I love villagers

Es wurde mal wieder Zeit, raus aus der Stadt zu fahren. Discover rural Germany, next episode. Nordhessen. Terra incognita. In einem kleinen Dorf buchen Lucy und ich eine kleine Ferienwohnung. Elisabeth, genannt Ellie, vermietet sie nur selten – es gibt wenig Nachfrage. Hierher kommen kaum Touristen. Tourismus findet woanders statt. Ein ganz normales Dorf.

Normales Dorf, gibt es das noch? Was ist normal? Ellie liebt ihr Dorf, aber sie sieht die Zukunft nicht in rosa Farben. Die jungen Leute gehen zur Ausbildung weg, nur wenige kommen zurück. Es gibt keine guten Arbeitsplätze. Auch die 17jährige Tochter träumt von Hamburg, Berlin, selbst Hannover wäre okay. Ellie pendelt jeden Tag mehr als eine Stunde zu ihrem Arbeitsplatz, hofft inständig er bleibt ihr erhalten, noch weiter weg wäre kaum zu schaffen. Sie will nicht weg aus ihrer Heimat, und doch: insgeheim fürchtet sie den Tag, an dem ihre Tochter ausziehen wird. Allein in dem großen Haus. Viel Dorfgemeinschaft gibt es nicht mehr, das hat sich geändert. Die Leute sitzen lieber alleine zuhause, seit die Dorfkneipe zugemacht hat. Einen Laden, in dem man sich treffen könnte gibt es auch nicht mehr, seit der große Discounter 15 km weiter eröffnet hat. Den Mann hat sie vor Jahren verlassen, als er anfing, zu schlagen. Für einen neuen hat sie keine Zeit. Always struggling to make ends meet, Arbeit im Job, im Haus, im Garten. Urlaub hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Noch ist die alte Mutter einigermaßen rüstig, aber wenn sie zum Pflegefall werden sollte, es wäre eine Katastrophe. Der Bruder ist weit weg, lebt in der Schweiz. Von ihm kann sie nicht viel erwarten.

Von morgens bis abends nur Arbeit. Und wofür das alles? Was ist das Haus noch wert, wenn niemand hier wohnen will? Die Tochter wird nicht eine Familie gründen und hier einziehen, das hat sie verstanden. Was ist die Perspektive? Eines Tages sitzt sie allein hier, und die Tochter ist bestimmt auch weit weg.

Eigentlich ist Ellie kein depressiver Mensch. Als sie uns ein bisschen über das Dorf erzählt, sprudelt es so aus ihr heraus, sie ist selber erschrocken, wie negativ und perspektivlos alles klingt. Nein, es sei nicht so gemeint. Dennoch, ihre Blicke verraten das Gegenteil.

Nie wollte sie es sich eingestehen, aber, ja, sie ist oft neidisch auf die big city girls. Big city girls like me. Sie liebt ihre Heimat, aber verliert den Glauben an die Perspektive. Was sollen wir sagen? Lucy sagt, sie ist der sozialen Enge der Kleinstadt entflohen, und wenn die Provinz eine Perspektive will, muss sie solche „Fluchtgründe“ beseitigen. Ellie sagt, ja, stimmt. Als sie sich von ihrem Mann getrennt hat, war sie lange eine Außenseiterin im Dorf. So etwas tut man nicht.

Es verspricht ein trübseliger Tag zu werden. Das ist doch furchtbar. Ihr könnt euch doch nicht so runterziehen lassen. Ellie bedauert sehr, dass das alles so aus ihr herausgebrochen ist, das wollte sie nicht. Wir sollen doch Spaß haben bei unserem kleinen Ausflug.

Wir haben eine Idee. Heute abend kochen wir. Ellie lädt ihre beste Freundin ein, eine sehr lustige Lady, wir kochen kreativ irgendwas aus dem was da ist. Fabulieren über wilde Dinge, was man machen könnte, was die Zukunft bringt. Tiefgründiges und Absurdes. Der Rotwein tut ein Übriges. Was man noch alles machen könnte, sollte. Was machst du mit einem Lottogewinn. Erotische Fantasien. My wildest dreams. Ellie träumt von einer Karriere als Salonnière, als Gastgeberin eines Salons. Kulinarischer Salon wäre was, oder literarisch. Vielleicht musikalisch? Eine Institution muss es werden, der Salon, überregional interessant. Ja, das wäre was.

Ellie hat es verdient, ein gutes Leben zu haben, hier, in diesem Dorf, wo sie zuhause ist. Ich weiß auch nicht, wie man ländlichen Regionen mehr Perspektiven geben kann. Aber sicher ist, es geht nicht nur um wirtschaftliche Perspektiven. Neue Ideen. A spirit for change. Believe in yourself. Das ist das wichtigste. My 5 cents from a big city girl.

lustingimpulsesbymichellearistocrat6

Die schöne Salonnière lädt ein.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu I love villagers

  1. Gerhard Mersmann schreibt:

    Die Wilden gehen immer!

  2. Wortmischer schreibt:

    „Den Mann hat sie vor Jahren verlassen, als er anfing, zu schlagen. Für einen neuen hat sie keine Zeit. Always struggling to make ends meet, Arbeit im Job, im Haus, im Garten. Urlaub hat sie schon lange nicht mehr gemacht.“

    Wie traurig ist das denn? Gefangen im selbst gebastelten Sisyphos-Szenario? Da wünscht man sich sofort einen Befreiungsschlag für Ellie. Bevor es wirklich zu spät ist. Wenn ich solche Lebenskatastrophen lese, werde ich selbst depressiv. Ich befürchte: „Fluchtgründe beseitigen“ funktioniert nicht.

    Aber danke für den schönen Text. Ganz anders als sonst, aber sehr lesenswert, echt jetzt.

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