Anerkennung

Meine liebe Freundin E. lädt mich zu einem Wochenende auf dem Land ein. Schönes Herbstwetter, why not. Vor Jahren war sie mal in einer winzigen süßen Privatpension in den Weiten der Landschaft zwischen Berlin und Ostsee. Da möchte sie wieder hin. Aber sie weiß nicht mehr wie sie heißt, aber genau wo sie liegt. Google findet nichts. Wir fahren einfach hin, schlägt sie vor. Notfalls nehmen wir was anderes.

Als wir ankommen, stellen wir fest, die Pension ist keine Pension mehr. Es wurde der alten Dame zu anstrengend. Aber als E. sagt, sie war schon mal da, und es war so schön, sagt sie nach einem zweifelnden Blick, nun gut, die beiden Zimmer sind ja noch da. Sie können die Betten selbst beziehen, ich mache die Heizung an, wenn Ihnen die Zimmer nicht sauber genug sind, gebe ich Ihnen den Staubsauger. Frühstück, darum kümmert sie sich.

Ein Bett reicht für uns beide, meint E. Ein weiterer zweifelnder Blick.

Rasch ist das Zimmer bezugsfertig, alles eher basic aber toller Ausblick. Ein schöner, windiger Tag. Wir schauen uns die Gegend an, wirklich reizend. Abendessen muss man in dieser Region früh, sonst gibt es nichts mehr. Das Land der Frühaufsteher nennen sie sich hier, fremde Länder, fremde Sitten.

Nach dem rustikalen Abendessen kommen wir in die reaktivierte Pension, Madame bittet uns in ihr Wohnzimmer, wollen Sie ein Glas Wein trinken. Sie bekommt nicht mehr viel Besuch. Der Sohn lebt in der Schweiz, meldet sich selten. Der Gatte schon lange tot, viel nachgeweint hat sie ihm nicht, sie hat ihn mehr ertragen als geliebt. Ein in jeder Hinsicht unspektakuläres Leben. Keine Dissidentin in der DDR, keine Heldin der Arbeit, den Mauerfall hat sie im Fernsehen erlebt und wusste nicht ob das gut oder schlecht ist. Immer skeptisch gegenüber begeisterten Volksmassen. Sie hat sich immer gewehrt, wenn man ihre Welt zerstören wollte. Sie hat sich viele Gedanken gemacht über die große Welt, aber sie wollte sie nie erkunden. In Westdeutschland war sie genau zwei mal, in Berlin kein Dutzendmal. Der große Garten, das ist ihre Welt. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von ihren Gemüsezüchtungen, den alten Obstbäumen, den wunderbaren Himbeeren. Es nagt an ihr, dass in 10, 15 Jahren dieses kleine Paradies niemanden mehr haben wird. Die Jungen gehen alle weg, es ist trostlos.  Niemand will das noch, niemand kann das noch.

Wir könnten unterschiedlicher nicht sein, sie, E. und ich. Und doch wurde es ein wunderbarer Abend, bis weit nach Mitternacht.

Himbeeren, ihre Leidenschaft. Sie holt ihre Himbeermarmelade. Wunderbare Kreation.

Seufzend sagt sie, sie wünscht, sie hätte mehr solche Gäste gehabt. Gäste, die nicht Industriemarmelade aus Aluschälchen ihren Kreationen vorgezogen hätten. Gäste, die sich für ihren paradiesischen Garten interessiert hätten. Gäste, die ihre Obstbäume für wichtiger gehalten hätten als den fehlenden Internetanschluss. Meckern, großspurig daherkommen. Das sind für sie die Berliner.

Ich erzähle ihr von meiner Freundin C., die Berlin verlassen und auf dem Land neu angefangen hat. Zu meiner Überraschung ist sie nicht begeistert. Sie hofft, es machen nur wenige. Sie liebt die Menschenleere ihrer Heimat, hoffentlich bleiben die Städter in der Stadt. Ich verstehe. Ländliche Gentrifizierungs-Angst, in a way.

Wir sind fasziniert von ihr, und doch wir wissen, das ist nicht unser Leben. Sie ist fasziniert von unseren Stories, und doch sie weiß, das ist nicht ihr Leben.

Ich bewundere sie. Eine Frau, die ihren Weg geht. Einen Weg, den die meisten Menschen heute nicht mehr verstehen. Sie hat nie einen Preis erhalten, einen Orden, eine Auszeichnung. Sie braucht das nicht. Heute abend haben sich zum ersten Mal seit langem Menschen ehrlich für sie interessiert.  Für sie war es Anerkennung, für ein Leben voller Entbehrungen aber auch großem Glück. Für ihr Leben. Sie hat es verdient.

0303AS (174)

She was sure we’re lesbians, but she never mentioned it

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Anerkennung

  1. Provinzei schreibt:

    Gibt’s schon länger und geht jetzt erst richtig los.
    Gentrifizierung auf’m Land.
    Damit Frauchen und Töchterchen schön ein Pferdchen oder zwei halten können erhält der Wohnsitz auf dem Land, wenn es sein muss auch zweit oder Drittwohnsitz, eine ganz neue Bedeutung.
    So eine Stunde Fahrtzeit von Berlin City entfernt.
    Warum nicht ?
    Bewacht von Glatzköppen, da muss man sich schon mal keine Gedanken zwecks „Überfremdung“ machen.
    Bei Mir im Südwesten kaufen sich jetzt auch Leute ein, die 6 Stunden und mehr mit dem 6-Zylinder fahren müssen, um zur Arbeit zu kommen.
    Die Familie gut untergebracht, und man selber hat mehr Möglichkeiten zum Fremdficken.
    Ist ja auch wichtig. Muss man nicht mehr so viel Lügen.
    Jou. U.s.w..

  2. kalypso schreibt:

    ich würde mal sagen, diese erstaunliche dame hat sich selbst gefunden – inmitten ihres häuschens und ihrem „seelen“-garten. du fragtest mal nach heimat – that’s it!

  3. kalypso schreibt:

    kennst du den film “ aimeée & jaguar“

    vielleicht hätte diese ehrenwerte dame sich sowas auch gewünscht.

    eine einladung in ihr wohnzimmer deucht von unglaublicher toleranz!

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