Midnight in Berlin

„Midnight in Paris“ ist ein faszinierender Film. Wie gerne würde auch ich in die Vergangenheit eintauchen, in  die wundervolle Zeit der 1920er Jahre, oder auch in das Berlin im Kaiserreich. Es müssen spannende Jahre gewesen sein, voller Dynamik, voller Unruhe, auch voller Armut und wirtschaftlicher Unsicherheit. Der wissenschaftlich-trockene, aber oft sehr interessante Blog „Wissenschaftliche Forschung über Sexarbeit und Prostitution“ hat dazu kürzlich ein lesenswertes Papier präsentiert, mit dem trocken-mysteriösen Titel „Gefühle in der Friedrichstraße. Eine emotionshistorische Perspektive auf die Produktion eines Stadtraums, ca. 1870-1910“ von Joseph Ben Prestel. Emotionshistorische Perspektiven. Ich bin fasziniert.

Er beschreibt in unfreiwillig komisch wirkender wissenschaftlich-trockener Sprache, wie es in der Gegend um die Berliner Friedrichstraße im Kaiserreich zuging, wie der Aufstieg Berlins von der Kleinstadt zur Weltstadt profunde Veränderungen mit sich brachte. Dort entstand ein Vergnügungsviertel, gegen das die Gegend heute geradezu langweilig wirkt. Katalysatoren waren die Eröffnung der ersten deutschen Shopping Mall, genannt Kaisergalerie, 1874 und des Bahnhofs Friedrichstraße 1882. Pretzel zitiert die Zeitschrift „Gartenlaube“ von 1874:

 „Noch vor gar nicht so langer Zeit trugen die Straßen Berlins fast durchweg den Charakter tödlicher Nüchternheit und echtester Kleinstädterei“.

Nun, was macht ein Vergnügungsviertel aus? Kunst, Musik, Erotik, Tanz, Essen, Trinken. Das Laster. Vergnügung, Plaisir, Pleasure – das  ist Laster, Sünde, Verderben in der protestantischen Moralethik, der Gutmenschen-Moralethik. Davor muss also gewarnt werden. Pretzel zitiert einen Reiseführer, der schon 1890 warnte, dass sich in der Gegend „neben den Licht auch die Schattenseiten des Weltstadtbetriebs“ zeigen.

Damit ist natürlich gemeint, was sonst, die Prostitution. Das muss man verbieten, bekämpfen, na klar. Das war nicht so einfach. Pretzel zitiert einen Polizeibericht von 1884, dass die „heutige Mode des Schminkens u. des Putzes“ es schwer mache, zwischen einer „Prostituierten“ und einer „anständigen Frauenperson“ zu unterscheiden.

Natürlich nahm die preussische Polizei lieber einige Frauen zuviel als zuwenig in Gewahrsam.

Im Laufe des Jahres 1896 nahm die Polizei in Berlin 30,196 Frauen unter der Anschuldigung der ‚gewerbsmäßigen Unzucht‘ fest. Von diesen  Frauen waren 4,402 der Polizei nicht vorher bekannt und wurden mit einer Verwarnung entlassen. Dies bedeutet, dass 1896 im Durchschnitt täglich zwölf Frauen in Berlin festgenommen wurden, deren Stellung als Prostituierte nicht endgültig geklärt werden konnte.

Alles vergebens. 1910 schreibt ein Reiseführer:

„Die Lebewelt und ihr Anhang sind hier zu finden, weshalb Damen empfohlen sei, bei eintretender Dunkelheit nicht ohne Begleitung durch die Friedrichstraße zu gehen“

Lebewelt. What a fascinating term. The literal opposite of the Lebewelt must be a graveyard.

Ich musste oft kichern, wenn Pretzel in seinem Wissenschaftsjargon beschreibt, was los war:

„Verweise auf den Zusammenhang zwischen Gefühlen und den Gefahren der Gegend der Friedrichstraße machen auch deutlich, dass die Debatten um das Vergnügungsviertel an eine historisch­spezifische  Vorstellung von Subjekten geknüpft waren.“

So ist das wohl, auch wenn ich nicht verstehe was er sagen möchte.

Könnte ich irgendwo eine Reise in diese Zeit buchen, ich würde es sofort tun. Midnight at the Friedrichstrasse, 1894. I am so curious.

T0021

I guess our job is easier today than  a hundred years ago…

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Midnight in Berlin

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