The Germans at the polls

Eigentlich mache ich mit diesem Blog keine Wahlbeobachtung. Schon gar nicht von irgendwelchen Regionalwahlen in fernen Gebieten, mit denen ich nicht viel zu tun habe. Ich kommentiere nicht die Wahlergebnisse, sondern den Umgang der Deutschen mit ihnen.

Ihr habt eigentlich gar nicht über irgendwelche Landesangelegenheiten abgestimmt. Ihr habt über eure Königin Angela I. abgestimmt, ob ihr sie noch mögt. Ja, ihr mögt sie noch. Nicht mehr so sehr wie früher, aber immer noch mit großer Mehrheit. Wer sich hinter sie gestellt hat, hat mehr Stimmen bekommen als ihre Gegner, egal in welchen Parteien. Ach stimmt, ihr habt auch noch über die regionale Fürstin und die anderen zwei Fürsten abgestimmt. Auch die mögt ihr immer noch, wenn auch nicht mit so großen Mehrheiten. Macht nichts, es sind nur regionale Fürsten, die brauchen keine so große Mehrheit.

Also: Stabilität. Dennoch frage ich mich, warum das ganze politische Deutschland monatelang hysterisch auf drei Provinzen starrt, um festzustellen, ob sie die Königin noch mögen. Es ist wie Selbsthypnose. Denn eigentlich, ihr seid eine verunsicherte Nation. Ihr zweifelt an eurer Identität. Die Gesellschaft driftet auseinander, so sagen es viele. Ja, es stimmt. Immer mehr fühlen sich ausgegrenzt. Ökonomisch und kulturell.

Ein Drittel im Niedriglohnsektor gegen zwei Drittel, die noch dazugehören. Sie schuften für die oberen Zweidrittel, zum Mindestlohn, ohne Aufstiegschancen, ohne Bildungschance, im Alter ohne nennenswerte Rente. Sie sind die Loser des Globalisierungsprojekts, des Neoliberalismus – und sie machen täglich die Erfahrung: Den oberen zwei Drittel ist es egal. Diese Leute können wieder dazugehören, wenn sich die Politik ändert.

Ein Viertel Konservative und Reaktionäre, denen die Königin zu weit gegangen ist mit ihrem Mitte-Kurs. Sie träumen von früher, von klaren traditionelle Geschlechterrollen, von der Unterdrückung der Homosexualität, von Ausländern als  Menschen zweiter Klasse, von Leitkultur statt Multikultur. Sie sind vor allem Männer und träumen davon, dass der Mann und Familienvater die Familie ernährt und sagt, wo es lang geht. Wo es keine unehelichen Kinder gibt, wo es keine Alleinerziehenden gibt. Sie finden sich nicht zurecht in einer Welt, in der die alten Werte nicht mehr gelten, in der eine neue „political correctness“  die correctness vergangener Zeiten ersetzt hat. Diese Leute muss man ertragen, aber man kann sie weitgehend ignorieren.

Darum ging es bei diesen regionalen Wahlen, und darum wird es bei den nächsten auch gehen. Die nächsten sind in Berlin. Ich darf mitwählen. Schon höre ich sie wieder, die Vorwürfe derer, die immer sagen, du musst wählen. Sonst profitieren die Nazis. Wählen ist Bürgerpflicht.

Ich bin nicht dieser Meinung. Ich wähle, wenn es mir sinnvoll erscheint, und wähle nicht, wenn es mir sinnlos erscheint. Sehr oft in den letzten Jahren erschien es mir sinnlos, in beiden Ländern in denen ich wählen kann. Bald tue ich es wieder, ich freue mich sogar darauf. Bernie Sanders wähle ich mit Begeisterung, hoffentlich nicht nur in den Vorwahlen.

Aber im September in Berlin? Wen? Es gibt hier keinen Bernie Sanders. Keinen Yanis Varoufakis. Keinen Pablo Iglesias. Nur langweiligstes, allerlangweiligstes Mittelmaß. Es lohnt sich nicht, ihre Namen zu merken.

Ja, es ist wichtig, wie eure Richtungsentscheidung ausgeht. Mehr soziale Gerechtigkeit statt mehr Neoliberalismus. Kultureller, toleranter Pluralismus statt reaktionärer, autoritärer Nationalismus. Aber wer verkörpert das? Germans, you need innovation. Political innovation. Dump all your existing political parties.

Ich habe keine Lösung. Ich weiß nur, mehr soziale Gerechtigkeit und gleichzeitig kultureller, toleranter Pluralismus gibt es nicht glaubwürdig im Angebot. Auch nicht bei den Linken. Als sie 10 Jahre in Berlin mitregiert haben, sie haben jede neoliberale Schweinerei mitgemacht. Ich glaube ihnen nicht.

Schaut weniger auf eure Wahlen. Redet weniger über eure elenden Landtagswahlen, führt weniger Scheindebatten. Redet darüber, dass ein Land vielleicht kulturelle Vielfalt und Toleranz dann viel besser leben kann, wenn es ein sozial gerechteres Land ist. Wer soziale Gerechtigkeit zerstört, kann viel von Weltoffenheit reden, aber bewirkt das Gegenteil. Wenn sich die ökonomisch und kulturell ausgegrenzten gemeinsam hinter rechten „Populisten“ sammeln, wird es gefährlich.

Und dann redet darüber, was ihr dafür tun müsst damit es sich ändert – und schickt alle Politiker in die politische Rente, die immer noch „weiter so“ sagen und glauben, sie haben alles richtig gemacht. Also fast alle. Das wünsche ich mir.

S073

Maybe it’s only a dream

Über sunflower22a

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3 Antworten zu The Germans at the polls

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Wie so oft hast Du mal wieder weitgehend recht.

    Allerdings würde ich eine Wahl nie als sinnlos sehen. Auch wenn die eigene Stimme am Ergebnins kaum etwas ändert: Erstens macht es die Masse und zweitens kann man immer noch sagen, daß man etwas anderes gewählt hat.
    Wer nicht zur Wahl geht, hilft vieleicht ncht direkt den Rechten, aber wer nicht zur Wahl geht, stimmt aber im Grunde genau so, wie hinterher das Wahlergebnis ausfällt. Ich finde, dann muß man sich auch den Vorwurf gefallen lassen, daß man es genau so wollte und daher keinen Grund, sich darüber zu beschweren, daß es ganeu so läuft wie man will.

    • Matn schreibt:

      Naja das Problem ist ja, dass es für viele (auch für mich) niemanden auf den Listen gibt, der mit reinem Gewissen wählbar ist. Außer vieleicht DIE PARTEI. Klar will man den Rechten nicht durch Wegschauen Schützenhilfe leisten aber die anderen Spinner haben die Stimme eben auch nicht verdient…

      • dermultiplepapa schreibt:

        Na ja, selbst wenn es „nur“ die PARTEI ist – oder auch irgendeine kleine Splittergruppe. Ich finde es immer noch besser, das kleinste Übel bekommt meine ganze Stimme als sie quasi entsprechend zum Wahlergebnis auf alle zu verteilen.

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