Der nette Studienrat

Ich bin in Deutschland nicht zur Schule gegangen.  Basically, I only know privileged schools for expatriate Americans. Keine schlechten Schulen, definitiv. Im Gegensatz zu amerikanischen öffentlichen Schulen hatten für mich deutsche Schulen immer ein gutes Image, warum auch immer. I don’t know. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, so war das Image, also müssen die Schulen gut sein. Stereotyp, Klischee, na klar.

Dennoch, ich war überrascht als ich ankam in Deutschland und feststellte, die Schulen hier haben ein schlechtes Image. „Studienrat“ wurde verächtlich benutzt, ein Synonym für merkwürdige Menschen jenseits der Realitäten. That came as a real surprise. Like so many other things in Germany.

Wenn ich morgens in die Bahn komme, sehe ich oft einen geradezu archetypischen Vertreter dieser Gruppe. Ein großer älterer Herr, sicher schon pensioniert, mit runder Nickelbrille, grauem Schnurrbart, brauner Cordhose, bequemen Schuhen, baskischer Mütze und rotem Schal. Er sieht immer gleich aus, und er liest immer den Tagesspiegel. Intensiv und gründlich. Ab und zu schaut er in die Runde, neugierig. Um ihn herum starren alle in Smartphones, wischen und tippen auf ihnen herum, schauen sich nicht um. Nie sagt er ein Wort. Bestimmt war er Studienrat. So stelle ich mir deutsche Studienräte vor. Nur die Pfeife fehlt.

Ich treffe ihn eines Tages spätnachmittags, ganz woanders, in einer Shopping Mall. Er scheint nichts besonderes zu suchen, oder zu kaufen, nur zu flanieren. Er lächelt mich an, mit erfreutem Gesichtsausdruck.

Ich lächele auch. Ich bin nicht in Eile. „Sie lesen ja gar nicht den Tagesspiegel“,  sage ich freundlich kichernd. „Damit bin ich um diese Zeit schon fertig“, sagt er freundlich. „Sie haben das bemerkt?“ – „Aber sicher, ich kenne Sie nur mit Tagesspiegel.“

„Erstaunlich dass Sie mich überhaupt wahrnehmen. So viele Menschen heute nehmen ihre Umgebung überhaupt nicht wahr, nur ihre kleinen Geräte.“

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„Ja, das stimmt. Aber ehrlich, die Dinger sind kleiner als der riesige Tagesspiegel, ich müsste mich eigentlich wundern dass Sie hinter diesem plakatgroßen Papier mich wahrnehmen können.“

„Niemand kann so eine schöne Frau übersehen.“

„Oh danke. Sie aber auch nicht. Es sind nicht mehr viele Menschen, die Papier-Zeitungen lesen.“

Es wurde ein interessantes Gespräch. Ich bestehe darauf, dass ich ihn zum Cappuccino einlade und nicht umgekehrt. Er besitzt kein Handy, keinen Computer, kein Internet. Er will es nicht. Doch er weiß sehr viel, er beobachtet seine Umgebung sehr genau. Viel genauer als ich. Er ist in der Shopping Mall, um Menschen zu betrachten, ihr Verhalten zu studieren. Er ist kein Kulturpessimist, er wertet das nicht was er sieht. Es ist eigenartig, er sieht viel mehr als Leute wie ich, weil er seine Umgebung viel bewusster wahrnimmt. Und doch, unsere ganze digitale Cyberwelt bleibt ihm verschlossen. Nichts auf facebook gefällt ihm, kein virtueller Freund is liking his comments. Nie hat er einen Blog gelesen, eine SMS verschickt, irgendwas auf Twitter oder WhatsApp geplappert.

Er könnte es, aber will es nicht. Er ist so zufriedener, glaubt er, wahrscheinlich zu recht. Zufriedenheit. Welch ein Glück. All das giftige misanthropische Zeug, was in der Cyberwelt hochgespült wird, er ahnt es vielleicht, es bleibt ihm erspart.

Ein faszinierender Mensch. Ich finde es toll, dass es solche Menschen noch gibt.

Wir verabschieden uns, nachdenklich gehe ich weiter. Ist er ahnungslos und weltfremd,  weil er die ganze so wichtige Cyberwelt nicht kennt, oder bin ich ahnungslos und weltfremd, weil ich von meiner realen Umgebung wohl doch viel weniger wahrnehme als ich selbst glaube.  Eine gute Frage. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich eine Stunde lang nicht nach dem Smartphone gegriffen habe.

Und ich habe völlig vergessen, ihn zu fragen, ob er eigentlich Studienrat war.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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8 Antworten zu Der nette Studienrat

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Ihr seid ja schon ins Gespräch gekommen, so fällt es sicher leichter, ihn beim nächsten Treffen zu fragen, was er von Beruf ist. So es denn überhaupt wichtig ist.

  2. Siewurdengelesen schreibt:

    Tja – wer lebt von uns wirklich in der ‚echten‘ Welt?

    Die Smartphones sind meines Erachtens ähnlich wie zuvor bereits Walkman, Discman, MP3-Player Gegenstände, die uns isolieren und einen Tunnel durch die Menge bieten, ohne uns mit dieser auseinandersetzen zu müssen, wie es denn irgendwo einmal zu lesen war. So lebt denn jeder vor sich hin und sieht in seinem digitalen Kokon nicht einmal den Nachbar. Diese Dinger spiegeln im Grunde den Egoismus unserer Welt wider ähnlich wie das Definieren über Dinge generell; wir sehen zwar oft das Erscheinen, jedoch nicht den Menschen dahinter.
    Die Art und Weise zu verdammen, Medien mittels Smartphone, PC und dergleichen zu nutzen und seine Beziehungen damit zu pflegen, bringt nichts – die Intensität dagegen schon. Nicht zu vergessen sei dabei, dass eine Zeitung oder ein Buch auch etwas im Wortsinne „(Be)-Greifbares“ ist.

    Das Ansehen geistiger Wissenschaften, Lehrern und anderen, die Bildung vermitteln, ist im Land der Dichter und Denker nicht so toll. Ich weiß nicht, wie es in den USA aussieht, hier hängt den Schulen vielleicht auch oft noch der imaginäre Muff des Beamtenwesens an, obwohl aus dem beruflichen Status des Betreffenden heraus ebenfalls keine Aussage über die tatsächliche Qualität des Lehrens getroffen werden kann – womit wir wieder beim Klischee wären…

    …allemal ist der klischeehafte ‚Studienrat‘ ein schöner Einstieg in diese Geschichte und das damit verbundene Nachdenken drumherum.

    Ein schönes Wochenende unbekannterweise!

  3. Pjotr Paninini schreibt:

    The medium is the message. Der „Studienrat“ könnte ja sein Leib und Magenblatt über dieses zigarettenetuigroße Display konsumieren. Wenn er denn wollte, was dann die Frage des warum und wozu in den Raum stellt.

    Frage ist doch eher was man konsumiert. TV stumpft genau so ab wie dieses Facebookgetwitter des immergleichen mit nochmehrgleicher Musikuntermalung mittels musikalischer Dum-Dum Geschosse.

    Aber das gibt sich. Meiner einer hat seinen ersten flame war „im Netz“ gefochten als es selbiges noch gar nicht gab. Mit selbstgebasteltem Modem illegal im „Postnetz“ anno Tobak. Nach ein paar Jahren wird das öde weil auch immer gleich. Bei mir ist es in einer Art Tierversuch geendet bei der ich mit der minimalen Anzahl von Floskeln ein Maximum an Zustimmung oder Ablehnung erreichen wollte. Das konnte ich auf zwei Dutzend Redewendungen reduzieren und dann war das Interesse weg.

    Mein Telekom Flagschiff -alles andere als smart – Phone hat nicht mal ne SIM Karte drin und seitdem die ganze Meute sich jeden Tag WhatsUpped ist mein Mobile der Generation die Mauer ist noch nicht lange weg angenehm still. Wer was will schickt eine mail/sms, anrufen ist ja heutzutage verpönt.

    Die Sinne werden dadurch deutlich geschärft, nicht nur für die „hübschen Hüllen“.

  4. finbarsgift schreibt:

    Auf jeden Fall ein Post, der Menschlichkeit ausstrahlt…

    Und das tut heute irgendwie gut,
    danke dafür🙂

  5. finbarsgift schreibt:

    PS: cooles Foto! Wo gemacht?

  6. Provinzsonstwas schreibt:

    Ich bin ja ein Typ der 70/80er.
    Als das mit den Walkmännern los ging, in den 80ern, hab ich auch mal von nem Freund son Ding ausgeliehen, zum Radfahren.
    Ich mochte das vom ersten Moment an nicht.
    Der Kontakt zur Außenwelt ist mit einem Schlag unterbrochen.
    Keine Windgeräusche mehr, man hört die Reifen nicht mehr abrollen, die Kette nicht surren, die Vögel nicht, und die Autos von hinten auch nicht, was eigentlich das Schlimmste war.
    Ich habe seitdem nie mehr irgend welche Medien dabei, wenn ich unterwegs bin.
    Weil ich in dieser Welt lebe, der Echten.
    Es gibt nur diese eine.
    Das Netz ist keine Welt, es ist imaginär.

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