Sittenpolizei

Saudi-Arabien hat offiziell eine staatliche Sittenpolizei. Wobei „staatlich“ in diesem Land ein unklarer Begriff ist: eigentlich gibt es einen Staat im westlichen Sinn überhaupt nicht, aber ein Regime aus Herrscherfamilie und Religionsfunktionären. Hauptbeschäftigung der Sittenpolizei ist es, Frauen aufzulauern, die nicht vorschriftsmäßig gekleidet sind, unerlaubte Dinge tun, sich an unerlaubten Orten aufhalten, ohne männlichen Bewacher sind und so weiter.

In den USA gibt es zunehmend auch eine Sittenpolizei, allerdings vor allem an Schulen und Universitäten. Nein, sie kümmern sich nicht um die chauvinistische Machokultur, die immer mehr junge Männer glauben lässt, sie könnten sich gegenüber Frauen wie Arschlöcher benehmen und eine gelegentliche Vergewaltigung ist ein Kavaliersdelikt. Da gibt es durchaus viele junge Männer, die eine intensive sittenpolizeiliche Betreuung sehr gut gebrauchen könnten.

Stattdessen kümmert sich die Sittenpolizei um so intensiver um Frauen. Wie in Saudi-Arabien, gibt es immer detailliertere Kleidungsvorschriften für Frauen (nicht für Männer), die hart durchgesetzt werden. Mal sind es yoga pants, mal Miniröcke, mal Spaghettiträger, mal schulterfreie Oberteile.

Die Begründung ist auch dieselbe wie in Saudi-Arabien: „aufreizend“ gekleidete Frauen können Männer die Konzentration rauben, sie am Lernen hindern, und so weiter.

Kaitlyn Juvik aus Helena, Montana (of all places) hatte jetzt die Schnauze voll. Sie wurde von der Schulleitung darauf hingewiesen, dass sie keinen BH trägt, auch wenn diese Vorschrift nirgendwo steht. Begründung: “because there are a lot of male teachers and male students here, and that makes them uncomfortable. They don’t want to see that.”

Kaitlyn war stinksauer. “I choose not to wear a bra very often, because I find it more comfortable. Most of my friends never wear bras, either. I was really thrown off by the vice-principal’s comments, so I told her I would put something different on and left.”

Sie organisierte als Protest einen no-bra day. Soziale Medien machen dies heute sehr einfach. Der no-bra day war ein großer Erfolg, viele beteiligten sich. Natürlich kam es zu einer Konfrontation mit der Schulleitung, aber es waren zu viele Teilnehmerinnen. Über soziale Medien breitete sich diese Lokalnachricht rasch um die ganze Welt aus.

I had people from as far as the UK, France and India contact me. And I’ve had a lot of awful comments. I’ve been called every name in the book. People have sent me messages saying “kill yourself”, “you’re a huge whore”, “no one wants to see your boobs”. Some said I’m just an “attention seeker”.

So erzieht man eine Kämpferin. Kaitlyn ist nun sehr entschlossen, weiter gegen die Sittenpolizei zu kämpfen.

It’s gotten huge, and I’m extremely thankful that the word has gotten out. But I don’t want the focus to be on the bra any more. This is about ending body shaming. This is about ending double standards for girls. It started with me, but it’s not about me. It’s about women everywhere being able to be comfortable in their own bodies.

L4743019

To bra or not to bra, that is the question

Über sunflower22a

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28 Antworten zu Sittenpolizei

  1. westendstorie schreibt:

    Meine Liebe, da brauchst du noch nicht mal nach Übersee, in vielen deutschen Schulen ist das tragen von bauchfreien tops zum Beispiel verboten. Kannst du dir das vorstellen? Die Schuldirektion einer Schule in BaWü verteilt dann weite Tshirts, diese müssen die Mädchen anziehen. Sie müssen. Auch zu kurze Hotpans und Co sind nicht gern gesehen. Bei der Schule meiner Kinder übrigens auch nicht. Allerdings nicht verboten. Aber das Anhalten „fremder Personen“ , die Mädchen sollen sich doch weniger offen oder gar reizvoll zu kleiden, ist nicht ungewöhnlich. Ganz schlimm..

  2. Peterchen schreibt:

    Und hier wird dann mit dem Finger nach Saudi Arabien gezeigt und sich über die Rückständigkeit dieses Landes mockiert während wir längst ein ähnliches System entwickelt haben. Die Begrifflichkeiten mögen andere sein, aber es läuft auf dasselbe hinaus.
    Ich verstehe das Problem an der Sache nicht, als ob die gesamte männliche sich nur deshalb in sabbernde Irre verwandelt weil eine Schülerin „zu offerherzig“ gekleidet ist. Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere ist das sowieso der Normalzustand bei Teenagern.

  3. Jojo schreibt:

    Naja, es ist aber ja schon so dass, je mehr es zu sehen gibt, umso gerner und länger hingeschaut wird.

    „Normalzustand“ völlig ohne Einfluss der Außenreize halte ich für nicht tragwürdig.

    Die Frage die ich mir stelle: Sabbern wir und können wir uns nicht konzentrieren weil es so im Verschämten stattfinden muss? Also es bisher nicht offen genug war?

    Oder würden wir sowieso sabbern? Ich glaube letzteres, zumal man ja gar nicht so viel Angebote von Frauen hat als Mann (meistens: gar keine) um seine „Nachfrage“ überhaupt mal befriedigt zu bekommen.

    Insofern kann ich diese Maßnahmen irgendwo auch verstehen, auch wenn ich es mir anders wünschen würde. Wenn ich in der Stadt rumlaufe und Ärsche aus Hotpants ragen sehe kann ich mich auch nicht mehr konzentrieren. Ist das der Mädels Schuld? Nö. Meine? Auch nicht.

    Also was tun?

    • mordred schreibt:

      „Also was tun?“
      wie ich weiter unten schrieb: das ist situationsbedingt abwägungssache. hier im konkreten fall der sittenpolizei an unis und schulen sehe ich ne beschränkung eher als kontraproduktiv. denn gerade in dem alter lernt man doch fürs leben. soll heißen, dass dort der ideale ort und zeitpunkt ist, das andere geschlecht möglichst umfangreich kennenzulernen. gerne auch andere nationalitäten: junge muslima, mit kopftuch, aber bauchfrei und hotpants gibts auch. desto gewöhnter man an sowas ist, desto weniger sabbern entsteht bzw. mann kann viel lockerer mit frau interagieren.

    • sunflower22a schreibt:

      I begin to understand your point after the helpful explanations. Sorry German is not my first language. So – Was tun? Gar nichts. Die Leute machen lassen. Getting used to it. Es gibt Länder und Gesellschaften die schon aus Klimagründen viel lockerer mit leichter Bekleidung umgehen. Leben und leben lassen, enjoy the sight of beautiful people, enjoy being watched by other people. It’s much more relaxed than playing Sittenpolizei.

  4. Pjotr Panini schreibt:

    Typisch Frau, auf der einen Seite herum lamentieren das es Freiheitsberaubung sei wenn Madame ihre Milchdrüsen nicht zur Schau stellen kann und sich andererseits darüber echauffieren das die Jungs immer mehr verrohen.
    Reicht es nicht mal zur simplen Erkenntnis das dort ein Zusammenhang besteht?

    Die Jungs die ich mit großgezogen habe halten von Frauen und ihren Klassenkameradinnen übrigens überhaupt nichts. Obwohl am Ende der Pubertät und ausnehmend höflich haben Sie für diese nur verächtliche Sprüche über.

    Das wundert mich nicht, was Sie und ich mit den Lehrerinnen erlebt haben geht auf keine Kuhhaut. Die Saat die Sie und ihre Geschlechtsgenossinnen gesät haben geht auf. Aber anders als Sie es sich in ihrer femofachistischen Scheinwelt vorstellen.

    • HairyComment schreibt:

      Das klingt als ob freizügige Kleidung Respektlosigkeit bedingen würde, aber irgendwie kann ich da keine Argumentationslinie sehen, warum das so sein sollte. Was ist denn mit dem Einfluss, der durch das verdammen der freizügigen Kleidung ausgeübt wird? Wenn die Lehrer gerade ihre Frisur über die ganze Schulzeit weg als Schlumpffrisur bezeichnen würden, was würden dann wohl die Mitschüler zu der Frisur sagen?

    • Vox Populist schreibt:

      Dass Männer verrohen, weil Frauen freizüzige Kleidung tragen, halte ich doch wohl eher für ein erzkonservatives Märchen – ansonsten wären die Männer nicht dort am Rohesten, wo die Frauen am Umfangreichsten verhüllt sind.

      Dieses Totschlagargument ist sexistisch gegen beide Geschlechter. Es degradiert Männer zu Lustmolchen ohne Impulskontrolle und Frauen zu Komplizen der sexuellen Gewalt, die ihnen von Männern angetan wird.

  5. Bill schreibt:

    Man muss keine Sittenpolizei einrichten, aber wenn man(n) allüberall, kaum das die Temperaturen über den Gefrierpunkt steigen, Titten und Arschritzen (die drastische Formulierung sei ausnahmsweise erlaubt) unter die Nase gehalten bekommt, ganz ehrlich ich fühle mich da auch belästigt.
    Und wenn Tittenglotzen verboten wird, weil es Belästigung darstellt ist Tittenexhibitionismus dann nicht auch unter Kontrolle zu halten?
    Immerhin wurden ja auch schon Männer belangt weil Sie im Rahmen eine Rockkonzertes wagten das T-Shirt auszuziehen.

    • HairyComment schreibt:

      Da stimme ich allerdings zu, kucken darf nicht verbotener sein als zeigen. Beides kann ja auch Nötigung sein wenn man z.B. jemanden verfolgt und sich zu sehr Aufdrängt. Sollte eben zusammen passen.

      • Bill schreibt:

        das Problem ist, dass nicht-aufreizende Kleidung schwer eineindeutig festzulegen ist. In Saudi-Arabien führt evt. ein unbedeckter Knöchel zum Aufstand, ich fühle mich durch ein Dekolleté das knapp über dem Warzenhof endet belästigt.
        Im alten Ägypten endete das Kleid sogar unter der weiblichen Brust (in den Dokumentationen sieht man immer ahistorische, allesverhüllende braungraue Säcke, nicht die hauchfeinen weißen Leinenstoffe die Frau damals trug, zum Schießen die Prüderie, sry das musste mal raus).
        Ich denke, dass die Erwartungen an angemessenes Verhalten in „Sitte und Anstand“ niedergelegt werden (-> Brecht, Stachelschweine). Wenn eine Gesellschaft aber so liberal ist, dass sie auf derartige Spielregeln zwischen Mann und Frau meint verzichten zu können wird es heikel weil Missverständnisse vorprogrammiert sind.

        Dank an Sunflower für die immer wieder anregenden Beiträge

        Einen schönen Abend an alle…

        • HairyComment schreibt:

          Na Missverständnisse gehören aber zum menschlichen miteinander dazu. Dagegen helfen dann aber keine strengen Regeln sondern mehr Kommunikation🙂

  6. mordred schreibt:

    In Amiland wie auch hierzulande kämpft die Sittenpolizei aber an 2 Fronten. Oder das eine ist „nur“ die Feministenpolizei? Stichworte rape culture, Verschlimmbesserung des Sexualstrafrechts (nein heißt nein-Gedöns) etc.

    Zum konkreten Fall hier:
    Frauen und Mädchen können von mir aus so freizügig rumlaufen, wie sie wollen. Allerdings: Die Gedanken und die Möglichkeit zu glotzen sind immer noch frei. Wenn mein Look auffällig ist, d.h. ich steche aus der Masse heraus, werde ich naturgegeben beglotzt und begünstige eine Meinungsbildung über mich. Jenachdem wie auffällig eben mehr oder weniger. Das hat auf den gegenüber also ablenkende, zeitraubende Wirkung. U.a. deswegen gibt es (implizite) jenachdem mehr oder weniger starke Kleidungsvorschriften in verschiedensten Organisationseinheiten.

    • HairyComment schreibt:

      Nun ja, die Ablenkung kommt ja nicht als festgelegte Größe vor – Nudisten würden sich wohl kaum ablenken lassen, für die ist weniger Kleidung normal.
      Ausserhalb von in sich geschlossenen Gemeinschaften wie Nudisten könnte ich mir aber vorstellen, dass der gesamtgesellschaftliche Einfluss sich bemerkbar macht: wenn freizügige Kleidung als etwas besonderes oder gar schlimmes angesehen wird ändert sich bestimmt der Umgang damit. Andersherum würde man angezogen im Nudistentreff sicherlich auch „beglotzt“… unauffällig ist man dann, wenn man sich anpasst.

      • mordred schreibt:

        Ist genau das, was ich meine. Gibts unzählige Beispiele. Geh auf Ibiza in einen House-Club direkt am Strand: Wenn Frau da irgendwas langbeiniges oder langärmliges anhat, sticht sie ebenso aus der Masse hervor.
        Punks sind auch nen wunderbares Beispiel. Faschos wollen sie verprügeln und alte Omas haben Angst vor denen – ausschließlich wegen dem Look.

    • Vox Populist schreibt:

      Wie ich in dem Nein heißt Nein-Thema schon schrieb, muss man unbedingt zwischen unhöflichen Handlungen (wie Glotzen) und kriminelle Handlungen (wie Grapschen) unterscheiden.

      Ein einfaches Beispiel jenseits der Männer/Frauen Thematik:
      Jeder Punk wird damit umgehen lernen müssen, dass sein Look dumme Kommentare provoziert. Es wäre schön wenn die Gesellschaft in der Hinsicht toleranter wäre, aber man muss sie dennoch so zu nehmen lernen, wie sie ist. Jedoch muss niemand hinnehmen, wegen seiner gefärbten Haare von irgendwelchen rechten Spinnern zusammengeschlagen zu werden.

  7. Jojo schreibt:

    Schade dass man(n) keine Antworten bekommt wenn man schon kommentiert.

    • sunflower22a schreibt:

      ich antworte Ihnen gerne, aber ich weiß nicht was „sabbern“ ist. bitte erklären Sie es mir.

      • mordred schreibt:

        „sabbern“=unkontrollierter erhöhter speichelfluss. aus gelöst durch einen externen reiz. bspw. sehr schön bei hunden zu beobachten, wenn man ihnen ein leckerchen vor die schnauze hält.
        hier im kontext ist damit gemeint, dass mann durch knappe bekleidung der frau sexuell erregt wird und sich das kaum kontrollierbar durch glotzen äußert.

  8. Jojo schreibt:

    gut, dann halt offenbar keine sachliche Diskussion.

  9. Pjotr56 schreibt:

    sabbern = Speichel aus dem Mund beziehungsweise Maul fließen lassen
    https://de.wiktionary.org/wiki/sabbern
    Gern geschehen.

  10. Pingback: Kleidervorschriften | sunflower22a

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