Heldinnen: Khalida Jarrar

Viele Menschen im Westen sind seit neuestem besorgt über die Rechte der Frauen in arabischen Ländern. Selbst diejenigen, denen Frauenrechte normalerweise völlig egal sind,  entdecken ihr Herz für Araberinnen. Das war Thema meines vorletzten Blogposts.

Diese Leute haben jetzt wieder einen Fall, bei dem sie sich engagieren könnten, wenn sie es ernst meinen würden. Khalida Jarrar ist eine der mutigsten Frauen Palästinas, Abgeordnete des palästinensischen Parlaments, führendes Mitglied der Popular Front for the Liberation of Palestine. Eine Partei, die geradezu ein Leuchtturm in der Wüste nahöstlicher Politik ist: säkular, sozial progressiv, emanzipatorisch.

khalida.jarrar

Khalida wurde jetzt von der zionistischen Kolonialmacht für 15 Monate in den Knast geworfen. Dass die Kolonialmacht Israel in Palästina überhaupt nichts verloren hat und sich nur durch den seit 1967 andauenden Bruch des Völkerrechts überhaupt dort aufhält, ist sowieso klar. Aber auch in Khalidas Heimatstädtchen al-Bireh  hat die Kolonialmacht nichts verloren, laut dem Oslo-Abkommen gehört al-Bireh zur Zone A (ausschließliche palästinensische Kontrolle).

Im April 2014 wurde ihr Haus von 50 Soldaten umringt und ihr eine Deportationsverfügung übergeben. Sie habe 24 Stunden, sich nach Jericho zu begeben, sie sei eine „Bedrohung der Sicherheit Israels“. Auch Jericho gehört zur Zone A, auch dort hat Israel keine Kompetenzen.

Monatelang hielt sie sich im palästinensischen Parlament in Ramallah auf, lebte und arbeitete dort – wenn die Kolonialmacht sie schon verhaftet, dann sollte es wenigstens so spektakulär wie möglich sein. Nichts passierte, sie zog wieder nach Hause, aber der Sieg war trügerisch. Am 2.April 2015 wurde sie zuhause ohne Anklage verhaftet. Von den 12 Anklagepunkten blieben zwei übrig: incitement against Israel (das ist das gute Recht eines besetzten Volkes gegen seine Besatzer) und Mitgliedschaft in einer politischen Partei (Israel hat alle palästinensischen Parteien verboten).

Wo bleiben die Kampagnen im Westen für Khalida? Wo sind die Abgeordneten des Bundestags, des Europaparlaments, House of Commons, U.S. Congress, die sich für ihre Kollegin einsetzen? Nichts. Schweigen. Sie ist nur eine Palästinenserin, nicht weiter wichtig.

Sie ist jetzt die 37. Abgeordnete des palästinensischen Parlaments, die Israel inhaftiert hat. Demokratische Staaten verhaften keine Abgeordneten, sie reden mit ihnen. Wann endlich verhängt die Welt gegen Israel dieselben Sanktionen wie einst gegen Apartheid-Südafrika?

Über sunflower22a

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8 Antworten zu Heldinnen: Khalida Jarrar

  1. waswegmuss schreibt:

    Sanktionen und Resolution gehen denen doch tausend Meter am Allerwertesten vorbei. Wenn die große starke Hand aus Amiland etwas zurückgezogen wird könnte sich etwas ändern. Wird aber nicht.

  2. Janusz schreibt:

    Liebe sunflower,
    ich kann nur Vorsicht anmahnen bzgl. des Begriffs „Kolonialmacht“ und deinem historischem Bezug auf den Sechs-Tage-Krieg. Die geschichtliche Lage Israels ist leider nicht ganz einfach und da hat, meiner Meinung nach, schon damals 1948 die Staatengemeinschaft insbesondere die Briten mit dem Ende des Völkerbundmandats von 1922 versagt, was bekanntlich, unter Ignorierung der arabischen Bevölkerung, zur Gründung des Staates Israel führte. Und dieser Staat schloß die Gebiete des Gazastreifens und des Westjordanlandes mit ein!
    Dass nun mit der Staatsgründung auch gleich der erste Krieg Israels gegen die arabischen (Nachbar-)Staaten anfing, führte erst dazu, dass der Gazastreifen und das Westjordanland den heutigen Status erhielten.
    Das versuchte nun Israel seinerseits in den Jahrzehnten danach wieder rückgängig zu machen. Sprich, aus Sicht Israels wollen sie sich nur zurückholen, was ihnen sowieso schon gehört. Dort also in der politisch höchst komplizierten Lage von einer Kolonialmacht zu sprechen ist nicht wirklich richtig.
    Ich möchte hier jedoch nicht die israelische Politik verteidigen, die gegenüber der arabischen Bevölkerung alles andere als liberal und demokratisch ist. Allerdings ist es der Terror der Hamas bzw. (damals) auch der Fatah ebenso wenig. Die ganze politische Lage dort stärkt nur die radikalen Kräfte auf beiden Seiten. Israel als eigener Staat hat da nur leider mehr Macht seine Politik durchzusetzen. Eben auch mit Verhaftungen, Enteignungen und Ausweisungen. Und das sollte von der Staatengemeinschaft geächtet werden!

    Janusz

    • sunflower22a schreibt:

      Lieber Janusz, einfach ist das alles nicht, sicher. ich will gar nicht argumentieren ob die Gründung des israelischen Staates nicht bereits ein Akt des Kolonialismus war – ich finde ja, es war so. Aber das ist Geschichte, und dazu eine von der UN abgesegnete Geschichte. Für die Vertriebenen von damals ist es die Nakba, die Katastrophe. Immer noch. Es ist auch eine andere Katastrophe als für die deutschen vertriebenen von 1945: wer einen Krieg anfängt und ihn verliert, darf keine Gnade erwarten. Für die Palästinenser gilt das nicht, sie müssen für den Krieg der Deutschen mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen. Aber darum geht es jetzt nicht.
      Westbank und Gaza gehören nicht zu Israel. Was dort stattfindet, ist die Fortsetzung des Kolonialismus von 1948, und im Gegensatz zu damals nicht von der UN abgesegnet. kein einziger Staat, nicht einmal die USA, erkennen den Anspruch Israels auf Westbank und Gaza an. Immer mehr Staaten erkennen den Staat Palästina an. Immer neue Siedlungen sollen die Palästinenser nach und nach verdrängen. Warum darf man dazu nicht Kolonialmacht sagen? Völlig egal was für Zustände im palästinensischen Volk herrschen, es ändert nichts daran: Israel ist Kolonialmacht in der Westbank, kolonisiert sie, will sie dem eigenen Staat einverleiben.

      • Vox Populist schreibt:

        Deine Sicht der Geschichte ist allerdings auch ziemlich von Deinem persönlichen Hintergrund gefärbt und hat wenig mit den historischen Fakten zu tun, denn die sprechen eine komplexere Sprache als „die Juden sind schuld“. Du übernimmst hier sogar eine falsche Behauptung von Mahmoud Ahmadinedjad, nämlich dass Deutschland den Judenstaat unfreiwillig verursacht habe durch den Holocaust, Israel also praktisch ein historischer Unfall wäre den eigentlich niemand gewollt habe.

        Letztlich ist dieses chicken-and-egg Paradoxon, wer irgendwann mal zuerst Anspruch auf das Land hatte und wer dann mit dem Herumkriegeln angefangen hat, aber auch eine rhetorischer circle jerk und nicht lösungsorientiert, da es den Menschen Heute nicht hilft und nur für die Legitimation aktuellen Unrechts wechselseitig herangezogen wird.

        Zum Glück haben wir uns in Deutschland von diesem Territorialfetisch nach zwei verlorenen Weltkriegen verabschiedet, ansonsten wären wir Heute noch mit Polen, Tschechien und Frankreich im Konflikt, wegen der umstrittenen Gebiete im Elsaß, Lothringen, Ostpreußen und dem Sudetenland. Mehr als genug junge Deutsche sind für diese Territorien verreckt. Dieser Territorialfetisch hat auch Russland in die Isolation geführt, weil man unbedingt ein verloren gegangenes Gebiet dem eigenen Reich wiedereinverleiben wollte. Ist es das wert?

        Wann immer den Eliten die Zukunft der eigenen Kinder weniger wichtig ist als Boden, ist ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt zwangsläufig. Das ist keine Spezialität der Juden und Araber, mit dem Balkan haben wir hier in Europa unser eigenes Zündfass vor der Nase, in dem die Menschen sich ohne unsere Militärpräsenz immer noch gegenseitig die Köpfe einschlagen würden, wegen irgendwelcher historischer Ereignisse die 25 Generationen her sind (wie die Schlacht auf dem Amselfeld) und immer noch für die Rechtfertigung von heutigen Gewalttaten herangezogen werden. Die Kinder saugen den Hass der Eltern schon mit der Muttermilch auf und geben ihn an ihre eigenen Kinder weiter.

        Ich wünschte mir, die Menschheit würde baldigst aus diesem Urschlamm von Blut und Boden-Ideologie herauskriechen und diese kleingeistige mittelalterliche Vorstellung von Grenzen und zu verteidigenden Territorien ablegen, aber das wird wohl noch ein paar Jahrhunderte brauchen. Wir wissen um die Unendlichkeit des Universums und können Raumschiffe auf Kometen landen, sind aber immer noch misstrauische Reptilienhirne die argwöhnisch ihre Höhle bewachen.

        Ansonsten stimme ich Dir zu. Die Oberherrschaft über die Palästinensergebiete seitens der israelischen Militärbürokratie, die Vertreibung der Bevölkerung durch gezielte Zersiedelung des Landes, die tägliche Schikane durch Militär und Bürokratie, dies sind die Handlungen einer Kolonialmacht, eines Besatzungsregimes. Wer auch immer wann und wie Anspruch auf das Land hatte, heutiges Unrecht ist und bleibt Unrecht, die Verantwortlichen sind Verbrecher, die in einer gerechten Welt in einer Zelle in Den Haag schmoren würden.

        Der palästinensische Durchschnittsbürger ist zwischen Israels Besatzungsmacht und der Hamas-Gangsterbande gefangen wie zwischen Skylla und Charybdis, er hofft auf einen Odysseus, der so bald nicht kommen wird. Der Durchschnittsisraeli hat aufgehört sich überhaupt nur nach Odysseus zu sehnen, da seine Führer das Kunststück geschafft haben, die Kosten der eigenen Verbrechen an eine ausländische Macht (die USA) outzusourcen. Er lebt auch ohne Odysseus leidlich bequem, zu bequem um am Status quo etwas ändern zu wollen.

  3. Vox Populist schreibt:

    Frieden gibt es erst dann, wenn die Führer auf beiden Seiten davon profitieren. Gegenwärtig können Sie mit dem Status Quo nicht nur sehr gut leben, sie müssen ihn sogar aufrechterhalten um sich selbst an der Macht zu halten.

    In einem Land der „guten Nachbarn nach innen und nach Außen“ (Willy Brandt) würden die Bürger in Palästina ebensowenig die Hamas-Terroristenbande unterstützen, wie die Bürger in Israel Rassisten wie Netanjahu, Bennet und Lieberman. Diese Scheusale bedingen einander. Im Frieden braucht sie niemand.

    Deshalb kann die aktuelle Regierung Israels auch gar kein Interesse daran haben, auf palästinensischer Seite liberale Kräfte wie Frau Jarrar zu unterstützen. Nicht von ungefähr hat Israel ursprünglich den Aufbau der Hamas gefördert, um die PLO von Arafat zu schwächen. So lange die Palästinenser nicht einmal untereinander einig sind, können sie auch keine starke Verhandlungsposition gegenüber Israel einnehmen – das unterscheidet sie beispielsweise fundamental von den Schwarzen in Südafrika während des Endes der Apartheid, die mit Nelson Mandela einen unter den eigenen Leuten und international weithin respektierten Führer hatten, und mit dem ANC eine schlagkräftige Organisation die für alle Schwarzen sprechen konnte. Einen palästinensischen ANC gibt es nicht, einen palästinensischen Mandela gibt es nicht und das ist der israelischen Regierung mehr als recht.

    Auch auf der Metaebene dieses Konfliktes, also nicht der regionalen, sondern der internationalen Ebene, haben die bestimmenden Kräfte ein Interesse daran, die Streithähne weiter aufeinander los gehen zu lassen. Die Vereinigten Staaten brauchen Israel als Kerosin des internationalen islamischen Terrorismus, weil nur der den Ausbau des militärisch-geheimdienstlich-industriellen Komplex an der Heimatfront rechtfertigt. Die Araber und Iraner brauchen die Palästinenser als ewiges Faustpfand und Bauernopfer, um Hass auf den Westen zu schüren und damit von den Defiziten der eigenen Regierungsführung abzulenken und die Frustration der Bevölkerung auf äußere Feinde umzuleiten.

    Man wird diesen gordischen Knoten nicht in näherer Zukunft durchschlagen können. Das wäre überhaupt erst möglich, wenn bei den Mächten im Hintergrund (wie den USA und Iran) ein drastischer politischer Wandel in der Außenpolitik stattfände. Im Iran bräuchte es dafür wohl eine zweite Revolution und Überwindung der Theokratie, in den USA einen Kongress und Präsidenten, die nicht mehr von mächtigen Lobbygruppen wie AIPAC abhängen. Niemand der als israelkritisch gilt, hat in den USA eine Chance auf ein hohes Amt. Eine Revolution ist im Iran aber nicht in Sicht und der nächste amerikanische Präsident wird voraussichtlich israelfreundlicher sein als Barack Obama. Und das gilt für jedweden Republikaner ebenso wie auch für Hillary Clinton.

    • Janusz schreibt:

      Eine gemeinsame Organisation der Palästinenser gibt es schon, die PLO. Und sie hatten einen Führer, Jassir Arafat. Allerdings hatte Arafat und mit ihm die PLO nie die Kraft und Macht alle Palästinenser hinter sich zu vereinen, wie es vielleicht ein Nelson Mandela mit dem ANC geschafft hat. Zumal in Palästina die politischen Interessen zu vieler Parteien im Spiel sind.
      Nichtsdestotrotz hast du recht, dass es im Nahen Osten und damit auch nicht in Isreal und Paläsina einen Frieden geben wird, so lange es Unterstützung aus den USA und der westlichen Welt geben wird. Wir waren mal fast soweit so etwas wie einen Freiden zu haben, im Jahr 2000. Der wurde dann aber wieder jäh zerstört nach dem Besuch Shimon Peres auf dem Templeberg. Von wem auch immer. Seid dem haben nur noch die radikalen und reaktionären Kräfte die Oberhand und der Terror auf beiden Seiten, Israeles und Palästinas, nimmt kein Ende mehr.
      Da kann man nur hoffen das die politischen Kämpferinnen a la Khalida Jarrar immer ein kleines Stück dieses Konflikts auflösen und es so auf lange Sicht doch einen Frieden geben wird.

      Janusz

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