftschrank bereit, um bei einer entsprechend günstigen Gelegenheit wie einem Putsch (oder einem massiven Terroranschlag der PKK) hervorgeholt zu werden. Dass dieser zum Scheitern verdammte Putsch hunderte seiner Mitbürger das Leben kosten würde, dürfte Erdogan herzlich egal gewesen sein – der Mann brüstete sich erst im März damit, bereits 5.500 Kurden umgebracht zu haben – auch dies sind seine eigenen Landsleute, von den hunderten toten Polizisten und Soldaten im Kurdenkonflikt einmal ganz zu schweigen. Ein paar hundert Tote mehr für den Schritt zur unangefochtenen Autokratie und Präsidialherrschaft à la Putin sind für ihn kein Hinderungsgrund.

    Von der EU und den USA werden wir hierzu nicht mehr als die üblichen Lippenbekenntnisse und Appelle hören, welche Erdogan bereits seit Jahren geflissentlich ignoriert. Realpolitik geht vor. Die Amerikaner brauchen die türkischen Landebahnen für ihren Luftkrieg gegen den Islamischen Staat, die EU braucht Erdogan als Torwächter für die Flüchtlinge.

    Immerhin ein Gutes mag dieser Pseudo-Putsch für uns haben: Sollte Erdogan tatsächlich Ernst mit der Wiedereinführung der Todesstrafe machen, sind die EU-Beitrittsverhandlungen endgültig beendet.

  4. Holger schreibt:

    Himmlischer Beistand war mit Sicherheit nicht im Spiel; ob das Ganze u.U. ein „false flag“-Putsch war, um Erdogans Gegner auszuschalten, kann und will ich nicht beurteilen. Aber es spielte ihm mit Sicherheit in die Hände; wenn man sieht mit welcher Geschwindigkeit jetzt Leute verhaftet werden, dann weiss man zumindest, dass diese Leute schon lange im Visier waren. Der Putsch ist auf jeden Fall DIE GELEGENHEIT, diese Gegner Erdogans aus dem Verkehr zu ziehen. So wie der Zampano vom Bosporus bisher agiert hat, dann sind Säuberungen stalinschen Ausmaßes zu befürchten.
    Ist mal wieder ein schönes Beispiel für die Verlogenheit des Westens: Assad ist ein Despot und muss weg, aber Erdogan bekommt sofort Rückendeckung aus den USA und der EU.
    Der Typ zettelt einen Bürgerkrieg im eigenen Land an, unterstützt nachgewiesenermaßen den IS in Syrien, beschneidet Bürgerrechte und hält Wahlen ab, bis das Ergebnis passt.

    Ob die Todesstrafe wirklich das Ende der EU-Beitrittsverhandlungen bedeutet? Immerhin will die EU via CETA/TTIP ganz eng mit Kanada und den USA „kuscheln“ und die USA haben noch die Todesstrafe. Es werden sich mit Sicherheit triftige Gründe finden, diese Lappalie großzügig zu übersehen.

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