Der Freier – das unbekannte Wesen

Nicht nur Sexarbeiterinnen, sondern auch ihre Kunden werden gesellschaftlich nicht akzeptiert. Obwohl ein Viertel bis ein Drittel der Männer schon mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen gekauft hat, gibt es kaum einer zu. Das sind immer die anderen. So stigmatisiert die Gesellschaft nicht nur die vergleichsweise kleine Zahl der erotischen Dienstleisterinnen, sondern auch ihre sehr große Zahl Kunden. Die moralisch-fundamentalistisch geprägten Diskurse über Prostitution, die von religiöser, konservativer wie feministischer Seite dominiert werden, stellen neben das Zerrbild der willenlosen Prostituierten, die von skrupellosen Menschenhändlern gefügig gemacht wird, das ebenso absurde Zerrbild des rücksichtslosen, frauenverachtenden, gewalttätigen Freiers, der Frauen zur Ware degradiert.

Mit der Wirklichkeit hat beides nichts zu tun. Aber um Fakten geht es in dieser Diskussion nur selten, es geht um Moral. Moral wiederum ist etwas zutiefst subjektives, da stören objektive Fakten nur.

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Interessanterweise hat das Justizministerium von Nordirland eine Untersuchung finanziert, die solche objektiven Fakten versucht zu ermitteln. Nordirland hat letztes Jahr nach dem „schwedischen Modell“ den Kauf sexueller Dienstleistungen kriminalisiert. In der Republik Irland ist das zwar genauso wie im restlichen UK nicht so, aber beide Teile Irlands sind stark von christlich-fundamentalistischen Moralvorstellungen geprägt, ob katholisch oder protestantisch.

Susann Huschke und Dirk Schubotz haben mit ihrer Untersuchung (download hier) genau das festgestellt, was jeder einigermaßen unvoreingenommene Mensch sich eigentlich denken kann:

In presenting a detailed picture of the diverse group of sex workers’ clients, their motives and attitudes, we debunk the prevalent stereotypes about men who pay for sex, as continuously used in the public discourse about sex work on both sides of the Irish border: we show that the majority of clients do not fit the image of violent, careless misogynists. We argue that these debates about commercial sex as well as the experiences of those who pay for sex are shaped and nurtured by the specific local context, by conservative Christian morals and the dominant sex-negative culture across Ireland. Finally, we argue that the criminalization of paying for sex which came into effect in Northern Ireland in 2015 and is being discussed in the Republic of Ireland will likely not stop the majority of clients from paying for sex and thus fail to achieve its aim to reduce or abolish sex work.

Nicht wirklich überraschend. Huschke und Schubotz erklären sehr schön, dass es den Kunden natürlich um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht, aber der Einfluss einer repressiven Sexualmoral in der Gesellschaft dabei eine wesentlich größere Rolle spielt als im öffentlich Diskurs zugegeben wird. Die meisten Kunden gehen zu Sexarbeiterinnen, wenn der gesellschaftlich akzeptierte „Normalfall“ Ehe in die Brüche geht oder nur noch pro forma aufrechterhalten wird, weil auch eine Scheidung in Irland gesellschaftlich nicht akzeptiert wird.

Ist ein Mann, der zu einer Sexarbeiterin geht, deswegen ein schlechter Mensch? Ein Unhold? Ein Komplize von Menschenhändlern? All dieser Mist wird ständig erzählt, er ist erlogen und soll diese Männer zu gesellschaftlichen Outcasts Machen.

While commercial sex is arguably primarily about the client’s sexual needs, our data clearly show that it is more than that. Commercial sex involves social interactions and emotional aspects, which play an important role for many clients – a fact that is ignored when men who pay for sex are presented as ruthless sexual perverts who ‘treat women and young girls as a commodity that they can buy for their sexual gratification’. All of our interviewees and many of the survey respondents explained that talking, joking, hanging out and ‘having a bit of craic (fun)’ often constitute an important element of the encounter, particularly with sex workers they had seen before.

Viele haben ein schlechtes Gewissen, befürchten gesellschaftliche Nachteile, fühlen sich erpressbar. Aber es gibt auch einen erheblichen Anteil, der angibt, wenn sie eine echte Beziehung oder romantische außereheliche Affäre hätten, würden sie sich wirklich schlecht fühlen, weil sie dann ihre Ehefrau betrügen würden – bei einer Sexarbeiterin sei das etwas anderes. Auf die Frage, ob sie ihr Verhalten ändern würden, wenn es kriminalisiert würde, sagen die meisten, eher nicht weil sie bereits ein „Gefühl der Illegalität“ haben.

Huschke und Schubotz fassen ihre Ergebnisse zusammen:

Our findings do not support the stereotype that the majority of men who pay for sex do not care about the well-being of the sex workers, frequently treat them without respect, or abuse them. Rather than leading to less violence against women, we argue that the stigmatizing, moralistic discourse around sex work in Ireland may actually contribute to disrespectful and abusive practices in the sex industry. Our research adds to the growing number of studies that provide insights that challenge the dominant public images of clients, which are mainly based on moral judgements and stereotypes of those involved in commercial sex rather than robust research evidence.

Immer mehr Sexarbeiterinnen wehren sich dagegen, kriminalisiert, stigmatisiert, gegängelt zu werden – und dagegen, dass ihr Kunden kriminalisiert werden. Es wird Zeit, dass auch die Kunden sich öffentlich wehren. Vor allem diejenigen in high places. Die Moral-Kreuzzüge der Fundamentalisten aller Schattierungen zu stoppen, ist auch ihre Aufgabe.

Paulina femjoy_6660797_004

Time that you speak up, man.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Der Freier – das unbekannte Wesen

  1. vfalle schreibt:

    Dann passe ich als katholisch erzogener Mann vermutlich nicht in das Klischee. Denn: Ich habe gelegentlich Kontakte zu einem deutschen Bordellbetreiber und finde ihn menschlich sogar sehr straight (im Sinne von: gradlinig).

    Bei unserem letzten Gespräch saßen wir nackt nebeneinander. Ja, richtig gelesen: nackt – in einer Sauna! Es war eine öffentliche, städtische Sauna. Hätte er einen anderen Beruf gehabt, wäre der Einstieg in diesen Text vermutlich völlig uninspirierend geworden, nach dem Motto: Sitzen zwei Typen in der Sauna. So what!

    Auf jeden Fall ist er stolz darauf, dass die Frauen gerne bei ihm arbeiten und freiwillig zu ihm kommen – teilweise um ihr Kind (ihre Kinder zu ernähren). Manche Frauen musste er nach eigenen Aussagen sogar ablehnen, weil er nicht unbegrenzt Zimmer hat oder es ihm ethisch nicht richtig erschien. Es heißt, er sorgt sich um seine „Mädels“. Und so wie ich ihn menschlich kennen gelernt habe, glaube ich es ihm sogar. Hier geht es also um erwachsene Menschen, die frei bestimmt entscheiden, welche Dienstleistungen sie für Geld erbringen wollen.

    Mein Bekannter ist allerdings Spezialist für Nobel-Bordelle, in denen sich reiche Menschen aus verschiedenen Berufsschichten tummeln. Die Kunden gehen in seinen Laden, weil sie anonym bleiben wollen. Die Preise in dem Bordell sichern den Damen dabei ein gutes Einkommen und den Kunden dabei eine gewisse Exklusivität und eben auch Anonymität. Auch die Kapitalgeber für die Läden bleiben lieber anonym. Deswegen glaube ich nicht, dass Kunden auf höheren Ebenen (high places) sich öffentlich gegen die Kriminalisierung einzusetzen.

    Denjenigen, die die Sexdienste kriminalisieren, geht es vermutlich eher um andere Etablissements. Es geht ihnen um Läden in denen Frauen für wenig Geld in schlecht beleuchten Zimmern Männer „bedienen“, denen ich nicht gerne in einer öffentlichen Sauna begegnen möchte. Es geht vermutlich um Bordelle in denen z.B. ein hoher Anteil osteuropäischer oder asiatischer Frauen arbeiten, die die Sprache des Landes in dem Sie nun arbeiten nicht oder nur sehr schlecht sprechen.
    Ich finde an der Stelle sollten sich Freier durchaus einmal Gedanken machen, ob diese Frauen die Dienste für 50 € oder weniger wirklich freiwillig und gern machen. Da geht es nicht mehr um die Frage ob sich das ein Freier leisten kann, sondern ob er es sich menschlich leisten (im Sinne von: sich etwas genehmigen/raus nehmen) will.

    Das gilt für mich unabhängig von religiösen Moralvorstellungen. Das ist schlicht und einfach eine Frage der Menschlichkeit und des Umgangs mit Mitmenschen.

  2. Pjotr Panini schreibt:

    Studie hin oder her, wer weiß was die Herrschaften so erzählen oder auch selbst wahrnehmen.

    Also meiner einer hat sich mal relativ viel in diesen Etablissements herumgetrieben. Von Laufhaus über Türkenpuff (da haben deutsche das doppelte bezahlt weil Sie auch doppelt so lang brauchten) Stripperbar bis gehobene Nachtbar. War halt alles auf dem Weg vom Büro nach Haus und für einen Nachtarbeiter wie mich ist um die Zeit alles andere zu.

    Ums gleich klar zu machen, klar bin ich mit auf’s Zimmer gegangen. Bestimmt hundert mal in 15 Jahren. Wenn es dann gut lief mit der Frau im Zimmer rumgealbert weil die Situation so blöd war oder ein paar elend langweilige Minuten rauf runter und dann möchte ER nicht mehr. Ausnahme 2 Mädels, mit denen wäre es wohl auch außerhalb gut gelaufen. Aber ich hab die Hoffnung lange nicht aufgegeben das Mann/Frau Thema fiskalisch zu lösen. Versuch macht halt kluch.

    Das mal vorweg. Ob und wie meine Geschlechtsgenossen das schaffen kann ich schlecht nachvollziehen. Allein der Geruch der Lümmeltüte des Vorgängers (da kann Frau noch so viel duschen, das hält sich über Stunden) ist dermaßen abtörnend das mir alles vergeht. Oder diese Fremdheit des anderen. Wie schaffen meine Geschlechtsgenossen das bloß die Nummer durchzuziehen? Ich krieg das nicht hin und betrunken schon gar nicht (da wird das noch schlimmer weil deutlicher).

    Aus meinem Bekanntenkreis waren dann auch ein paar Mädels anschaffen (war mal in Mode wegen Befreiung der Frau oder so und eine wg. Kokserei). Ganz und gar freiwillig und -achja-urdeutsch. Die haben aber von den Kunden kaum was erzählt aber jede Menge von ihren Kolleginnen (was ich durchaus nicht ungewöhnlich finde)🙂.

    Nur einmal war eine dabei die offensichtlich unfreiwillig da war. Das war -sagen wir mal – „emotional etwas belastend“. Danach ein Blick zum Tresenmann (Männer verstehen sich da anscheinend wortlos) und Sie kam nie wieder und auch keine andere dieser Preislage. Was sollte ich sonst machen? Die Bullen rufen? Sie hätte alles abgestritten und ich jede Menge Ärger.

    Tja, da mal als Beitrag aus meiner „erotischen Karriere“. Wetten das so etwas nicht einmalig ist und wetten das es sich in keiner Studie niederschlägt.

  3. Provinzei schreibt:

    Na ja, Mann gibt es auch deshalb nicht gerne zu, weil dann jeder denkt, na der kriegt es so nicht hin, mit anquatschen und anmachen, der muss es sich kaufen.
    Der ist zu doof/schüchtern/unfähig/un-irgendwas.
    Einfach kein Winner.
    Das gilt es zu vermeiden, ein Loser zu sein.
    Ich finde sexuelle Dienstleistung himmlisch, kein blödes rumgemache, tausend Einladungen, wenn es sein muss Blumen, falsche Schwüre, Quatsch.
    Zahlen und Action.
    Manche machen es wirklich gern und gut.

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