Rettet die Freiheit – vor den „linken“ Moralwächtern

In letzter Zeit es kommt öfter vor, dass ich in einer Gesprächsrunde meine „Verbündeten“ komplett wechsle. Du redest über politische Fragen, Wirtschaft, und es gibt die „Progressiven“ und die „Markt-Liberalen“. Mit den „Progressiven“ ich bin einig über das Versagen des Neoliberalismus, wir brauchen einen U-Turn, die Ungleichheit muss bekämpft werden, höhere Steuern für die Reichen, Bernie Sanders ist ganz wunderbar, TTIP ist die Fortsetzung des Neoliberalismus und so weiter. Wer kennt das nicht. Wenn du glaubst, die Gruppen sind jetzt festgefügt, es wandelt sich ganz schnell wenn du redest über Sexualität. Plötzlich sind die anderen deine Freunde.

Jetzt werden aus den „Progressiven“ die „Politisch korrekten“. Einige werden verlegen oder rot im Gesicht, nein, über solche Dinge wie Erotik oder Sex wir reden lieber nicht. Andere wollen verbieten, verbieten, verbieten. Sexistische Werbung – verbieten (was es genau ist, bleibt unklar). Sexarbeit – verbieten. Schöne, sinnliche Kleidung im Büro – per Dresscode verbieten. Barbiepuppen – verbieten. Sexistische Sprache – mit Genderisierung abschaffen. Furchtbar. Graue Mäuse. Puritaner. Mit religiöser Ernsthaftigkeit betreiben sie ihre Mission. Sie wollen die Gesellschaft ihrer politischen Korrektheit unterwerfen, eine uniforme, intolerante, verklemmte Biedermeier-Gesellschaft. Farblose graue Mäuse wie Heiko Maas sind ihre Galionsfiguren.

Ganz anders die „Marktliberalen“. So dogmatisch sie sind, wenn es um Politik und Wirtschaft geht – so liberal und tolerant sind sie wenn es um die Freiheit in der Gesellschaft geht. Von meinen Bekannten sind – wirklich interessant – fast alle, mit denen ich gut und voller Vergnügen über Sex und Erotik sprechen kann, bekennende Marktliberale. Sie lesen Cicero, wählen FDP, kleiden sich schick. Sie verachten den Mainstream, sie sind bekennende Oppositionelle gegen den schwammigen Mainstream-Merkelismus, gegen den Political Correctness-Wahn aus der grünen Ecke. Ich gebe zu, heimlich bewundere ich sie inzwischen. Ich bin auch in Opposition zu diesem Moral-Mainstream.

Europa bewegt sich immer mehr in eine zutiefst rückwärts gewandte kulturelle Gegenrevolution. Die Mittelschichten haben Angst vor der Zukunft. Reale Angst, diffuse Angst. Vor wirtschaftlichem Abstieg, vor Terror, vor Gift im Essen, vor der NSA, vor dem Islam, vor Migranten, vor Staatsschulden, vor schlechtem Wetter und so weiter. Angst tötet Lust, Angst tötet Genuss und Lebensfreude, Angst ruft nach Sicherheit. Nirgendwo wird dies so deutlich wie bei der Sexualität, diesem archaischen Drang den so gut wie alle Religionen, alle Ideologien, alle Moralkodexe der Welt strenger und schärfer regeln und kontrollieren wollen als andere Genüsse.

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Kaum jemand leistet Widerstand. Auch nicht die kritischen und progressiven Blogger in Germany’s blogosphere: Ein kluger Artikel über Wirtschaft und Politik nach dem anderen. Aber zu Erotik, zu Sexualität findest du nichts auf ihren Seiten, völlige Stille. Frauen wie Männer, das Thema ist tabu. Tabu geworden. Sexualität findet nicht statt, Erotik erst recht nicht. Alles strikt asexuell. Legale massive Diskriminierung gegen Sexarbeiterinnen – nicht der Rede wert. Mit denen wollen wir uns doch nicht solidarisieren. Zensur im Netz – wenn es gegen Pornographie geht, alles in Ordnung. Dazu sagen wir lieber nichts. Zuviel Angst vor der politischen Korrektheits-Manie? Schon infiziert von ihr? Phantasielosigkeit? Verklemmtheit?

Das verrückte: gegen diese konservative Gegenrevolution kommt der Widerstand eigentlich nur aus der Ecke, die gemeinhin als „rechts“ oder „konservativ“ gilt. So klare Worte wie in der „Welt“ liest man in keinem „linken“ Medium:

„Ist es wirklich Aufgabe des Staates, seine Bürger per Gesetz zu notgeilen Puritanern zurechtzustutzen, bloß um der feministischen Bewegung endlich wieder Schwung zu verleihen? Welches kollektive Wohl schreit danach, den öffentlichen Raum per Strafbefehl von aller Erotik und Nacktheit zu befreien? Wer wird das nach welchen juristischen Kriterien beurteilen? Sind dann als Nächstes die Märchen und die Barbiepuppen ein Fall für den Justizminister?“

Es gibt eine Ausnahme. Der britische Zensureifer gegen Erotik und Pornographie im Internet, getragen gemeinsam von Konservativen und Labour, hat den Journalisten Jerry Barnett bewogen, mit der Seite Sexandcensorship.org gegen den um sich greifenden Prüderiewahn zu kämpfen. Was ihn am meisten empört, ist dass nicht Konservative sondern die sogenannte „politische Linke“ an vorderster Front dieses Wahns steht. Vor allem in Frankreich. Deswegen weiß er nicht mehr ob er nun eigentlich “links” ist oder nicht, weil mit dieser “Linken” er will nichts mehr zu tun haben.

What is disconcerting is that, unlike last time around, the driving force of French fascism is the the political left. A few days ago, for example, French Socialist government minister Laurence Rossignol said that women who wore veils were like “negroes who supported slavery”. The anti-veil law was presented with a thin progressive veneer, using ‘secularism’ as an excuse. But France’s secularism is not the religious freedom of the Enlightenment. It is an opportunity to viciously abuse minorities.

And as the sex work commentator Laura Agustín wrote on Facebook yesterday, this anti-prostitution law, too, is rooted in France’s deep racism: “In France where more than half those who sell sex are migrants the law is overtly anti-migration. The message is if you want to do this – Leave.” France has always been one of the worst places in Europe to be an immigrant. Now the French war on immigrants is getting vicious, and the left is at the forefront of it. The job of far-right leader Marine Le Pen is done: who needs the far-right when fascism is just as comfortably at home on the left?…. As someone who once felt at home on the left, this change in the political landscape is disconcerting. The left’s shift towards fascist attitudes forms the heart of my new book, Porn Panic! Liberal values of equality, liberty and reason are collapsing across the political spectrum. France’s prostitution ban, and that of the veil represent dark clouds rising over the western world.

Ich bin gespannt auf das im August erscheinende Buch.

Davon abgesehen, ich sehe mit Freude wie es in America genau anders herum läuft. Zwei Jahrzehnte lang gewann religiöser Extremismus immer mehr an Boden. Mädchen die ihren Vätern Keuschheitsgelübde  gaben und anderer Wahnsinn. Es scheint zu Ende zu gehen. Heute laufen die jungen Menschen den Puritanern in Scharen davon. Religion verliert an Attraktivität, der ganze kulturelle Mist der Puritaner auch. Nirgendwo zeigt sich das mehr als an sexueller Freiheit. Wenn Bernie Sanders Präsident wird, ich glaube it will be unstoppable.

AMA36

Banned in Saudi Arabia. Soon  to be banned in Germany.

 

Über sunflower22a

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13 Antworten zu Rettet die Freiheit – vor den „linken“ Moralwächtern

  1. bjoernstarkimarm schreibt:

    Spricht mir aus der Seele und verdeutlicht auch mein Dilemma bei Wahlen.
    Es gibt ja politisch nicht nur eine Achse (links-rechts) sondern mindestens zwei. Und leider sind die wirtschaftlich Linken (für Fairneß und Umverteilung und so) im privat-bürgerrechtlichen Bereich gerne mal restriktiv, während die Parteien, die (zumindest nominell) für Dinge wie Datenschutz und persönliche Freiheit und sowas sind auch die sind, die Regeln für die Wirtschaft ablehnen (und den Rest dafür gerne mal opfern, nicht wahr FDP?). Natürlich gibts auch die schwarze Pest, die dem Bürger gerne vorschreiben wollen, was er tun kann und sich für die Wirtschaft bückt. Aber eine sozial-liberale Partei, mit Regeln für die Wirtschaft und Freiheit für den Bürger, fehlt schmerzlich. Die Piraten haben sich ja leider de facto selbst zerlegt.

  2. Vox Populist schreibt:

    Bei uns wurde letztes Jahr eine Grüne zur Bürgermeisterin gewählt. Vor ein paar Tagen bekamen alle Mieter von der Vermieterin die nette Notiz, dass praktisch der gesamte Hausmüll (also hauptsächlich Plastik) nicht mehr in der Hausmülltonne entsorgt werden kann, da die Müllabfuhr Anweisung hat, diesen Müll nicht mehr mitzunehmen – und das auch per Mülldurchsuchung nachprüfen muss. Die Müllsäcke standen in der Tat bereits vor der Haustür. Die Müllmänner haben also tatsächlich unsere Müllbeutel aufgemacht und nachgesehen. Wir entsorgen den Müll seit 20 Jahren so, nie hat sich jemand darüber beschwert seitens der Stadt. Nun muss er händisch zu Wertstoffinseln gebracht werden die schon jetzt ständig überfüllt sind und die Stadt aussehen lassen wie in einem Dritte Welt Land. Jetzt dürfen also keine Joghurtpackungen mehr in den Hausmüll, weil sie ja aus Plastik sind – Spritzen aber schon. Und woraus sind Spritzen? Aus Plastik. Grüne Logik.

    Mülldurchsuchungen, das kennt man aus der DDR. Heute ist das grüne Politik mit der junge, eh schon viel zu brave und angepasste Menschen noch weiter drangsaliert und gegängelt werden von alten Menschen, die, als sie selber in dem Alter waren, alles gefickt, geraucht und durchgezogen haben, was nicht bei Drei auf den Bäumen war. So wie ihre Vorbilder, Mick, Keith und Co., die früher Heroin spritzen und Heute edle Reitpferde züchten und ihre Millionen in Steueroasen parken.

    Die Marxisten in der „linken Bloggosphäre“ werden Dir da die gute alte no true scotsman! fallacy entgegenhalten: Aber das sind doch gar keine echten Linken!

    Dabei betrachten sich diese Spaßbremsen bei den Sozis, Grünen und der Linkspartei nach wie vor als überzeugte Linke, die doch nur eine „bessere“ Gesellschaft erschaffen wollen. Wir sollten sie beim Wort nehmen und uns eingestehen, dass das eben Heute der linke Mainstream ist.

    Wer konservativer als die Konservativen ist, macht sich aber überflüssig, da die Menschen im Zweifelsfall gleich das Original wählen. Ich kann jedenfalls guten Gewissens keiner „linken“ Partei mehr meine Stimme geben, und werde mich damit wohl in die Gruppe der Nichtwähler einreihen.

  3. Florian schreibt:

    Witzig.

    Ich hege ja schon lange die Meinung das sich bestimmte, auf den ersten Blick erst mal positiv wirkende Bewegungen im Nachhinein als äußerst toxisch herausstellen und die Bewegung, mit der sie sich assoziieren , unglaublich schnell, hart und irreversible schädigen.
    Die Gender-Bewegung hat das mit der ursprünglichen Frauenbewegung, den Piraten und auch generell mit den politisch linken geschafft. Ich befürchte, gerade der notwendige Idealismus hinter den linken macht sie auch extrem anfällig für Zensur durch Gleichmacherei.

  4. dermultiplepapa schreibt:

    Ich bin mal wieder voll Deiner Meinung, Sunflower.

    Ich meine ich bin ja selbst ziemlich links und eher antikapitalistisch, hoffe auf Sanders, wähle die Linke usw.
    Für mich bedeutet das Linkssein aber auch, die Leute zu lassen, wenn sie niemandem schaden. Dazu gehört für mich auch, daß es mir egal zu sein hat, ob sie nun den ganzen Tag auch bei der Arbeit nackt rumlaufen wollen oder sich wie sie eben wollen anziehen wollen bzw. eben nicht. Dresscode hat wieder etwas von Herrschaftsgebahren.

  5. epikur schreibt:

    An der Beobachtung ist was dran.

    Die Grundfrage bleibt natürlich: „Was ist überhaupt links?“ Zwischen den Grünen/der SPD und der antikapitalistischen Front liegen meines Erachtens Welten. Die Rechten kämpfen immer gegen die Schwächeren. Die Linken gegen die Mächtigen. Rechte wollen Krieg, Hass, Verachtung, Gewalt, Ausgrenzung. Linke Solidarität, Frieden, Mitmenschlichkeit, Empathie. Wenn man sich auf diese zentralen Werte einigt, wird man schnell feststellen, dass die Zuweisungen von „links“ und „rechts“ oft nur inhaltsleere Bullshit-Bingo-Etiketten sind.

    • Mordred schreibt:

      da muss ich epikur vollkommen zustimmen und somit der autorin in teilen widersprechen.
      links vs. rechts ist das eine. mindestens muss man aber auch liberal vs. konservativ betrachten. und diese beiden skalen auch noch miteinander zusammenbringen.
      sunflower, du wärst wohl am ehesten linksliberal.
      deine sog. „progressiven“ sehe ich eher als linkskonservativ.

  6. nurbsi von sirup schreibt:

    Ich habe diesen Eintrag nicht komplett gelesen, Entschuldigung. Nicht wegen tl;dr oder weil ich ihn doof fand (sunflowers Einträge sind nie (!) doof), aber es juckte in den Fingern.

    Was den Vorwurf eines neuen Puritanismus angeht möchte ich nur mal eine andere Perspektive bringen, die oft vernachlässigt wird – ob es den selbsternannten Tugendwächtern darum geht: keine Ahnung. Mir und vielen anderen Menschen in meinem Leben aber schon. Damit will ich der Autorin keine Ignoranz oder bösen Willen unterstellen.

    Meinem Eindruck nach findet unsere sogenannte sexuelle Freizügkeit in einer Blase statt – dort, wo alle Menschen mit sich, ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu 100% im reinen sind und makellose Körper haben.
    Ok, ok, jetzt kommt der mit „lookism“ um die Ecke, laaaaame.
    Trotzdem bleibt das Thema relevant – ich empfinde das Menschen- und Körperbild, das von Medien und in der Werbung vermittelt wird auf eine perverse Art verklemmter, als jede Generation vor uns jemals hätte sein können.
    Das … Achtung, bullshit-bingo-Wort … Narrativ unserer Zeit scheint zu sein „sei vollkommen oder sei gar nicht“.

    Jede Abweichung vom – unerreichbaren – Ideal bedeutet Nacktheits- und Sexverbot. Zumindest implizit.
    So lange sich 20jährige „irgendwas-mit-Medien“-Honks im Aktzeichenkurs über den – vollkommen durchschnittlichen – Körper des Modells auslassen und in Serien praktisch Jede und Jeder aussieht wie mit Cinema4D gerendert kauf‘ ich denen („Die Gesellschaft“, nicht sunflower) ihr Gelaber nicht ab.

  7. Pjotr Paninini schreibt:

    „Linke“ (was ja eher eine vage Geisteshaltung denn eine klar formulierte Position ist) haben nun mal den Anspruch das der Staat (den Sie als Gesellschaft oder das Kollektiv verbrämen) ihre Probleme (vor allem finanzielle) löst. Da bleibt das Individuum auf der Strecke. Dies dehnt sich unbewußt aber zwangsläufig von selbst aus. In Bereiche hinein wo es den meisten gar nicht so lieb ist (vor allem dem eigenen Denken und in der -nicht nur sexuellen- Selbstbestimmung).

    Das ist der Preis. Was auf sozialer politischer wirtschaftlicher Ebene passiert können interessierte bei Orwell, Hayek, Mises, Böhm Bawerk, et al in Roman- und wissenschaftlicher Form nachlesen.
    Alles vorhergesagt und gut begründet.

  8. Solminore schreibt:

    „Sexualität findet [in der Blogosphäre] nicht statt, Erotik erst recht nicht. Alles strikt asexuell.“

    Das kann ich nicht bestätigen.

  9. m schreibt:

    Schönes Hintergrundbild. Die Pizza kommt unerwartet

  10. Pingback: LinkJump #9 – Was mit Lust

  11. Pingback: Nude dining – in a restaurant | sunflower22a

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