Oil

Heute fiel der Ölpreis auf unter $30 pro Barrel. $30. Take that. Im Juni 2014 lag er bei $115. Das Vierfache. Die Konsequenzen sind dramatisch. Ja, sie sind schön für die Europäer, die Amerikaner, Japaner, Chinesen. Die Inflationsraten fallen auf geradezu gefährliche Tiefststände, vor allem wegen des Ölpreises. Deflation droht.

Woanders sind die Konsequenzen auch dramatisch. Aber anders.

Saudi-Arabien ist im Fokus der Welt. Krieg im Jemen, kalter Krieg mit dem Iran, verdeckte Unterstützung für den IS und andere islamistische Terroristen und Jihadisten, Massenexekutionen. Der Westen macht sich Sorgen, den Schiiten haben die Saudis de facto den Krieg erklärt. Aber in Saudi-Arabien selbst spielt das alles keine so große Rolle. Für die Saudis sind andere, unerhörte Vorgänge viel wichtiger. Dem Königshaus beginnt das Geld auszugehen. Der lächerlich niedrige Benzinpreis wurde schon um 40% erhöht. Andere Preiserhöhungen und Subventionskürzungen in vielen Bereichen haben begonnen und wurden angekündigt. Wasser, teurer als Benzin, wird noch teurer. Strom wird teurer. Nicht mehr alle öffentlichen Dienstleistungen sind umsonst. Der Deal des Königshauses mit dem Volk gerät in Gefahr: Üppige Alimentierung gegen politische Ruhe.

Um 23% fielen die Öleinnahmen des saudischen Staates letztes Jahr. Öleinnahmen machen drei Viertel der Staatseinnahmen aus. Ähnlich sieht es in den anderen Ölstaaten aus. Die Konsequenzen sind zusammenbrechende Regime. Venezuelas bolivarische Revolution liegt in Trümmern, zusätzlich zu dem ganzen Chaos des Herrn Chavez basierte sie leider ausschließlich auf üppigen Öleinnahmen. Nigerias Präsident Buhari verdankt seine Wahl dem Ölpreisverfall. Mit so wenig Öleinnahmen konnte Vorgänger Jonathan seine chaotische Staatsführung nicht mehr finanzieren, überall Unruhen, exzessive Korruption durch Staatsdiener, die kein Gehalt mehr bekamen. Putin kann sich noch halten, aber die Staatseinnahmen sinken und sinken. Irgendwann ist das ein Problem.

Es wäre für die Ölproduzenten immer noch ein Leichtes, mit massiven Förderkürzungen Preiserhöhungen zu erzwingen. Vielen würden gerne. Aber Saudi-Arabien weigert sich standhaft. Sie pumpen wie verrückt, fluten den Markt mit Öl. Ohne die Saudis kann niemand den Preis erhöhen.

Die Strategie ist klar. Seit der großen  Krise 2008 stagniert die Weltnachfrage nach Öl. Wachstum in einigen Schwellenländern wird kompensiert durch sinkende Nachfrage in Amerika und Europa. Alternative Energien verdrängen Heizöl, effizientere Autos in den USA lassen die Benzinnachfrage sinken, ebenso die Urbanisierung und der nachlassende Sexappeal des Autos. Hybrid- und Elektroautos am Horizont verheißen nichts Gutes. Die Städte Chinas und Indiens paralysieren sich selbst durch zuviele Autos – moderne öffentliche Verkehrssysteme nach dem Vorbild Singapores sind die Lösung. Metros brauchen kein Öl.

Dazu drängen Irak und Iran auf dem Markt. Der IS ist außer Reichweite der der irakischen Ölquellen geschossen worden, der Iran hat die Sanktionen abgeschüttelt. Zwei schiitische Feindstaaten aus der Sicht der Saudis. Gegen sie kann man mit dem Preiskrieg wenig machen, ihre Produktionskosten sind ähnlich niedrig wie die eigenen.

Aber gegen anderen, gegen die mit den höheren Produktionskosten kann man etwas tun. Die Preise in den Keller jagen, auch wenn es selbst weh tut. Den anderen tut es noch mehr weh. Überall wurden riskante, teure Explorationsvorhaben gestoppt, in der Arktis, Tiefsee, Frackingöl und so weiter.

Aber, zur Überraschung der Saudis, die US-Ölproduktion geht nicht zurück. Einige kleinere Explorations-Firmen gingen pleite, aber die allermeisten kommen offenbar mit dem heutigen Preisniveau immer noch gut zurecht. Einige fette Jahre waren ausreichend, ihre Investitionen zu amortisieren.

Die US-Ölproduktion ist das eigentliche Ziel der Saudi-Preispolitik. Sie zu ruinieren ist das Ziel. Wirtschaftlich und politisch. Gelingt es, sie von über 9 wieder auf die ungefähr 5 Millionen Barrel am Tag zu drücken, die vor dem Fracking-Boom üblich waren, dann kann man den Preis wieder steigen lassen. Vor allem aber brauchen die USA die Saudis dann auch politisch wieder. Heute sind die Saudis zunehmend entbehrlich für das Weiße Haus, und das macht sich politisch bemerkbar. Der Atomdeal mit dem Iran. Die schiitische Regierung in Bagdad. Mubarak einfach so fallen lassen. So etwas machen die USA nur, wenn sie die Saudis nicht mehr brauchen.

Für Riad ein riskantes Spiel mit dem Feuer. Es kann sein, dass der eigene Laden brennt bevor die US-Ölproduktion in die Knie gezwungen wird. Das Militärabenteuer im Jemen kann zum saudischen Vietnamkrieg werden. Das Volk wird rebellisch, wenn das Geld ausbleibt. Mehr als einige Jahre halten die noch üppigen Cash-Reserven der Saudis das nicht aus. 90 Milliarden haben sie letztes Jahr mehr ausgegeben als eingenommen. Lange geht das nicht.

So oder so, für den Rest der Welt ist es auch ein Spiel mit dem Feuer, und der Rest der Welt verliert egal wie es ausgeht. Saudi-Arabien ist ein Pulverfass, mit viel Geld und mit wenig Geld, anyway. Dennoch: Der einzige Ausweg ist, weg vom Öl. Wir sind süchtig nach dem Dreck. Wie bei jedem Süchtigen tut eine Entziehung weh. Aber sie muss sowieso sein, sonst grillen wir uns im Klimatreibhaus selbst. Ohne das Öl-Geld sind die Saudis bald nichts mehr, und das ist besser so. Praktisch alle anderen Länder der Region haben die Menschen, das Potenzial für eine Wirtschaft ohne Öl. Iran sowieso. Tolle, gut ausgebildete Menschen, das Potenzial für ein industrielles Schwellenland. Irak ohne Krieg und Bürgerkrieg im Prinzip auch. Jemen hat kein Öl, nur aggressive nördliche Nachbarn. Dubai kann Casino spielen. Nur die Saudis haben nichts außer Mekka, außer ihren fanatischen Klerikern. Sie haben immer nur andere für sich arbeiten lassen. Wenn sie die nicht mehr bezahlen können, stehen sie vor dem nichts. Es wäre besser gewesen, sie wären nie wichtig geworden. Das Öl war der Fluch. Den Abstieg der Saudis zu managen, wird die Herausforderung für die Welt sein. Er ist unausweichlich, das Öl hat keine Zukunft. Alle anderen Länder haben eine Zukunft nach dem Öl. Saudi-Arabien nicht.

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Cars are just not sexy anymore

Über sunflower22a

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4 Antworten zu Oil

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Waren Autos je sexy? Für mich ist es schlicht ein Gebrauchsgegenstand.

    Nun ja, Du hast wie so oft einen schönen Überblick über die Situation gegeben. Und ja, wir müssen vom Öl weg und von den Saudis weg, die ja auch einer der Hauptunterstützer des IS sind.

    Ist vielleicht nicht sehr nett für das saudische Volk, aber welche Alternativen gibt es? Ich sehe leider keine.

    • Vox Populist schreibt:

      Wir beziehen unser Öl im Wesentlichen aus Norwegen, Großbritannien und Russland, nicht aus dem Golf (schon aus logistischen Gründen – Pipelineverbindungen, kurze Transportwege). Auch die Amerikaner sind nicht mehr vom arabischen Öl abhängig. Beispielsweise bezieht Deutschland gerade mal 2 % seines Öls aus Saudi-Arabien, aber über 30 % aus Russland.

      Der wesentliche Einfluss der Saudis und der Emirate im Westen besteht heute aus ihren diversen Beteiligungen an westlichen Schlüsselfirmen, in Deutschland besitzt Katar z.B. große Anteile von VW, Daimler, Deutsche Bank, EOn und Co. Selbstverständlich opponiert die Kanzlerin nicht gegen diese Regimes, ansonsten hätte sie sofort die wütenden Vorstandsvorsitzenden dieser Großkonzerne im Kanzleramt sitzen.

  2. Janusz schreibt:

    Die Saudies sind an dem aktuellen Öl-Boom nicht alleine Schuld. Auch die USA produzieren en masse Öl um ihr teures Fracking rentabel zu halten. Und die Russen produzieren Öl aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Auch hier wird mit dem Öl-Geld das Volk bei Laune gehalten. Das alles treibt den Preis in den Keller. Das freut den Verbraucher ist aber gesamtwirtschaftlich und auch gesamtpolitisch nicht ganz ungefährlich. Und da gebe ich dir beim Rest deines Beitrages definitiv Recht.

    LG,
    Janusz

  3. HERDIR schreibt:

    Danke für die Analyse … ich hatte das mit eigenen Worten versucht zu erklären aber jetzt nutze ich Deinen Text (Link) um den Freunden nahezu bringen was ich meinte … Vor allem Danke für den Teil:
    „Den Abstieg der Saudis zu managen, wird die Herausforderung für die Welt sein. Er ist unausweichlich, das Öl hat keine Zukunft. Alle anderen Länder haben eine Zukunft nach dem Öl. Saudi-Arabien nicht.“ … Ich denke auch das man unterstützen, managen, helfen sollte … befürchte aber eher, dass zukünftig die Saudis noch mehr „austicken“ werden, genügend Waffen und ausreichend Einfluss haben sie noch um einen Teil der Welt in Flammen zu setzen … Ihre Freunde (USA z.B.) sollten ihnen helfen beim „Entzug“ …

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